Aus Hobby wird Beruf mit Leidenschaft

30 Jahre Mauerfall Als Jugendliche wurde ihr der Wunschberuf Lehrerin, nach der Ausbildung die Tätigkeit als Erzieherin verwehrt. 1990 war sie wieder arbeitslos. Heute prägt eine Freizeitbeschäftigung das Erwerbsleben von Constanze Ulbricht.

Marienberg.

Als am 9. November nach der Pressekonferenz von SED-Politbüromitglied Günter Schabowski Tausende DDR-Bürger an und schließlich über die deutsch-deutsche Grenze stürmten, saß Constanze Ulbricht wie so oft mit ihren Freunden in der Gelobtländer Thieleschenke und aß Bratkartoffeln mit Sülze. Dass die Grenze plötzlich offen stand, hatte sich zwar auch in der Gaststätte rumgesprochen, wurde aber eher ungläubig vernommen. Das realisierte die damals 33-Jährige erst, als ihr Mann Stefan von seiner Fernfahrertour nicht nach Hause kam - weil er auf den verstopften Straßen rund um die Hauptstadt feststeckte.

Mit dem ersten Schritt ins deutsche Nachbarland hat sich das Ehepaar Zeit gelassen. "Wir hatten einfach nicht das Bedürfnis, gleich loszuziehen, haben erst Wochen später mit den drei Kindern im Trabi an der Grenze Schlange gestanden, um in der Hofer Region das Begrüßungsgeld abzuholen: sagenhafte 500 Deutsche Mark. Da waren wir natürlich erst mal einkaufen", erinnert sich die heute 62-Jährige.


"Ich habe gern in der DDR gelebt", bekennt Constanze Ulbricht. Und das war für sie nicht immer leicht. 1956 in Olbernhau geboren, aufgewachsen mit zwei Geschwistern in einer gutbürgerlichen Familie, lernte sie, was es heißt, mit unliebsamen Veränderungen zu leben. Beispielsweise bei Vater Richard Arnold, als die Seilerei aus Privatbesitz erst in eine Kommanditgesellschaft überführt, später halbstaatlich und dann ganz verstaatlicht und in ein Kombinat eingegliedert wurde.

Von ihrer Mutter Irene Arnold, einer freischaffenden Opernsängerin, erbte sie die Liebe zur Musik. Als diese die Heimatgruppe von Anton Günthers Sohn Erwin, die spätere Heimatgruppe Schwartenberg, über- und das Gitarre spielende und singende Mädchen zu den Proben mitnahm, kam die junge Constanze erstmals mit der erzgebirgischen Mundart in Berührung. "Da bei uns zuhause Hochdeutsch gesprochen wurde, war das völliges Neuland für mich", erinnert sich die Marienbergerin. Sie hielt der Gruppe, die bis zu 275 Auftritte im Jahr absolvierte, bis 1986 und später auch den nachfolgenden Flöhatalern bis 1998 die Treue. Dass diese Erfahrungen einmal ihr Leben ganz entscheidend prägen sollten, ahnte sie zu dieser Zeit noch nicht.

Damals wollte sie Lehrerin werden. "Da ich jedoch als eines von drei Kindern in meiner Klasse nur konfirmiert wurde, aber keine Jugendweihe hatte und ich auch nicht zu den Klassenbesten gehörte, blieb mir dieser Weg verwehrt", berichtet sie. "Doch ich wollte unbedingt mit Kindern arbeiten." Die Alternative: eine Ausbildung zur Erzieherin mit hauswirtschaftlichem Profil bei der Caritas im Eichsfeld. "Im September 1973 wurde ich Aspirantin im Bergkloster Heiligenstadt, danach folgten drei weitere Jahre an der katholischen Fachschule für Sozialpädagogik Sankt Ursula der Diözesancaritas Dresden. Das erste Jahr im Nonnenkloster, das auch Wäscherei, Gartenarbeit und Putzdienst beinhaltete, vor allem aber die strengen katholischen Ausgehregeln waren für mich ein Herausforderung", erzählt die evangelisch erzogene Constanze Ulbricht. "Da bin ich menschlich ganz tief in die Knie gegangen. Freigeistig aufgewachsen, musste ich mich plötzlich absolut unterordnen." Diese Ausbildung habe sie für ihr ganzes Leben geprägt: "Sowohl positiv, als auch einschränkend."

Die anschließende Tätigkeit als Erzieherin in einem katholischen Kinderheim in ihrer Heimatstadt Olbernhau habe sie jedoch nicht lange ausüben können - nach wenigen Jahren wurde das Heim geschlossen. "Mehrere Bewerbungen im pädagogischen Bereich - in Kindergärten, Heimen und Förderschulen - scheiterten. Mit der Unterschrift eines Bischofs unter dem Examenszeugnis war das kompliziert. Anfang der 1980er-Jahre bin ich sogar zwei Monate arbeitslos gewesen, ehe ich beim Rat der Stadt im Sommer als Rettungsschwimmerin, im Winter dann im Museum, im Archiv und im Jugendklubhaus arbeiten durfte. Später wurde ich Lohnbuchhalterin beim VEB Möbeldübel", berichtet sie.

Die junge Frau heiratete, zog nach Marienberg, wurde dreifache Mutter und konnte bis 1987 sogar kurze Zeit als Krippenerzieherin arbeiten, bis sie aufgrund häufiger Krankheiten der Kinder zwischenzeitlich zuhause blieb und in Heimarbeit Modellbahnhäuschen montierte. Zur Wende arbeitete sie als Sekretärin in der Verwaltung eines zum Kombinat Holzspielwaren Vero gehörenden Betriebs in Marienberg. "Ein ganz normales Leben. Ich habe mich weder für noch gegen den Staat engagiert, einfach nur mein Leben gelebt", erinnert sich die heute 62-Jährige.

Dann der Mauerfall und seine Folgen. "Der 220 Mitarbeiter beschäftigende Betrieb, in dem ich arbeitete, wurde reprivatisiert und 1991 geschlossen, mein Mann hatte beim Kraftverkehr ebenfalls keine Perspektive mehr. Ich hatte so gehofft, in meinem erlernten Beruf endlich Fuß zu fassen. Doch den Bewerbungen folgten immer neue Absagen. Und das mit drei Kindern, nur unregelmäßig gezahltem Arbeitslosengeld und den Raten für unser 1986 gebautes Haus" - die inzwischen dreifache Oma denkt nur ungern an die Existenzängste zurück, die sie wie viele andere damals litt. Und die sie zu einem verzweifelten Versuch trieben: Constanze Ulbricht machte ihrem Unmut beim neuen Landrat Albrecht Kohlsdorf Luft: "Schon zu DDR-Zeiten durfte ich meinen Beruf nicht ausüben. Jetzt bin ich wieder arbeitslos. Das kann doch nicht sein, dass ich in beiden Gesellschaftsordnungen nicht arbeiten darf." Ein Auftritt mit Folgen: Nach einem halben Jahr Erwerbslosigkeit bearbeitete die mittlerweile 35-Jährige in der Wohngeldstelle im Landratsamt Anträge, wechselte danach in das Sachgebiet Schulverwaltung/Kultur. Dort organisierte sie Projekte und Veranstaltungen, stellte Fördermittelanträge, stieg zügig zur Kulturamtsleiterin auf. "Völlig unvorbereitet und mit einer großen Portion Glück. Damals wusste ich nicht mal selbst, ob ich mir das zutrauen sollte", schätzt sie heute ein.

Seit der Jahrtausendwende ist die Marienberger Baldauf-Villa ihr berufliches Zuhause, in der sie nicht nur die Arbeitstage, sondern auch viele Abende und Wochenenden verbringt. Dass das historische Gemäuer unter ihrer Leitung nicht nur baulich wieder erstrahlt ist, sondern zu einem auch über die Grenzen des Erzgebirgskreises hinaus geschätzten Veranstaltungsort mit Angeboten für alle Altersgruppen geworden ist, dürfte ihrem nie versiegenden Ideenschatz zu verdanken sein. Vor allem aber dem kulturellen Netzwerk, dem sie angehört und das inzwischen bis ins Tschechische reicht: "Das haben wir - Künstler, Kulturschaffende, Verantwortungsträger - zusammen aufgebaut. Es ist ein Miteinander, das ohne Verständnis für den anderen nicht funktionieren würde. Kultur ist keine Schreibtischarbeit."

Veranstaltungen wie die erzgebirgische Liedertour, die Marienberger Film- und Fototage "Der Grenzgänger", die Lesetour sowie Ausstellungen und andere Projekte diesseits und jenseits der deutsch-tschechischen Grenze sind unmittelbar mit ihrer Beteiligung verbunden, denn: "Kultur verbindet. Sie ist ein Vorreiter für das Zusammenwachsen." Viele Veranstaltungen basieren auf persönlichen Kontakten. Nicht wenige Künstler kommen gern für weitere Auftritte in die Baldauf-Villa. "Wir vermitteln ihnen das Gefühl, bei uns zuhause zu sein. Viele schätzen unsere familiäre Atmosphäre", freut sich die Organisatorin über den Zuspruch.

Constanze Ulbricht hat trotz ihrer gescheiterten Berufspläne mit der DDR nicht gehadert. "Ich war nie sehr aufmüpfig oder in gesellschaftskritischen Gruppen aktiv, habe aber immer meine Meinung vertreten." Beispielsweise, indem sie 1976 nach der Ausweisung Wolf Biermanns und der sich anschließenden Ausreisewelle vieler DDR-Künstler mit ihrer Unterschrift unter ein Protestschreiben ihren Unmut gegen diese Politik ausdrückte - "was das für Folgen haben könnte, daran dachte ich damals nicht".

Dass ihr Leben nach dem Mauerfall eine andere, sie erfüllende Wendung genommen hat, dafür ist sie dankbar: "Ich habe ja in meiner Tätigkeit viel mehr Kontakte, arbeite mit Menschen verschiedenen Alters zusammen - das ist ein Geschenk. Ob ich mit diesen Erfahrungen noch einmal einen pädagogischen Beruf ergreifen würde? Das weiß ich nicht." Aber Bratkartoffeln mit Sülze isst sie in der Thieleschenke noch immer gern.

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