Auslaufmodell Litfaßsäule? Neue Idee soll Abhilfe schaffen

Eine mehr als 160 Jahre alte Erfindung scheint in Zeiten von Internet und sozialen Medien aus der Mode gekommen zu sein. Doch Geyer will ein solches Objekt neben dem Rathaus in einen Hingucker verwandeln. Schließlich habe es einen historischen Wert.

Geyer.

Grau und scheinbar unverwüstlich steht sie neben dem Rathaus von Geyer. Seit Jahrzehnten gehört sie zum Stadtbild, war einst wie andernorts ein wichtiges Objekt, um Informationen an den Mann oder die Frau zu bringen. Doch die Litfaßsäule - benannt nach ihrem Erfinder, dem einstigen "Reklamekönig" Ernst Litfaß, wie das Stadtmuseum Berlin erläutert - hat in ihrer ursprünglichen Funktion ausgedient. Es gibt heute andere Wege, um etwa Veranstaltungstipps oder amtliche Bekanntmachungen zu verbreiten. Trennen will sich die Stadt aber nicht von dem Objekt, dessen Erfindung in Berlin vor mehr als 160 Jahren eine Erfolgsgeschichte war. Unter dem Motto "Aus alt mach neu" soll die Litfaßsäule in der Bingestadt ein Hingucker werden, der für Geyer wirbt und Gäste willkommen heißt.

Die Gestaltung ist im Ausschuss für Jugend, Kultur, Sport, Fremdenverkehr und Soziales durchdacht worden. Künftig wird die Säule laut dessen Vorsitzender Ines Kretzschmann in drei Bereiche unterteilt. Dazu gehört ein Panoramabild, das Aktivitäten zeigt, die in und bei Geyer möglich sind. Ergänzt wird das etwa von Sehenswürdigkeiten wie dem Lotterhof und der Binge, ebenso von Details wie dem Stadtwappen. In neuem Gewand soll die alte Säule der Stadt erhalten bleiben, doch vor der Umgestaltung wird sie noch auf Vordermann gebracht. Damit endet ein Kapitel, das zuletzt meist für Kritik gesorgt hatte. "Wenn Plakate und Zettel daran hingen, hat sich oft keiner dafür zuständig gefühlt, diese wieder abzunehmen", erklärt Ines Kretzschmann.


Wilde Plakatierung im ganzen Stadtgebiet von Berlin war offenbar einst der Grund für die Erfindung von Ernst Litfaß. "Überall klebten Plakate: an Wänden, an Zäunen, an Bäumen ...", heißt es in einer Beschreibung des Stadtmuseums Berlin. Alte Plakate hätten sich gelöst, seien im Wind umhergeflattert und irgendwann davongetragen worden. Sie hätten so das Stadtbild verschandelt. "Um diesem Missstand abzuhelfen, entwickelt Litfaß die Idee, an den belebtesten Straßenecken und Plätzen Anschlagsäulen aufzustellen. Nur noch hier sollte plakatiert werden", heißt es weiter. Dazu sei er vermutlich auf einer seiner Reisen nach London oder Paris inspiriert worden, wo es schon Vorläufer solcher Objekte gegeben habe. Die erste "Annoncir-Säule" in Berlin wurde laut dem Stadtmuseum am 15. April 1855 aufgestellt.

Auch heute noch wird an Litfaßsäulen plakatiert - ein Beispiel dafür findet sich etwa nahe dem Busbahnhof in Annaberg-Buchholz. Geyer hingegen setzt auf einen neuen Weg. In der Stadt gibt es im Übrigen noch eine weitere Litfaßsäule nahe dem Friedhof. "Dort ist aber ein Fahrzeug dagegen geprallt und hat sie beschädigt. Wir müssen sie wahrscheinlich abbauen", sagte Bürgermeister Harald Wendler (Die Linke). Darüber soll der Technische Ausschuss entscheiden. Das Exemplar am Rathaus bleibe aber auf jeden Fall stehen. "Diese Litfaßsäule soll als eine Art Zeitzeuge in unserer Stadt unbedingt erhalten werden", so Wendler. "Sie hat einen historischen Wert für Geyer", pflichtete ihm beispielsweise Johannes Scheithauer (Bürgerforum) bei.

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