Der Beschützer der kleinen Krabbeltiere

Ameisen sind nützlich. Mitunter sind Nester aber schlichtweg im Weg. Dann müssen die krabbelnden Bewohner umgesiedelt werden. Ein Mann kümmert sich darum, dass ihnen dabei nichts passiert.

JÖHSTADT/Marienberg.

Ein mittelgroßes Ameisenvolk mit einer Million Arbeitern vertilgt 28 Kilo Insekten im Jahr, sagt Siegmar Bräuer und ergänzt: In den Nestern herrschen immer zwischen 27 und 29 Grad Celsius. Der Mann aus Jöhstadt weiß so gut wie alles über die nützlichen Krabbeltiere. Schließlich ist er staatlich anerkannter Ameisenheger.

Und davon gibt es nicht viele im Freistaat. Die sächsische Ameisenschutzwarte führt sechs regionale Ansprechpartner auf. Siegmar Bräuer ist einer davon, kümmert sich im Erzgebirge um die Pflege, Förderung sowie den Schutz der Waldameisen und anderer geschützter Ameisenarten. Dabei wird der 69-Jährige auch vom Landratsamt um Hilfe gebeten.


Der unteren Naturschutzbehörde stehen etwa 100 ehrenamtlich bestellte Naturschutzhelfer zur Seite, erklärt Sachgebietsleiterin Angela Stolz. Ihr Rat und ihre Unterstützung werden häufig dann benötigt, wenn sich etwa Tiere in Häusern verirrt oder sich dort eingenistet haben, wo sie ungebetene Gäste sind. "Bürger wenden sich an uns, wenn sie Hilfe brauchen. Dafür haben wir während der Sprechzeiten des Landratsamtes einen Telefondienst eingerichtet", erläutert Stolz.

Für jedes Fachgebiet gibt es Experten. Der Ornithologe etwa kümmert sich um Vögel und Fledermäuse, der Herpetologe wiederum um Schlangen. "Ein großes Thema im vergangenen Jahr waren Hornissen und Wespen. Einige Nester mussten umgesetzt werden. Das war sicherlich auch dem heißen Sommer geschuldet", sagt die Sachgebietsleiterin der unteren Naturschutzbehörde.

Siegmar Bräuer wiederum beschützt die Ameisen. Er weiß, dass die nützlichen Krabbeltiere hin und wieder Baupläne durchkreuzen. Siebenmal kam er in diesem Jahr bereits zu Hilfe, um Nester umzusiedeln. So auch in Marienberg, wo die kleinen Tiere für großen Wirbel sorgten.

Beim Abriss der alten Aldi-Filiale an der Hanischallee wurden drei Ameisenhaufen entdeckt. Es handelte sich um die Kahlrückige Waldameise, die in Deutschland nach der Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt ist. Ameisenheger Bräuer wurde beauftragt, die Tiere fachkundig und artenschutzgerecht umzusiedeln. "Nach einem Treffen vor Ort haben wir das Verfahren festgelegt. Anschließend wurden die Nester mit einem Bagger ausgehoben. Denn vom Nest ist nur ein Fünftel zu sehen. Die anderen 80 Prozent liegen unter der Erde und verlaufen mit den Brutkammern auch in die Breite", sagt der Experte.

Bräuer hatte schon im Vorfeld einen neuen geeigneten Standort für die Waldameisen ausgesucht. So handhabt er es immer. Doch mit dem Einsetzen in ein neues Nestloch ist die Arbeit nicht getan. Um die Ameisen zwei Wochen lang bei der Nahrungssuche zu unterstützen, werden stets in etwa einem Meter Entfernung zum Nest Zuckerlösungen aufgestellt.

Dazu vermischt Bräuer einen Liter Wasser mit zehn Stück Würfelzucker. "Die Ameisen müssen sich erst wieder eine Nahrungsquelle suchen. In Marienberg haben sie sich schnell in ihr neues Gebiet eingefunden", erklärt der 69-Jährige.

Doch wie kommt der Jöhstädter zu einem so ungewöhnlichen Hobby? Eigentlich ist Bräuer ausgebildeter Pädagoge, arbeitete vor dem Renteneintritt im Kinderheim in Jöhstadt, später in der Naturschutzstation Dörfel und schließlich bei der unteren Naturschutzbehörde in Annaberg-Buchholz. Seine Leidenschaft gilt aber schon länger den Tieren. Seit 53 Jahren sammelt der Erzgebirger Käfer, später auch Ameisen. Bei der sächsischen Ameisenschutzwarte bringt er sich seit 2002 aktiv als Vereinsmitglied ein. In einem dreijährigen Lehrgang ließ er sich zum staatlich anerkannten Ameisenheger ausbilden.

Seitdem hat er etwa 150 Nester umgesetzt. "Zum Glück habe ich eine verständnisvolle Ehefrau, die mir den Rücken freihält. Schließlich nimmt mein Hobby viel Zeit in Anspruch", sagt er.

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