Bergbautradition verbindet Menschen beiderseits der Grenze

Einen Bergaufzug gab es am Wochenende in Neugeschrei zu erleben. Eine Erinnerung an die Geschichte des Ortes.

Nové Zvolání/Jöhstadt.

Marschmusik durchdringt zu früher kühler Tagesstunde die kleine Gasse von Nové Zvolání. In zünftiges Habit gekleidet, marschieren gut vier Dutzend Bergleute die Straße am Heiligen Berg hinab bis zur Kirche "Herz Jesu". In diesem Jahr formiert sich dieser Aufzug zum dritten Mal, startet etwas später als geplant, aber der Wettergott schüttet ausgerechnet am Sonnabendmorgen Regenmassen auf die trockene Erde.

Unbeirrt führt Toni Hippmann den schmucken Aufzug an. Er gilt als Initiator des Bergmanntreffens oberhalb des Grenzbaches, der die Gemeinden Niederschlag und Neugeschrei, aber auch Weipert und Bärenstein nur geografisch trennt. "Dieser Aufzug ist gelebter Ausdruck von etwas Verbindendem", sagt der deutschstämmige Einwohner des kleinen Örtchens. "Bergbau hat auch den Entwicklungsgang von Nové Zvolání bestimmt, dem früheren Neugeschrei. Ein guter Grund, sich dessen zu erinnern", argumentiert der 64-Jährige. Er ist zuletzt selbst zwölf Jahre in Kupferberg eingefahren und hält die Fahne für die Region Medénec hoch. Der tschechische Bergmann ist mit seiner kleinen Gilde längst ins Netzwerk der Berg- und Hüttenvereine des Erzgebirges integriert. Seit geraumer Zeit komplettieren sie auch Aufzüge auf deutscher Seite. "Dieses Netzwerk bildet die Basis, dass heuer Vertreter aus Aue, Waldkirchen, Hohenstein-Ernstthal, Frohnau und Marienberg dabei sind", sagt Toni Hippmann und verweist darauf, dass gerade durch die Förderung der Europäischen Union diese grenzüberschreitende Veranstaltung möglich wird.

Und die wird in bewährter Manier vom Bergmännischen Musikverein Jöhstadt-Grumbach angeführt. Für dessen Musikanten heißt es dabei durchaus schwitzen. Mit Kondition und Geschick bugsiert Norbert Junker seine mächtige Basstuba den engen Wendelgang hinauf auf die Orgelempore der Kirche. Das Orchester wird den Berggottesdienst begleiten. Am Orgelmanual hat sich bereits Anne Heising die Finger geschmeidig gespielt. Die Leipziger Musikstudentin interpretiert mit den Bergmusikanten eindrucksvoll einige Choräle.

Helga und Helmut Scheichenhorst gehören zu Besuchern, die regelmäßig den Heimatort ihrer Vorfahren besuchen. "Reichlich 500 Kilometer sind es jedes Mal aus dem Hessischen hierher", sagt die Hobbyjournalistin, die auch diesmal einen kleinen Beitrag für das Heimatblatt der Sudetendeutschen schreiben wird. Und sie kennt die Geschichte: "Als im Jahre 1550 südlich der neu entdeckten Erzlagerstätten unter einer umgestürzten Fichte ein stark silberhaltiges Material aufgefunden wurde, setzte ein neues Berggeschrey ein, der Name für den Ort war geboren." Neugeschrei sei zum Mittelpunkt eines kleinen Bergreviers gewachsen. "1709 standen neun Bergwerke in Betrieb. Im sächsischen Nachbarort Niederschlag waren gleichfalls reiche Erzfunde gemacht worden, sodass beiderseits des Pöhlbaches ein reger Bergbaubetrieb erfolgte", so Helga Scheichenhorst. Zwischen 1845 bis 1848 werde die Phase des Auslaufens der Bergbautätigkeit datiert. "Nach der Erschöpfung der Lagerstätten wurde auch in Neugeschrei das Posamentierhandwerk ansässig."

Zu diesem Zeitpunkt intonieren die Musikanten bereits den Welthit "One Moment in time" - ein durchaus symbolträchtiger Augenblick gelebter Zeitgeschichte. Mit zünftigem Imbiss und böhmischen Bier findet das Treffen schließlich seinen launigen Abschluss.

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