Ärger an der B 174 reißt nicht ab

Ekel-Alarm am Grenzübergang, dichter Lkw-Verkehr mitten im Ort: Den Bürgern reicht es. Sie fordern schnelle Lösungen. Doch die bahnen sich nicht an.

Am Grenzübergang in Reitzenhain türmt sich der Müll. Wirklich verantwortlich für die Hinterlassenschaften der Trucker fühlt sich jedoch niemand. Eine Lösung ist kurzfristig nicht in Sicht.
Ein Blick aus Familie Grahnerts Fenster. Lkw nach Lkw durchfährt Reitzenhain auf dem Weg zur tschechischen Grenze.

Für Sie berichtet: Patrick Herrl

Ohren betäubender Lärm, gesundheitsschädigender Gestank - täglich donnern 1500 Lkw am Haus der Familie Grahnert vorbei. "Eine enorme Belastung", sagt Veronika Grahnert. Sie wohnt seit fast 40 Jahren direkt an der B 174 in Reitzenhain, ihr Ehemann Konrad sogar schon 70 Jahre. Doch mit dem Beitritt Tschechiens zum Schengener Abkommen und der Grenzöffnung für den Schwerlastverkehr ist es für das Ehepaar in ihrer Wohnung bei gekippten Fenstern kaum auszuhalten.

So wie den Grahnerts geht es fast der Hälfte der rund 300 Bewohner des Marienberger Ortsteils. Seit zehn Jahren kämpft daher eine Bürgerinitiative für eine Ortsumgehung. Zudem wurde seit 2012 jährlich demonstriert. Zwar prüft das Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv) seither verschiedene Varianten für eine Ortsumfahrung. "Doch uns wird immer nur erklärt, warum die Pläne nicht umsetzbar sind", ärgert sich Veronika Grahnert. "Es muss aber irgendeine Lösung geben. Und das schnellstmöglich."

Deshalb wollte sich die Reitzenhainerin zu Beginn des Jahres erneut mit einer Demo Gehör verschaffen. "Doch Oberbürgermeister André Heinrich bat mich, diese abzusagen. Er wollte Ende März eine Sitzung mit Verantwortlichen aus Dresden einberufen." Dazu kam es jedoch nicht. Stattdessen untersucht das Lasuv aktuell eine weitere Variante für die Ortsumgehung, erklärt Sprecherin Isabel Siebert. Die Planung befindet sich erst ganz am Anfang. Eine Realisierung sei daher eher mittelfristig zu erwarten, ergänzt Siebert. Das bedeutet: Weitere Jahre verstreichen. Für Veronika Grahnert unbegreiflich: "Uns fehlen die Worte. Niemand interessiert sich scheinbar für das kleine Reitzenhain. Dabei ist es bei uns lebensgefährlich. Man kann im Ort nicht gefahrlos die Straße überqueren."

Ähnlich wütend über die Tatenlosigkeit der Politik ist Dagmar Drechsel. Auch sie wohnt in Reitzenhain. Auch sie ärgert sich über Transitverkehr und Brummifahrer. Auch sie fordert eine schnelle Lösung. Abfall, mit Urin gefüllte Plastikflaschen, beißender Gestank: Schon länger gleicht der Grenzübergang einer Müllkippe. Genauso lange streiten sich Behörden, wer für die Beseitigung des Mülls verantwortlich ist. "Eine Schande, wie es dort aussieht", widert Dagmar Drechsel der Anblick an.

Zwar ist die Stadt Eigentümer der Parkflächen. Doch Oberbürgermeister Heinrich lehnt es ab, den eigenen Bauhof dort aufräumen zu lassen. Der Grund: Für Heinrich ist der Verursacher des Mülls der Transitverkehr. Entsprechend sieht er Bund und Land in der Pflicht. "Doch es geht wie das Steineschneiden", kritisiert Heinrich fehlende Rückmeldungen. Und mit dem Problem steht die Bergstadt nicht allein da. Auch die Bürgermeister der anderen Kommunen entlang der B 174 nach Chemnitz kritisieren die autobahnähnlichen Verhältnisse. "Die Bundesstraße ist nicht für diesen Verkehr ausgelegt", sagt Wolfram Liebing, Bürgermeister von Wolkenstein. Er hat erst vor rund einer Woche beim Bürgergespräch in Chemnitz Sachsens Vizeregierungschef Martin Dulig auf die Zustände angesprochen. "Er hat es sich notiert", so Liebing.

Zumindest der Forderung nach geeigneten Rastplätzen für die Lkw scheint nun nachgekommen zu werden. Nachdem Heinrich drohte, die Parkflächen am Grenzübergang zu schließen, erfolgte kürzlich ein Treffen vor Ort mit Lars Roßmann vom Lasuv. Gesprächsthema war auch ein möglicher Verkauf. "Die Stadt ist bereit, das Grundstück zu veräußern", sagt der Oberbürgermeister.

Das Landesamt wiederum wolle die Öffentlichkeit über mögliche Ergebnisse aus dem Termin zeitnah informieren, teilt Sprecherin Isabel Siebert mit. Fest steht, dass in Reitzenhain ein Rastplatz mit WC errichtet werden soll. Von einem zeitnahen Baubeginn sei jedoch nicht auszugehen, so Siebert. Bis dahin soll eine Übergangslösung geschaffen werden. Wie die aussieht? Unklar. "Die Abstimmungen dazu werden aktuell geführt."

Neben dem Grenzübergang könnte auch an der Anschlussstelle zur B 180 bei Gornau/Amtsberg ein Lkw-Rastplatz entstehen. Doch bei diesem Plan droht neuer Ärger. Der kommt von den Grünen. "Eine bisher landwirtschaftlich genutzte Fläche müsste geopfert werden. Das können wir nicht befürworten", sagt Kreischefin Ulrike Kahl. Das Dauergrünland sei Lebensraum für viele Wiesenbrüter.

Ein weiteres Zubetonieren bleibe nicht folgenlos für die Versickerung von Regenwasser, betont die Grünen-Kreisrätin. Und der nächste Starkregen sei aufgrund des Klimawandels vorprogrammiert.

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