"Arsenprovinz" Erzgebirge muss nicht abgebaggert werden

Die Regionen um Ehrenfriedersdorf und Geyer gehören zu den belastetsten im gesamten Freistaat. Doch was heißt das?

Annaberg-Buchholz.

Schildbürgerstreich oder ökologischer Blödsinn? Weder noch. "Der Abwasserzweckverband (AZV) Oberes Zschopau- und Sehmatal muss Aushub von seinen Baustellen auf eine Erdstoffdeponie Hunderte Kilometer weit weg transportieren." Dieser Satz hat jüngst bei vielen Annaberg-Buchholzer Stadträten und Gästen für Kopfschütteln gesorgt, als sie die Information von Oberbürgermeister Rolf Schmidt erhielten. Auch der im April bekanntgewordene Fakt, dass die Erde im Außengelände der Kindertagesstätte "Herolder Spatzen" in Herold 30 Zentimeter tief abgebaggert und entsorgt werden muss, stößt bei vielen auf Unverständnis. In beiden Fällen heißt das Problem Arsen. Obwohl das Halbmetall zu den giftigsten Elementen zählt, die es gibt, kommt es fast überall im Boden vor - gerade im Erzgebirge.

Laut der nebenstehenden geochemischen Übersichtskarte des Freistaates zum Thema Arsen im Oberboden gehören die Regionen um Ehrenfriedersdorf, Geyer und Aue zu den belastetsten im ganzen Freistaat. Demnach liegt die Arsen-Konzentration dort bei bis zu 320 Milligramm je Kilogramm (mg/kg). Aber schon ab einer Belastung von 150 mg/kg kann Bodenaushub als mineralischer Abfall nach den Vorschriften des Kreislaufwirtschaftsgesetzes und den Vorsorgegrundsätzen der Regeln der Laga im Allgemeinen nicht mehr schadlos verwertet werden, teilt Jutta Leonhardt, Sprecherin des Landratsamtes, mit. Die Laga ist eine Bund/Länder Arbeitsgemeinschaft Abfall. Sie soll ländereinheitlich den Vollzug des Abfallrechts in Deutschland sicherstellen. Dabei ist jeder Abfallerzeuger dafür verantwortlich, dass die Verwertung von angefallenen Erdaushub ordnungsgemäß und schadlos erfolgt, sofern er am Standort nicht wieder eingebaut werden kann. Abfallerzeuger kann auch der Bauherr eines Einfamilienhauses sein. Er ist laut Kreis ebenso in der Pflicht, seinen Erdaushub untersuchen zu lassen, kann das aber auch an die Baufirma delegieren.


Jörg Walther, Geschäftsführer des AZV, hat sich inzwischen tief in die Materie eingearbeitet. Die ist nicht neu. Grundlage der aktuell etwas hochkochenden Hysterie rund um Arsen ist die Bundes-Bodenschutz- und Altlastenverordnung von Juli 1999. Warum also ist das Thema gefühlt jetzt überall aktuell? Eine klärende Antwort gibt es faktisch nicht. Das Landratsamt teilt mit, dass in den Gebieten mit den maßgeblichen bergbaubedingten Arsenbelastungen - etwa in Ehrenfriedersdorf - bereits in den 2000er Jahren mehrere Kitas saniert wurden. Walther seinerseits habe auch schon Aushub zu Erdstoffdeponien abfahren lassen. Die unmittelbar nächste befindet sich im 90 Kilometer entfernten Grumbach bei Dresden. Inklusive der Fahrt lägen dort die Entsorgungskosten für einen Kubikmeter arsenbelasteten Aushubs bei 156 Euro. Weitere Deponien seien gar 107 und 175 Kilometer entfernt. "Insofern wäre solch eine Deponie vor Ort sehr sinnvoll", sagt Walther. "Gegen eine Erdstoffdeponie an einem geeigneten Standort im Kreis spricht nichts", erklärt Leonhardt. Inwieweit Interessen von Investoren bzw. Deponiebetreibern zur Errichtung einer Erdstoffdeponie bestehen, sei indes nicht bekannt. Bis der Genehmigungsprozess für solch eine Deponie abgeschlossen ist, könnten belastete Erdstoffe aus der Region etwa in Ehrenfriedersdorf auf dem Sauberg eingebracht werden, schlägt Jörg Hartmann, ehemaliger Betriebsleiter der Zinnerz, vor. Damit könnte dort die noch nicht erfolgte Sanierung der Halde 2 angegangen werden.

Und was bedeutet das Arsenvorkommen im Boden für die Gesundheit? Toxikologen, also Wissenschaftler, die sich mit Wirkungen von Giftstoffen auseinandersetzen, haben international anerkannte Grenzen für die maximal akzeptable Aufnahme von Arsen festgelegt. Dabei wird unterschieden zwischen einer akut toxischen Wirkung aufgrund einer einmaligen hohen Dosis und langfristigen Wirkungen aufgrund regelmäßiger geringer Aufnahmemengen. Für Arsen ist die orale Aufnahme besonders relevant, so Karin Bernhardt, Sprecherin des Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie. Hierbei seien gerade Kinder besonders gefährdet, wenn sie beim Spielen an der Hand anhaftendes Bodenmaterial in den Mund bringen und verschlucken. Besonders sensible Flächen wie Außenanlagen von Kindertagesstätten oder Spielplätze sollten einen Arsenwert von 25 Milligramm je Kilogramm nicht überschreiten. Im Bereich der Herolder Kindertagesstätte geht das Landratsamt von Werten zwischen 150 und 590 Milligramm aus. Daher bestehe eine hinreichende Begründung für Gefahren für die menschliche Gesundheit, so Bernhardt. Das sei der Grund für den Bodenaustausch. Die 30 Zentimeter Aushub seien deshalb vorgegeben, weil sie laut Behörde die maximal erreichbare Grabungstiefe für Kleinkinder darstellen.

Bei kleingärtnerischer Nutzung von Böden im Raum Geyer oder Ehrenfriedersdorf sei zudem ein möglicher Schadstoffübergang in die angebauten Pflanzen zu betrachten. Arsen werde aber von Pflanzen über die Wurzel kaum aufgenommen. Eine mögliche Belastung beruhe deshalb vornehmlich auf einer Verschmutzung durch anhaftendes Bodenmaterial. "Bei kleingärtnerischer Nutzung helfen Anbau- und Verzehrempfehlungen, die den Schadstoffübergang vermeiden helfen wie gründliches Waschen, Schälen von Ernteprodukten oder eine Strohabdeckung des Bodens bei Erdbeeranbau", rät Bernhardt.

Das Erzgebirge muss nun dennoch nicht abgebaggert werden, auch wenn es aus geochemischer Sicht sogar als "Arsenprovinz" bezeichnet wird. Die Begrifflichkeit deutet gegenüber dem bundesweiten Durchschnitt auf eine deutlich erhöhte Konzentration an Arsen hin. Trotzdem beschwichtigt das Landesamt auf der anderen Seite auch. So sei das aus der Gesteinsverwitterung in den Boden gelangte Arsen in der Regel bei Verschlucken im Magen-Darm-Trakt weniger löslich, als der Giftstoff in Reinform. Das hätten mehrere hundert dieser durchgeführten Untersuchungen in der Region bestätigt. Zudem sei für eine toxikologische Relevanz immer entscheidend, wie eine Fläche genutzt werde.

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