Der Lebenszug des Joachim Richter

90 Jahre wird der ehemalige Pädagoge aus Buchholz in diesem Monat alt. Passiert ist in dieser Zeit eine Menge. Eine Biografie wie sie viele teilen und doch einzigartig.

Joachim Richter wollte eigentlich Medizin studieren. Doch das Leben hatte andere Pläne mit ihm.
Mehr als nur Hobby: Joachim Richter und seine Modellbahn.

Von Elke Schäf

Das Schicksal des Joachim Richter widerfuhr in der dunkelsten und traurigsten Epoche der deutschen Geschichte so oder ähnlich tausendfach auch anderen Familien. Dennoch hat diese Geschichte auch etwas ganz Besonderes an sich. Sie begann in Buchholz und hier schließt sich der Kreis. Es soll gleichfalls eine Mahnung für nachfolgende Generationen sein, dass ein Leben in Frieden und sozialer Sicherheit keine Selbstverständlichkeit ist.

In diesem Monat darf Joachim Richter auf neun Lebensjahrzehnte zurückblicken. Ein guter Zeitpunkt, um die guten und schlechten Ereignisse und Stationen noch einmal Revue passieren zu lassen. Ab dem Jahr 1935 besuchte der Junge die Grundschule in Buchholz. Daran schloss sich die neu gegründete Mittelschule an. Ab der 10. Klasse sollte die Lehrerausbildung an der Hans-Schemm-Schule, die im neuen Lehrerseminar untergebracht war, beginnen. Doch das Jahr 1944 veränderte Joachim Richters Leben für immer. Obwohl kaum noch mit einem Sieg Deutschlands im Krieg zu rechnen war, bäumte sich der Dämon Kriegstreiber noch einmal auf. Die Alten wurden zum Volkssturm und die Jungen, wie Joachim Richter, zum Reichsarbeitsdienst eingezogen.

Der 16-Jährige erhielt seine Einberufung am 24. Dezember 1944 und wurde nach Rastenburg in Ostpreußen, dem heutigen Ketrzyn, zur Verteidigung des Führerhauptquartieres Wolfsschanze geschickt. Das war im Januar 1945. Hitler hatte sich längst in seinen Bunker unter der Reichskanzlei in Berlin zurückgezogen, als die Jugendlichen seinen Hauptsitz mit dem Verlegen von Tausenden Tretminen sichern sollten - nachts bei Temperaturen von 20 Grad minus und einer Schneehöhe von etwa 40 Zentimetern. Auf verlorenem Posten waren sie dem Angriff der Roten Armee ausgesetzt und wurden in die eigenen Minenfelder getrieben. Es gab hohe Verluste und Joachim Richter wurde schwer verletzt. Medizinische Versorgung war nicht vorhanden. Auf abenteuerliche Weise erreichte er schließlich das Reservelazarett in Marienbad. Vorher mussten ihm nach Erfrierungen beide Füße teilamputiert werden.

Dem Lazarett schloss sich die amerikanische Kriegsgefangenschaft an. Da der Jugendliche über Englischkenntnisse verfügte, erleichterte das seinen Aufenthalt. Er fungierte als Dolmetscher zwischen den Amerikanern und einem ungarischen Arzt. Gleichzeitig agierte er als Arzthelfer am Operationstisch. Das führte dazu, dass der Chefarzt ihm ein Vorstudium der Medizin an der Universität in Erlangen vermittelte. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich mit Gelegenheitsjobs, die hauptsächlich in der Nacht ausgeübt wurden. Schließlich bahnte sich im Jahre 1947 im Zuge eines Austauschverfahrens zwischen den Alliierten die Möglichkeit an, über Gutenfürst nach Hause zu gelangen. Sein einziges Dokument war der Entlassungsschein aus der amerikanischen Gefangenschaft.

Endlich zurück in seinem geliebten Buchholz plante der junge Mann die Fortsetzung des Medizinstudiums in Leipzig, was ihm jedoch ob seiner bürgerlichen Herkunft versagt wurde. Richter gab nicht auf, denn seine ehemaligen Buchholzer Lehrer ermutigten ihn, sich als Neulehrer zu bewerben, da durch die Entnazifizierung ein großer Mangel an Lehrkräften bestand. Nach bestandener Aufnahmeprüfung und Lehrgang zu Grundbegriffen der Pädagogik, Methodik, Didaktik, Psychologie und Schulhygiene wurde er als Lehramtsbewerber an der Grundschule in Buchholz als Unterstufenlehrer und Deutschlehrer in den oberen Klassen eingesetzt. Bereits zuvor hatte er seine Vorliebe für die deutsche Sprache entdeckt. Per Fernstudium erlangte er seinen Abschluss als Lehrer für Deutsch und Geografie. Er selbst nennt sich in dieser Zeit einen "lernenden Lehrer". Auch hatte sich mit dem Lehrerexamen der Kreis des Joachim Richter geschlossen. Was im Jahre 1944 begonnen wurde, fand seine Vollendung im Jahre 1956. Er wurde nun doch noch Lehrer. 17 Jahre unterrichtete er an der Schule in Buchholz.

1963 erfolgte die Berufung zum Leiter der damaligen Kreisbildstelle in Annaberg, was eine neue Herausforderung für Richter bedeutete. Aus fast nichts musste vieles versorgt und organisiert werden. Joachim Richter erinnert sich: "Manches scheiterte an bürokratischen, materiellen und finanziellen Schwierigkeiten. So wurden die ausgehandelten Liefertermine zur Leipziger Messe 'Interskola' grundsätzlich bis zu zwei Jahren hinausgezögert. Materialengpässe wie zum Beispiel bei der Beschaffung von Halogenlampen milderten wir durch persönlich Vorsprachen in den Narwa-Werken. Dabei half auch mal ein Nussknacker aus Seiffen oder ein Päckchen Kaffee für die Sekretärin ..."

Ende 1990 konnte er stolz auf das Erreichte sein. Es gab an den 42 Schulen des Kreises mehr als 400 Tageslichtschreiber, etwa 70 komplette Tonfilmapparaturen und eine unüberschaubare Zahl von Plattenspielern und Tonbandgeräten. Außerdem nannte sich die Institution jetzt Kreismedienstelle. Joachim Richter wurde zum Oberlehrer ernannt und später zum Studienrat befördert, was er selbst als Anerkennung für geleistete Arbeit wertet.

1991 ging er in den vorzeitigen Ruhestand. Leider verlor er gerade in dieser Zeit seine Ehefrau. Um dem Alleinsein zu entfliehen, beschäftigte er sich immer intensiver mit seiner zweiten Leidenschaft, der Modelleisenbahn. Diesem Hobby frönte er bereits seit etwa 50 Jahren. Er war ebenfalls im Kollegium der Redaktion der Zeitschrift "Modellbahnwelt" tätig. Bei ihm zu Hause entstand in den 1970-iger Jahren eine große Modellbahnanlage für die Spurgrößen H0 und H0e (Schmalspurbahn), die nun erweitert wurde. Auch der Freundeskreis vergrößerte sich. Ehemalige Schüler gehören ebenfalls dazu. Joachim Richter reiste viel. Unvergessen bleiben vor allen Exkursionen in die Schweiz und die dortigen Fahrten mit dem Glacier- und dem Bernina-Express. Dabei wurden auch viele Meter Film gedreht, von denen einige Ausschnitte in der Fernsehsendung "Eisenbahnromantik" gezeigt wurden.

Das Leben des Joachim Richter ist geprägt von Vielfältigkeit, Wissensdurst und tiefer Menschlichkeit. Gerade Letzteres machte ihn zu einem Pädagogen aus Leidenschaft. Er wird niemals richtig ankommen. Zu viele Lebenszüge fuhren an ihm vorbei und hielten nicht an.

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