Annaberger erinnern an das Ende eines Todesmarsches

Am 11. April 1945 begann für etwa 700 Gefangene des Außenlagers Neu-Staßfurt des Konzentrationslagers Buchenwald ein weiteres Martyrium. Hunderte Kilometer liefen sie, Hunderte von ihnen starben. Dann kam der 8. Mai.

Annaberg-Buchholz.

Es ist ein schöner Frühlingstag, dieser 8. Mai 2020. Am Gedenkstein des Jüdischen Friedhofes gegenüber des Erzgebirgsklinikums in Annaberg-Buchholz steht Ulrike Bernhardt. Weiße Rosen liegen vor dem Gedenkstein, eine israelische Fahne weht. Eigentlich sollte die Erinnerung an das Ende des Todesmarsches in Annaberg-Buchholz vor 75 Jahren ganz anders aussehen. Ein Marsch des Lebens war geplant, der an die Schrecken des Nazi-Regimes erinnern sollte. Vertreter der Jüdischen Gemeinde hatten ihr Kommen zugesagt, Erzgebirger wollten sich beteiligen und sich für Erinnern und Versöhnung einsetzen sowie ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen. Doch in Zeiten von Corona sind solche Veranstaltung unmöglich.

Aber auch wenn oder gerade weil das Ende des Krieges, die Befreiung der Konzentrationslager, das Ende der Todesmärsche nun schon ein dreiviertel Jahrhundert zurück liegen, ist Erinnern und Mahnen wichtig. Also musste eine Alternative gefunden werden. Das ist der Grund, warum Ulrike Bernhardt an diesem 8. Mai am Gedenkstein, der an den 1938 zerstörten jüdischen Friedhof erinnert, wartet. Sie bleibt nicht allein. Unter anderem kommen Olaf Richter, Superintendent des Kirchenbezirks Annaberg, und Pfarrer Tobias Frauenlob hinzu. Ein Kranz wird niedergelegt, einige Worte gesprochen. Währenddessen läuft eine Videokamera. Das Gedenken an das Ende des Todesmarsches, der Hunderten KZ-Häftlingen das Leben kostete und am 8. Mai 1945 durch die Ankunft sowjetischer Truppen beendet wurde, soll in die Welt hinausgetragen werden. Wenn die Welt nicht reisen darf, dann schicken die Einheimischen eben ihre Botschaft über den Youtube-Kanal des Hauses der Hoffnung.

Die kleine Gruppe zieht weiter. Zweite Station ist der städtische Friedhof. Dort befinden sich Grabsteine, die die Zerstörung des jüdischen Friedhofes überstanden haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg tauchten sie wieder auf und fanden später ihren Weg zurück nach Annaberg. Tobias Frauenlob verliest Namen Annaberger und erzgebirgischer Juden, die deportiert und getötet wurden. Es ertönt der Klang eines Schofarhorns, das seinen Ursprung in der jüdischen Religion hat.

Die letzte Station ist der Gedenkstein an der Feldschlösschenkreuzung. An eben jenem Ort, an dem sich heute Autos und Lkw hupend zum schneller fahren antreiben, endete vor 75 Jahren der Todesmarsch. 28 Tage lang waren die Gefangenen des Außenlagers Neu-Staßfurt gegangen - 350 Kilometer. Etwa 700 waren am 11. April gestartet, deutlich weniger als die Hälfte sind einen Monat später noch am Leben. Darunter war der Franzose Pierre Bur. Er ist einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen. In seinen Erinnerungen, die zum Teil verlesen wurden, berichtet er von Hunger, unfassbarer Gewalt, willkürlichen Tötungen, Kälte, Angst, Erschöpfung. Er nennt es Höllenmarsch.

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