Blackout: Wenn nichts mehr geht

In Deutschland ist alles geregelt - oder doch nicht? Weder für die Kreisstadt noch den Landkreis, noch für Sachsen gibt es einen behördenübergreifenden Masterplan Krisenvorsorge, sagt Udo Moritz von den Stadtwerken Annaberg. Dabei kann ein solches Dokument schon morgen lebenswichtig sein.

Annaberg-Buchholz.

Die Computerbildschirme bleiben schwarz. Handys versagen ihren Dienst. Heizungen funktionieren nicht mehr. Krankenhäuser können nur noch eingeschränkt arbeiten. Wasser wird knapp. Ein Stromausfall - ein Blackout - hat alles lahmgelegt. Ein solches Szenario kann jederzeit eine oder mehrere Gemeinden treffen. Doch was ist, wenn eine ganze Region, etwa Sachsen, betroffen ist und es nicht nur um zwei oder drei Stunden geht, sondern um mehrere Tage?

Erster Ansprechpartner für die Bevölkerung in solch einer Situation sind laut Kreissprecher Stefan Pechfelder die Gemeinden als zuständige Gefahrenabwehrbehörde - und natürlich auch das Landratsamt. Doch wie bei einem Blackout mit den Behörden kommunizieren? Das Problem ist, dass zwar jede einzelne Einrichtung beziehungsweise Behörde über Handlungsrichtlinien für den Ernstfall verfügt, nicht aber über ein Dokument, in dem das Zusammenspiel aller Akteure kritischer Infrastrukturen skizziert ist, sagt Udo Moritz, Technischer Leiter der Stadtwerke Annaberg-Buchholz. Diesen Masterplan gebe es weder für die Kreisstadt, noch den Landkreis und auch nicht für Sachsen. Deshalb spannte sich Moritz quasi vor den Wagen und holte Vertreter der Regionalverkehr Erzgebirge GmbH, des Technischen Hilfswerks, des Erzgebirgsklinikums, des Landratsamtes, des Abwasserzweckverbandes, der Erzgebirge Trinkwasser GmbH, der Stadtwerke sowie der Stadt Annaberg-Buchholz an einen Tisch. Weitere Treffen sollen in Regie des Kreises erfolgen, wo auch der Bereich Katastrophenschutz angesiedelt ist.


Ziel der Gespräche sei die Erstellung einer kurzen, knappen Handreichung für alle Beteiligten. Das Papier müsse klar regeln, wer mit wem im Ernstfall wie kommuniziert, welche Ressourcen vorhanden sind und genutzt werden können. Niedergeschrieben müsse darin aber auch sein, wie die Bevölkerung zu informieren ist und nicht zuletzt, wo sich der Krisenstab sowie die Einsatzkräfte befinden.

Wie wichtig das ist, habe schon die erste Besprechung gezeigt. Dabei sei etwa festgestellt worden, dass mit dem Betriebsfunk der Stadtwerke im Landratsamt keiner erreicht werden kann. Aber genau das, die Kommunikation, sei im Ernstfall ein entscheidender Faktor. Andererseits sei bereits vieles vorhanden, etwa Know-how und Technik bei den Stadtwerken. Moritz nennt mehrere Notstromaggregate oder das große Blockheizkraftwerk im Uthmann-Ring. Darüber könnte bei einem Blackout Strom produziert werden, der, über das Umspannwerk verteilt, nacheinander jeweils für eine kurze Zeit verschiedene Ortsnetze speist. Um das zu realisieren, müsse zwar noch manches investiert werden, doch es sei erst einmal ein Ansatz für den Ernstfall, der theoretisch jeden Tag eintreten kann, sagt Moritz.

Welche Pläne insgesamt - etwa auch für einen atomaren Störfall - schon im Landratsamt existieren, bleibt indes geheim. Auch wegen darin enthaltener sensibler Daten sind die Pläne nicht für die Öffentlichkeit vorgesehen, erklärt Pechfelder.

Dass es bei dem Thema nicht um Panikmache geht, sondern durchaus um eine reale Gefahr, ist Udo Moritz vor einiger Zeit bei der Lektüre des Romans "Blackout" deutlich geworden. "Genau so, wie es darin geschrieben steht, kann es kommen", sagt er. Leider werde das Thema im Alltag noch immer gern verdrängt - mit dem Ergebnis, dass eben dieser Masterplan "Krisenvorsorge" fehle. Gelinge es, einen solchen zu entwickeln, soll er auch anderen Landkreisen als Vorlage dienen.


"Die Gesellschaft wird immer verletzlicher"

Ein Blackout ist für die Menschheit das schlimmste Szenario, das es gibt, sagt Andreas Kling. Mit dem Autor und Experten für Bevölkerungsschutz sprach Thomas Wittig.

Freie Presse: Wie hoch ist das Risiko eines Blackouts in Deutschland?

Andreas Kling: Die Gesellschaft wird immer verletzlicher. Die Stromversorger setzen verstärkt auf Smart Grids (intelligente vernetzte Stromsysteme und nahtlose Kommunikation über das Internet). Zudem steigt der Anteil erneuerbarer Energieträger wie Windkraft und Solarenergie. Das macht die Stromversorgung verwundbarer - durch Hacker-Angriffe aber auch Naturereignisse wie die Dunkelflaute, also das Zusammentreffen von Tagen mit wenig Wind und vielen Wolken. Ein Beispiel ist der Stromausfall im Berliner Stadtteil Köpenick vor einigen Wochen, als selbst ein Krankenhaus evakuiert werden musste. Bei einem Ausfall im europäischen Stromverbundnetz könnten Tage vergehen, bis sich wieder alles eingepegelt hat.

Nimmt die Bevölkerung die Problematik auf die leichte Schulter?

Ein Großteil der Bevölkerung, aber auch relativ viele Firmen, haben nur ungenügend vorgesorgt. Das wird bei einem Blackout, also einem lang anhaltenden Stromausfall in einem großen Gebiet, zu einem richtigen Problem. Was in Köpenick noch gut geklappt hat, also die Einsätze von Feuerwehren, Hilfsorganisationen und dem THW aus Nachbarbezirken, wird dann nicht mehr funktionieren. Denn es wäre keiner da, der zur Hilfe kommen könnte, weil alle betroffen sind.

Warum spielt das Thema in der Öffentlichkeit kaum eine Rolle?

Von allen Szenarien, die in den Bereich Bevölkerungsschutz spielen, würde ein Blackout die Menschen am härtesten treffen, weil die Abhängigkeit am größten ist. Bei vielen Dingen ginge es ans Eingemachte: kein Licht, keine Computer, kein Internet, keine Geldautomaten, keine funktionierenden Zapfsäulen an Tankstellen, kein Polizeifunk, Probleme in Krankenhäusern, knapp werdende Dieselvorräte, keine Heizung und eventuell keine Wasserversorgung und auch keine Toilettenspülung. Der technische Fortschritt nimmt stärker zu als die Maßnahmen, die getroffen werden, um die Verletzlichkeit zu schützen. Gleichzeitig sind wir in Deutschland seit über 70 Jahren von größeren Katastrophen verschont geblieben.

Wie kann sich jeder selbst für einen Blackout wappnen?

Da ist Pragmatismus gefragt, will heißen: Statt zwei Kilo Spaghetti haben wir als Familie sechs oder sieben Kilo bevorratet, statt einer Packung Reis drei oder vier, zudem reichlich Tomatensoße - das essen wir gerne. So haben wir für sieben bis zehn Tage Lebensmittel zuhause. Das ist genug, denn ich gehe davon aus, dass innerhalb dieser Zeitspanne die normalen Strukturen wieder funktionieren. Wichtig ist auch eine Taschenlampe, die nicht mit Batterien betrieben, sondern per Kurbel aufgeladen wird. Ein Kurbel-Radio, um Informationen zu bekommen. Kerzen und Streichhölzer wären ebenfalls probate Mittel, dazu ein Campinggaskocher oder ein Holzkohlegrill. Auch an benötigte Medikamente muss gedacht werden. Und noch etwas: Gefäße, um Wasser von Verteilstellen zu holen oder ein entsprechender Wasservorrat.

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