Das ist Zauberei!

Jens-Uwe Günzel, der sich als Magier Jo Everest nennt, betreibt ein kleines, aber über Deutschland hinaus bedeutendes Zaubermuseum im erzgebirgischen Tannenberg.

Tannenberg.

Hier ist nichts, wie es scheint. Der leere Krug ist nicht leer, plötzlich kann Wasser aus ihm fließen. Die große Milchkanne ist nicht für Milch gedacht: Bis zum Rand mit Wasser gefüllt, hat sich aus ihr ein gefesselter Mensch befreit. Hier verdoppeln sich Flaschen, verschwinden Kaninchen. Eine steife Hand wie von einer Schaufensterpuppe kann auf Fragen des Publikums antworten - na, fast jedenfalls. Und diese Kugel schwebt, aus jenem Zylinder stiegen einst brennende Lampions auf und aus dieser Kiste 5000 Blumen ...

Zauberei? Ja, "ein Trick ist natürlich immer dabei", sagt Jens-Uwe Günzel. Er ist selbst Zauberer und betreibt ein im wahrsten Sinne des Wortes wunderbares kleines, privates Zaubermuseum im erzgebirgischen Tannenberg. Auf 50 Quadratmetern hat er in der ehemaligen Schule des Dorfes tausende originale Requisiten, Dokumente, Plakate von einigen der bedeutendsten, berühmtesten Zauberer der Welt gesammelt.

Hier sind sie alle vertreten, und Jens-Uwe Günzel gerät schnell ins Schwärmen: Von Harry Houdini, dem bis heute vielleicht berühmtesten Entfesselungskünstler der Welt. Oder von dem Italiener Dario Paini, der sein Publikum zwei Stunden lang fast ausschließlich mit Kartenkunststücken unterhalten konnte. Herbert Martin Paufler aus Dresden, der unzählige elektronische Zaubergeräte baute. Alfredo Cantarelli, der als Erster einen Menschen mit der Kreissäge "zerteilte". Von Ritanis schwebender Scheibe; Zaubermeister Kassner, der einen Elefanten verschwinden lassen konnte ...

Die Liebe zur Zauberei wurde Jens-Uwe Günzel, der sich als Magier Jo Everest nennt, schon in die Wiege gelegt. Schon sein Urgroßvater war Schausteller, Artist und Zauberer, sein Großonkel Kurt Soltau aus Annaberg-Buchholz war eine Koryphäe unter den Nachkriegszauberern und weit über die DDR hinaus bekannt. Er war es auch, der in dem 1980 geborenen Jungen schon früh die Lust an der Magie weckte. Das Ehepaar Soltau wohnte damals im Turm der St. Annenkirche, Kurt Soltau betrieb gegenüber ein Zaubergeschäft, seine Frau Ilse war die Türmerin. Jens-Uwe Günzel besuchte sie oft, wobei er die ersten Zaubertricks vorgeführt bekam und bald auch eigene einstudierte. Schon mit zwölf Jahren hatte er seinen ersten Auftritt bei einem Talentwettbewerb in Annaberg-Buchholz, und er erinnert sich noch genau: Der erste Trick, den ihm Kurt Soltau beibrachte, war ein Seilkunststück, bei dem sich Kugeln von einem Strick befreiten. Bei seinem ersten Bühnenauftritt zeigte er unter anderem ein Kunststück mit Bällen, die sich auf wundersame Weise vervielfachen. Später lernte er durch die Bekanntschaft mit anderen Zauberern, entdeckte auch einige vergessene Tricks wieder. Trotzdem lernte er zunächst noch einen "richtigen" Beruf - Koch - bevor er sich nach dem Zivildienst, anfangs "nebenbei", später hauptberuflich der Zauberei widmete. Er zauberte Tauben aus leeren Tüchern, arbeitete als Entfesselungskünstler, wobei er sich einige Male schwer verletzte, weshalb Jo Everest heute "nur" noch als Comedy-Magier, als "zaubernder Spaßmacher" auftritt. Wobei ihm die Unterhaltung mit dem Publikum, sein Staunen und Lachen ohnehin besonders am Herzen liegen. "Die Leute wollen, wie man heute sagt, interaktiv dabei sein. Und das macht mir auch am meisten Spaß."

Er hat mit Größen der ostdeutschen Unterhaltungskunst wie Eberhard Cohrs, Dagmar Frederic und Frank Schöbel zusammengearbeitet, aber er hat auch vor dem damaligen israelischen Botschafter in Deutschland Shimon Stein gezaubert. Berühmte Zauberer der DDR kannte oder kennt er persönlich: Jochen Zmeck und Peter Kersten etwa, der mit der Fernsehserie "Zauber auf Schloss Kuckucksstein" populär wurde. "Wir hatten auch gute Leute", sagt Jens-Uwe Günzel, "vielleicht mehr als in der Bundesrepublik."

Heute zaubert er mit Karten, unter anderem mit einer ganz speziellen Brillenkartenkobra, die aus einem Kartenspiel die frei gewählte Zuschauerkarte zieht. Sein Lieblingstrick ist noch immer der mit den acht losen Metallringen, die sich plötzlich miteinander verbinden. Auch diese Ringe sind im Zaubermuseum zu sehen - denn das ist die andere große Leidenschaft von Jens-Uwe Günzel: die Geschichte der Zauberei. Als Kurt Soltau 1995 starb, habe er den Wunsch gehabt, dass Günzel sein seit den 1950er Jahren aufgebautes kleines Museum der Zauberkunst übernimmt, zumal sein Schüler selbst schon zu sammeln begonnen hatte. "Einige Zauberer haben ihre Requisiten nach ihrem Tod verbrennen lassen. Aber vieles habe ich auch retten können. Damit hatte schon Kurt Soltau begonnen. Er hatte noch vieles geschenkt bekommen", erklärt Jens-Uwe Günzel die Anfänge und das Wachsen seiner Sammlung. Auf Flohmärkten wurde er fündig, durch persönliche Kontakte und wohl auch, weil seine ernsthafte Sammelleidenschaft sich im Magischen Zirkel, dem Dachverband der Zauberer, herumsprach. Und weil Jens-Uwe Günzel seine historischen Kenntnisse seit einigen Jahren in zahlreichen Beiträgen in deutschsprachigen Magie-Zeitschriften weitergibt.

Natürlich hält er mit seinem Museum auch die Erinnerung an den Zauber-Soltau mit der Dohle auf der Schulter wach. Kurt Soltau war nicht nur als Zauberer unter den Namen Kuso oder Zauberclown Kurti berühmt. Sein 1953 gegründetes Geschäft für Zauberartikel, für das der gelernte Tischler viele Trickobjekte aus Holz selbst baute, hatte weit über Annaberg hinaus einen guten Ruf. "Teilweise hatte er 5000 Kunden weltweit, in Westdeutschland, Österreich, England, sogar in Ägypten." Einige Zauberer - wie Kalanag, einer der bekanntesten Nachkriegsillusionisten (West-) Deutschlands (der in der Nazi-Zeit unter seinem bürgerlichen Namen Helmut Ewald Schreiber als Filmproduzent und damals noch Hobbyzauberer ein Günstling Hitlers und Göbbels war) - besuchten Kurt Soltau in Annaberg, um bei ihm einzukaufen. Eine sogenannte Fluchtkiste, die Kalanag beim Zauber-Soltau erwarb, ist ebenfalls im Zaubermuseum zu sehen. 1988, mit dem Eintritt ins Rentenalter, hatte Kurt Soltau sein Geschäft geschlossen, zumal es in der DDR oft Schwierigkeiten mit der Materialbeschaffung gab - da half dann auch keine Zauberei.

Daneben gibt es in dem Museum Utensilien über die Ursprünge des Hütchenspiels zu bewundern, das als Becherspiel einer der ältesten Zaubertricks überhaupt ist. Eine original Winchester-Flinte aus dem frühen 19. Jahrhundert ist zu sehen, mit der Zauberer auf der Bühne auf sich schießen ließen. Wobei manche gestorben sind, wenn der Trick dann doch nicht korrekt ausgeführt wurde. Devotionalien der Tigerbändiger Siegfried und Roy - "mit Siegfried bin ich gut befreundet" - und von David Copperfield sind zu sehen. Letzterer betreibt in Las Vegas selbst ein Zaubermuseum, hat sich bei Jens-Uwe Günzel schon über dessen Forschungen informiert. Es gibt sogar Requisiten einer Zauberei, die einst Clown Ferdinand aufführte, dazu hunderte Zauberkästen, der älteste aus dem Jahr 1880. Trickflaschen, die sich verdoppeln, Erinnerung an das Mysterium des "stehenden Seils", an dem ein Jüngling hochklettern kann. Und, sagt Jens-Uwe Günzel stolz: "Alle Requisiten funktionieren noch."

Sein besonderes Interesse gilt dem Schicksal jüdischer Zauberer, darunter einige, die in den Jahren des Nationalsozialismus verfolgt, verhaftet, zum Teil auch ermordet wurden - "ein dunkles Kapitel der Zauberkunst". So hat er über Günter Dammann gearbeitet, der sich als Zauberer Robertini nannte und 1942 in einem KZ in Riga ermordet wurde.

Stundenlang kann Jens-Uwe Günzel über die Geschichte und Gegenwart der Zauberkunst erzählen - nur eines wird man, trotz Nachfragen, nicht von ihm hören: Er verrät keinen einzigen Trick. "Auch ich habe den Ehrenkodex der Zauberer auf den Zauberstab abgelegt", sagt er lächelnd. "Es hat jedenfalls nichts mit Hexerei zu tun." Und wenn jemand fragt: "Wie machen Sie das nur?" antwortet er lächelnd: "Ich hoffe, gut." Das Zaubermuseum kann man nur nach Voranmeldung über seine Webseite besuchen.

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