Ali und Mohammad - eine Ankunft im Erzgebirge

In einem erzgebirgischen Pflegeheim bewähren sich zwei junge afghanische Männer, die als minderjährige Flüchtlinge allein nach Deutschland gekommen sind. Unklar ist, ob sie bleiben dürfen.

Annaberg-Buchholz.

Für Ali und Mohammad trägt das Schicksal Polizeiuniform. Im Iran in der Provinz Teheran, wo beide lebten, ohne sich zu kennen, wurden ihre Familien und sie selbst von der Ortspolizei schikaniert. Kurz vor Weihnachten 2015 ging jeder für sich, fünfzehnjährig, auf den Weg in die Berge, mit zwielichtigen Führern auf abgründigen Straßen, voller Angst und voller Hoffnung, den Blick nach vorn. In der Türkei griff die Polizei sie auf, hielt sie eine Weile fest. Das brachte sie zusammen.

Gemeinsam setzten Ali und Mohammad den Weg über das griechische Meer und auf der Balkanroute fort, nach Norden. Sie wollten nach Skandinavien, zu Bekannten. Im Bus kamen sie bis München, dort zogen Polizisten sie aus dem Verkehr. Um nicht zurückgeschickt zu werden, nach Österreich und Kroatien und die ganze Balkanroute abwärts, beantragten sie Asyl und wurden Sachsen zugeteilt.

Die Damm-Mühle im erzgebirgischen Wünschendorf machte einmal Geschichte, als dort der Müller und fünf seiner Kinder starben, innerhalb von drei Tagen, an der Pest. Das war 1637. Inzwischen ist die historische Mühle ein Gasthaus, aber nach der großen Flüchtlingsankunft 2015/16 waren hier unbegleitete Minderjährige untergebracht, Fremde aus der Ferne, Fremde aus der Kälte wie Ali und Mohammad.

Sie lebten dort ein knappes Jahr, anfangs ohne Schulbesuch. Die Integrationsministerin Petra Köpping sagt heute, Sachsen sei damals auf 15.000 Flüchtlinge vorbereitet gewesen, es kamen 69.000. Ali und Mohammad, bildungshungrig, lernten auf eigene Faust. Nach einem halben Jahr wurden sie einem Deutschkurs in Zschopau zugeteilt. "Ich merkte, dass ich Geduld haben musste. So ist Deutschland", sagt Ali heute. "Und Papiere, Papiere, Unterschriften, immer wieder. Vorher hatte ich noch nie im Leben etwas unterschrieben."

Ali Jafari wuchs in Ghazni auf, einer Provinzhauptstadt im Inneren Afghanistans. Sieben Jahre lebte er dort. Die Stadt ist tausend Jahre alt, ein Hort der Dichtung und der Wissenschaft. Wikipedia zeigt das Foto eines 900 Jahre alten Minaretts. Ali sagt, er habe kaum Erinnerungen an die Stadt seiner Kindheit. Das Leben war karg und gefährlich und trieb die Familie nach Iran.

Vierzig Jahre Krieg - zwei Generationen von Kindern, die den Frieden nicht kennen. Und von Jugendlichen, die im Freund-Feind-Denken aufgewachsen sind. 1978 fand in Afghanistan ein kommunistischer Staatsstreich statt. Der Einmarsch sowjetischer Truppen zur Unterstützung des Regimes trieb mehr als sechs Millionen Afghanen in die Flucht, die Hälfte ging in den Iran. Nach dem Abzug der Sowjets kamen 1992 die Mudschahedin an die Macht, es begann ein Bürgerkrieg. Von Provinzhauptstädten wie Kandahar aus eroberten die Taliban das Land, das sie in ein rigides, islamisches Emirat verwandelten.

1998 fielen die Taliban über die Volksgruppe der Hazara her, einer ethnischen Minderheit in Afghanistan, der die Familien von Ali und Mohammad angehören. In Masar-e Scharif zogen Taliban "im Mordrausch" von Haus zu Haus, wie die Gesellschaft für bedrohte Völker einen UN-Offiziellen zitiert. Das dreitägige Gemetzel, das schlimmste Blutbad der jüngeren afghanischen Geschichte, blieb der Weltöffentlichkeit weitgehend unbekannt. Es gab so gut wie keine Berichterstatter.

2001 intervenierten die USA und ihre Verbündeten in Afghanistan, Deutschland machte mit. "Unsere Sicherheit wird nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt", sagte Peter Struck, der damalige Verteidigungsminister. Die Koalitionäre bekämpften die Taliban, installierten einen genehmen, anfangs prowestlichen Präsidenten, starteten Wiederaufbauprojekte. Aber das Land erholte sich kaum. Laut UN sind noch immer Millionen Afghanen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Arbeitslosigkeit ist epidemisch, die Wirtschaft schwach, die Zahl der Fachkräfte gering.

Die schlechte Sicherheitslage hat Hunderttausende Afghanen zu Flüchtlingen im eigenen Land gemacht. Außerhalb der Städte fehlt die Infrastruktur. Das Auswärtige Amt beschrieb im vorigen Sommer die Lage als unsicher und unbeständig. Trotzdem hat Deutschland 475 Afghanen binnen zweier Jahre dorthin abgeschoben, kritisiert Pro Asyl. Dem Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) war eine solche Abschiebung von 69 Menschen, darunter gut integrierten Flüchtlingen, an seinem 69. Geburtstag einen Lacher vor laufenden Kameras wert.

Mohammad Yousefi hat Afghanistan, das mittelalterliche "Land der Sonne", nur einmal mit eigenen Augen gesehen. Er kam im Iran zur Welt, wo seine Familie im Exil lebte, unter schwierigen Umständen. Die Geschichte dieser Nachbarschaft ist wechselhaft und kompliziert. Nach der islamischen Revolution des Ayatollah Khomeini gewährte der Iran ab 1979 muslimischen Flüchtlingen freizügig Einlass. Bis Anfang der 1990er-Jahre wurde Afghanen unbegrenzter Aufenthalt und ein gleicher Anteil an sozialen Leistungen gewährt, heißt es in einem Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung.

Wirtschaftliche Probleme, auch verschärft durch westliche Sanktionen, ließen viele Iraner die Afghanen zunehmend als Konkurrenten betrachten. Nun änderte die Regierung in Teheran ihre Politik: Es kam zu Entrechtungen, Abschiebungen und Rückführungsprogrammen unter Beteiligung des UN-Flüchtlingshilfswerks.

Wer blieb, brauchte ein befristetes Aufenthaltsrecht, die Amayesh-Karte. Sie musste jährlich neu beantragt werden und wurde immer teurer. "Ich hatte iranische Freunde im Dorf, aber je älter ich war, desto schwieriger wurde es", erzählt Mohammad. "Für die Iraner war es wie ein Schimpfwort: Afghane!" Drei Jahre konnte Mohammad eine Regelschule besuchen, dann entzog die iranische Verwaltung der Familie das Aufenthaltsrecht. Wohin sollte sie gehen? Pläne für eine Rückkehr nach Afghanistan zerschlugen sich. Eine kurze Reise dorthin endete mit erneuter Flucht.

Mohammad hatte als Kind schon zu arbeiten begonnen, lernte tischlern und schweißen. Wenn sich die Polizei wieder einmal, herrschsüchtig, willkürlich, an den Entwurzelten vergriff, brauchten sie Geld, um sich freizukaufen.

Mohammads Familie legte Wert auf Bildung. In einigen Vierteln der Hauptstadt Kabul, wo Hazara leben, strebten viele von ihnen in ruhigeren Zeiten an die Universität, berichtete das Wirtschaftsmagazin "Brand Eins" vor Jahren unter der Überschrift "Abschied von den alten Ketten". Inzwischen häufen sich auch in Afghanistans Hauptstadt wieder die mörderischen Anschläge. Die Hoffnung auf Sicherheit in Frieden, sie wird immer neu enttäuscht.

Die afghanische Gemeinde im Iran, von der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen, sucht Methoden, wenigstens ihren Kindern zu helfen. "Ich durfte nie in eine richtige Schule gehen", sagt Ali. "Aber es gab eine Frau im Viertel, die hat uns unterrichtet. Bei ihr habe ich lesen und schreiben gelernt." Auch Mohammads Eltern wollten, dass er lernt, und ließen ihn in einer Hinterhofschule unterrichten. Am Nachmittag ging der Junge zur Arbeit.

Als der Boden immer heißer wurde, entschieden sie sich zur Flucht. Es fällt ihnen schwer, darüber zu sprechen, was den Anlass gab. Aber sie, ihre Familien, ihre Leute waren dort, wo sie lebten, unerwünscht. Das war ihre Grunderfahrung.

Nach den Monaten in der Damm-Mühle und dem Schulbesuch in Zschopau verpflichteten sich Ali und Mohammad auf ein Freiwilliges Soziales Jahr. Es sollte ihrem Leben zwei entscheidende Impulse geben: Sie machten einen Schulabschluss, und sie lernten das St. Annaheim kennen.

Das St. Annaheim ist ein Pflegeheim in Annaberg-Buchholz, an der Flanke des Pöhlbergs gelegen, eine Einrichtung der katholischen Pfarrei Heilig Kreuz. In einem lichten Neubau aus dem Jahr 2000 wohnen etwa 70 pflegebedürftige Menschen, betreut von eben so viel Personal. Ali und Mohammad arbeiteten in ihrem zweijährigen Sozialen Jahr (Projekt FSJ-plus) jede Woche drei Tage lang in diesem Heim. Zwei Tage widmeten sie sich, mit Hilfe deutscher Freunde, dem Hauptschulabschluss. Der erste Schulabschluss ihres Lebens. Auf Deutsch.

Die Hauptschulprüfung ist Voraussetzung für eine Ausbildung. Ali und Mohammad haben sie als externe Prüflinge im Erzgebirge abgelegt. Sie hatten Unterricht in Mathe und Gemeinschaftskunde, Deutsch, Englisch und Geschichte. Simone Seibt, Schulleiterin der Oberschule Jöhstadt, sagt: "Mohammad schaffte seine Prüfungen mit Bravour. Er war freundlich, zuvorkommend, sehr fleißig. Er kannte unsere Schule nicht, aber wie er hier agierte, hat mich und meine Kollegen sehr beeindruckt. Es wäre schade, wenn junge Leute wie er hier bei uns keine Zukunft hätten."

Katrin Becher, Schulleiterin der Oberschule Sehmatal: "Ali ist definitiv ein Vorzeigebeispiel, ich zolle Bewunderung für seine Leistung. Er war ausgesprochen freundlich, höflich, ein überaus fleißiger und aufmerksamer Zuhörer. Ich brauche alle positiven Adjektive. Und ich drücke wahnsinnig die Daumen, dass er bleiben kann. Wenn solche Menschen gehen müssen, da habe ich Bauchschmerzen."

Im St. Annaheim hat sich um Ali und Mohammad, die inzwischen in einem Annaberger Internat wohnen, ein Freundes- und Helferkreis gebildet. Sie haben eine Ausbildung zum Pflegehelfer aufgenommen. Bei den Heimbewohnern sind sie geschätzt und beliebt. Pflegedienstleiter Daniel Otto und Wohnbereichsleiterin Silke Krause sehen sie als Familienmitglieder an. Zur Aufgabe der Pflegehelfer im Heim gehören Assistenzen bei der Körperpflege und der Hauswirtschaft, die Unterstützung der geprüften Altenpfleger, die Betreuung und Behandlung der Leute in Abstimmung mit dem Fachpersonal. Die Ausbildungsdauer beträgt zwei Jahre. Gute Pflegehelfer werden händeringend gesucht.

Vor einigen Wochen haben Ali und Mohammad einen Abschiebungsbescheid erhalten. "Wir kämpfen darum, dass sie bleiben dürfen", sagt Daniel Otto, der Pflegedienstleiter. "Wir wollen sie als geschätzte Kollegen, Pfleger, Freunde, Familienmitglieder nicht wieder verlieren. Eine Abschiebung kann für sie den Tod bedeuten!" Silke Krause hat eine Petition an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, den Petitionsausschuss des Bundestages und den Sächsischen Ausländerbeauftragten ins Internet gestellt. Fast 40.000 Menschen haben unterschrieben. Geert Mackenrodt, Sachsens Ausländerbeauftragter, hat angekündigt, Ali und Mohammad im St. Annaheim besuchen zu wollen. Die Hoffnungen ruhen nun auf der Härtefallkommission.

Daniel Otto glaubt, dass Deutschland reicher und besser werde, wenn es den "Schatz" der integrierten Flüchtlinge hebt. "Wir brauchen Menschen in vielen Berufen, die Flüchtlinge brauchen eine Perspektive. Für mich ist das eine Situation, in der alle gewinnen!" Silke Krause sagt: "Ich finde es zutiefst beschämend, wie unser Land reagiert, das junge Menschen bewusst in ein Kriegsland zurückschickt, ohne zu schauen, wie sie sich integrieren. Wo sind die christlichen Werte? Das beschäftigt mich sehr."

Was du dem Nächsten verdenkst, tue selbst auch nicht - Kants moralischer Imperativ hatte einen Vorläufer in Pittakos von Mytilene, von dem dieser Ausspruch stammt. In der griechischen Hafenstadt Mytilene haben Ali und Mohammad zum ersten Mal europäischen Boden betreten. Ein Schlauchboot mit Benzinmotor, 40 Menschen, hoffnungslos überladen, kein Begleiter, drei oder vier Stunden auf dem spukhaften Meer. Bei einem früheren Versuch war das Boot umgekippt.

"Wir wollen kein Mitleid", sagt Mohammad. Nur Anerkennung für ihre Bemühungen, ihre Arbeit, und eine ehrliche Chance.

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 8 Bewertungen
3Kommentare
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  • 9
    4
    CPärchen
    17.02.2019

    Schön, dass es auch so laufen kann. Ich sehe es auch so. Friedlich und strebsam. Zwei tolle Eigenschaften. Nicht als Asylbewerber sollen solche Menschen bleiben, sondern als Bereicherung. Die Menschen im Pflegeheim werden dankbar dafür sein.

  • 7
    6
    Pelz
    17.02.2019

    Ich lege auch Wert auf die Feststellung: FRIEDLICHE Flüchtlinge. Willkommen!

  • 20
    4
    ChWtr
    17.02.2019

    Wenn man diese tragischen Schicksale von gut integrierten Flüchtlingen hört, die bemüht und fleißig sind - dann ist die pauschale Asyl- und Flüchtlingspolitik der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union unverständlich und gescheitert.

    Meine beiden Eltern waren (auch) Flüchtlinge, die ihre (ehemals deutsche) Heimat verloren haben. Ich kann nachempfinden, wie sich friedliche und verängstigte Flüchtlinge in neuer Umgebung fühlen. Ich lege wert auf die Feststellung: friedliche Flüchtlinge. Nur weil sie fremd und Ausländer sind sollte man seine Mitmenschlichkeit nicht verlieren.



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