Ali findet seine Bestimmung

Ein junger Mann aus Afghanistan bekam durch ein FSJ Plus in einem Pflegeheim in Annaberg Anschluss, einen Abschluss und Perspektiven. Gleichzeitig brachte das Projekt die Organisatoren an ihre Grenzen.

Annaberg-Buchholz.

Damit hatte niemand gerechnet. Bevor Ali Jafari für seinen Freiwilligendienst ins Annaberger Altenpflegeheim St. Anna kam, wurden dort intensive Gespräche geführt - mit den Bewohnern, den Pflegern, der Leitung. Wollen wir das überhaupt? Das fragten sich alle Parteien und entschieden sich dann doch dafür, mit Ali erstmals einen Geflüchteten auszubilden. Mit Praktikanten und Mitarbeitern aus anderen Nationen konnte das Heim schon Erfahrungen sammeln, aber ein Muslim aus Afghanistan, das war allen neu.

Und dann kam Ali. Und alles kam anders als gedacht. Der schüchterne junge Mann hatte nämlich schon vorab in der Asylunterbringung und in Kursen reichlich Deutsch gelernt, kam pünktlich und zeigte keinerlei Berührungsängste - ebenso wenig wie die Heimbewohner. Damit hatten die Mitarbeiter nicht gerechnet.


"Von den Bewohnern war eine Offenheit da, die mich erstaunt hat", erzählt Pflegedienstleiter Daniel Otto. Keine Spur von Rassismus oder Ressentiments anderen Kulturen gegenüber. Auch die Tatsache, dass Ali Muslim ist, führte im katholischen Pflegeheim eher zu beidseitiger Neugierde. "Ich habe ausnahmslos positive Rückmeldungen bekommen", sagt Wohnbereichsleiterin Silke Krause.

Sie und Daniel Otto nahmen den jungen Mann unter ihre Fittiche, halfen ihm beim Ankommen und versorgten ihm sogar eine Nachhilfe für die Schule. Sie schwärmen regelrecht vom Projekt, auch von dessen Organisation und barrierearmer Bürokratie. Für ebendiese Organisation und Koordination der Freiwilligendienste im Landkreis ist der Verein "Freiwillig im Erzgebirge" zuständig, mit Hauptsitz in Marienberg. Der Verein begann im Jahr 2015 mit seinem Sonderprojekt "FSJ Plus".

Neben dem regulären Freiwilligendienst in einer sozialen Einrichtung, sollten Jugendliche die Möglichkeit bekommen, ihren Hauptschulabschluss nachzuholen. "Eigentlich war das Projekt ursprünglich eher für deutsche Jugendliche gedacht", sagt Juliane Rebentisch-Bercke, stellvertretende Geschäftsführerin des Vereins. Es habe allerdings nur sehr wenige Bewerber gegeben. Das Projekt startete mit vier Teilnehmern, nach wenigen Monaten hatten drei von ihnen abgebrochen. Bis sich die Organisatoren entschlossen, auch Flüchtlinge aufzunehmen.

Elf beteiligten sich, einer von ihnen Ali - mit zwei weiteren jungen Männern aus seiner Unterkunft. Ali kam im Annaberger Pflegeheim unter, brachte sich dort an drei Tagen in der Woche ein, an den restlichen beiden Tagen drückte er die Schulbank und lernte für seinen Hauptschulabschluss. Mit Erfolg und einem Zweier-Durchschnitt. Wie Ali schafften sieben weitere Projektteilnehmer ihren Abschluss ebenfalls.

Der Verein "Freiwillig im Erzgebirge" bucht das als Erfolg. "Ich denke, dass die Jugendlichen mit Asylhintergrund erfolgreicher waren, weil sie mehr Druck hatten", so Rebentisch-Bercke. Als Flüchtlinge waren die Jugendlichen darauf angewiesen, sich schnell die Sprache anzueignen, sich zu integrieren, sich ein Netzwerk zu schaffen, wie es auch Ali tat.

Wiederholen möchten die Vereinsmitglieder das Projekt dennoch nicht. Wie sie betonen, liegt das nicht an schlechten Erfahrungen, eher am enormen Zeitaufwand, an der Belastung für Organisatoren und Schüler. Wie Projektkoordinatorin Nydia Hieke erklärt, sei es für die Jugendlichen einfach zu viel, neben der Arbeit auch noch einen Schulabschluss zu schaffen. Ein weiterer Aspekt, den ihr Verein unterschätzt hatte, seien psychologische Probleme, die auch viele deutsche Jugendliche mitbrächten. "Wir hätten nicht gedacht, dass die psychologischen und persönlichen Probleme, die die Jugendlichen in der ersten Schullaufbahn scheitern ließen, sie nun erneut hindern", so Hieke.

Daher beschloss sie gemeinsam mit ihren Kolleginnen, zwar erneut ein FSJ Plus anzubieten, den Schulabschluss aber künftig auszuklammern. Der neue Schwerpunkt: Jugendliche mit körperlichen, psychischen und sozialen Beeinträchtigungen. "Das Projekt soll offen sein, für all diejenigen, die das Gefühl haben, etwas mehr Betreuung zu brauchen", so Hieke. Damit können ihrer Ansicht nach Behinderungen, eine Alkohol- oder Drogenvergangenheit oder persönliche Probleme stecken. Der Verein bietet dann persönliche Hilfestellung, aber auch psychologische Beratung, die den Freiwilligendienstleistenden den Alltag mit dem Praxispartner, das Einleben in die Arbeitswelt erleichtern.

Auch hier sind die Organisatoren durchaus bereit, auch Flüchtlinge mit ins Programm aufzunehmen, steht ihnen doch auch der Bundesfreiwilligendienst als Betätigungsfeld offen.

Missen möchte keiner der Beteiligten die vorangegangene Erfahrung des FSJ Plus. Der Verein "Freiwillig im Erzgebirge" konnte, trotz bürokratischer Mühen und zwei sehr zeitintensiver Jahre, sieben Jugendlichen zum Schulabschluss verhelfen. Das Pflegeheim St. Anna konnte wertvolle Erfahrungen sammeln und mehrere Mitarbeiter, darunter Pflegedienstleiter Daniel Otto und Wohnbereichsleiterin Silke Krause, würden jederzeit wieder ein solches Projekt betreuen.

Und Ali? Ali hat, wie er sagt, im Heim und vor allem im Personal eine Ersatzfamilie gefunden. Er beginnt im kommenden Schuljahr mit der Ausbildung zum Pflegeassistenten und kann sich gut vorstellen, irgendwann als Pfleger zu arbeiten. In Annaberg hat er seinen neuen Lebensmittelpunkt gefunden, er ist angekommen.

Noch können sich junge Leute übrigens für das FSJ, Start am 1. September, bewerben. Infos unter: www.fsj-erz.de

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