Der reimende Mondputzer

Das Erzgebirge ist einzig - auch wegen der Sprache. "Freie Presse" und Erzgebirgsverein schauen dem Volk aufs Maul. Heute: Siegfried Fiedler aus Grumbach. Originelle Zeilen in Mundart sind sein Pläsier.

Grumbach.

"Su alt wie de Walt, emente a e paar Gahr ginger, gibs en Gesell, dar nimmt zu un ward winger." So beginnt die unterhaltsame Sprach- und Geschichtsreise zum Spitznamen seiner Heimatgemeinde Grumbach von Siegfried Fiedler. Als waschechter Erzgebirger hat sich der 69-Jährige mit dem Werden und Wachsen des Dörfchens beschäftigt und auf seine Weise auch die Legende um den Neckbegriff der Mondputzer aufgegriffen. Längst sind seine in Mundart niedergeschriebenen Beiträge ein Begriff für originelle Leselektüre geworden. Noch gelten sie als Geheimtipp, denn seine zumeist lyrische Aufarbeitung von Ereignissen vor der Haustür betreibt Siegfried Fiedler nicht des Renommees wegen. Kostproben seines Schaffens sind meist bei Vereins- und Familienfesten im Ort zu erleben. So zeichnet Fiedler mit André Zinn für das obligatorische Theaterstück im Rahmen des der Gemeinde den Namen gebenden Mondputzer-Festes verantwortlich. "Doch leider konnten wir corona-bedingt 2020 das Stück noch nicht aufführen", so der Hobbyschreiber.

"Mein Großvater hatte mein Interesse geweckt, sich mit Ortsgeschehen und kulturellen Eigenheiten zu beschäftigen", erinnert sich der 49 Jahre im Unternehmen Feuerlöschtechnik Jöhstadt arbeitende Technikexperte. "Er ermutigte mich, darauf zu hören, was und wie es die Mitmenschen sagen. Insofern war meine Aufgeschlossenheit für die Muttersprache geweckt." Bis der in der hiesigen Rettungstruppe engagierte Feuerwehrmann indes das Gehörte und Gesehene aufgriff, dauerte es noch. "Als 1994 unser neues Feuerwehrgerätehaus eingeweiht wurde, entstand die Idee, einmal eine anders gestaltete Festrede zu halten", blickt der Grumbacher zurück. Sein erster Beitrag im heimischen Zungenschlag würzte damals die Zeremonie. "Bissel frech und frivol, kurzweilig, aber nie verbal verletzend, so lautet mein Rezept", sagt Fiedler. "Und schon bald wurde mir klar, dass Mundartliches in Reimform noch schöner klingt."

Unter dieser Devise sind bislang zwei Dutzend Arbeiten entstanden. Sie allesamt greifen tatsächliche Begebenheiten auf. Ob Familienausflug, die Visite beim Arzt oder der Sportwettkampf - Schenkelklopfen und Lachmuskeltraining sind beim Zuhörer garantiert. "Dabei bedarf es bissel Zeit und Muse, das Erlebte in Wortform zu bringen. Einen Stichwortzettel für Gedanken habe ich immer dabei, selbst auf dem Nachttischchen", verrät der nicht minder talentierte Schnitzer. "In der Landwirtschaft aufgewachsen, lasse ich während der Gartenarbeit die Gedanken schweifen. Beim eintönigen Grasmähen fliegen einem dann die Ideen zu. Fiedler verrät, dass seine schöpferische Qual eine lohnende Beschäftigung ist: "Es tut gut, wenn die Zuhörer lachen. Das motiviert."

Siegfried Fiedler bringt die Mondputzer-Legende mit dem Bergbau und der Silbergewinnung in Zusammenhang. Dabei beanspruchen die Grumbacher diesen Kosenamen nicht nur für sich allein. In verschiedenen Regionen Deutschlands wird er gepflegt. So im erzgebirgischen Zschorlau. Demnach soll es sich zu einer Zeit der Pferdewagen auf der ausgefahrenen Dorfstraße zugetragen haben, dass ein müder Zecher den Heimweg angetreten hatte. Vater Mond wies in jener glasklaren Tauwetter-Nacht - sich tausendfach in jeder kleinen Wasserlache spiegelnd - den Weg. Schon bald in eine der Pfützen fallend, erschlug der Trunkenbold das schöne Mondgesicht. Ganz entsetzt soll er sein Taschentuch hervorgezogen und versucht haben, den Mond wieder blank zu putzen.

Auch in den Harzbergen werden "Mondputzer-Geschichten" erzählt. Im Dörfchen Neuwerk wird von einem Volksfest erzählt, bei dem tief in der Nacht eine Wolke vor den vollen Mond zog. Als es dunkel wurde, habe man den Betrunkensten aufgefordert, diese zu vertreiben. Als weitere Variante gilt die Glocken-Sage. Damit die herbeikommenden tatkräftigen Bewohner aus den Nachbardörfern mit ihren Fuhrwerken auch zur Nachtstunde das Dorf erreichten, wurde vorsichtshalber der Mond geputzt. Noch heute sollen im Tal lange Stangen versteckt sein, um damit bei Bedarf den Erdtrabanten zu polieren. Bergbaufreunde wiederum sagen, dass die Bergleute mit langen Stangen und Putztüchern auf den höchsten Berg gegangen sein sollen, um die Wolken vom Mond wegzuputzen. Zudem hätten die Köhler mit ihren Meilern wetterabhängig das Tal oftmals verraucht. Um den Männern den Heimweg zu erleichtern, sollen sie zu ihren Frauen gesagt haben: "Wir müssten mal den Mond putzen."


Der Spitzname - Gedicht von Siegfried Fiedler aus Grumbach

Sualt wie de Walt, emente a epaar Gahr ginger,

gibs en Gesell, dar nimmt zu un ward winger.

Es is der Monden, wem er scheint is ne Pracht,

mehr sieht ne bei Toog, ower meistens in dor Nacht.

Dar Karl is e Siegel, von der Sunn kimmt sei Licht,

in enner schienen Nacht kam er erkenne, das er hot e Gesicht.

Genau in vier Wochen de Ard er umkreist,

gern mecht mor a wissen, was de Rückseit aufweist.

Als Kind hot mer gern setten Geschichten gelauscht,

un hättn is Fahrrood geng ner Mondras getauscht.

De Walt hot sich verändert un is aus de Fung,

seit paar hunnert Gahrn kimmt öfter dicker Qualm gezung.

De Menschheit dut de Luft verpessten; dar Drack kimmt von Sieden, Osten`n a driem von Westen.

Er streicht bis übern Himmel nieber,

un lecht sich off dar Mondscheib drüber.

Do kame de Leit of amol drauf,

das Drack muss nunner oder war kimmt dort nauf?

Su was ka mer blus von dor Höh bestreit'n,

rum giet das a net mit annern Leiten.

Grumbich hot do de beste Looch,

mir kenne 'ne putzen in dor Nacht un bei Toch.

Un schaff'mers mol gar net mit de Lettern bis nauf,

da namme mers Strahlrohr, ober do haln mer drauf.

Flack un Lumpen viel möchten do sei,

die holn mor uns aus der Imgabing nei.

Dar Spitzname "Mondputzer" stammt noch aus der Bargbauzeit,

der Name is entstanden aus lauter Archer und Neid.

Zu gern wern mer dormiet otn Arm genomme,

ober kaner wes su richtich wie mer sei dorzu kumme.

Is Zang für Gold, das is de Sonn racht hold,

is Zang für Silber is dor Mond, dar racht schie blank an Himmel thront.

Als mor im Arzgebarg noch viel Silber fand,

wur das Metall a für Gald verwand.

In Frohnauer Hammer wurn Münzen gemacht,

dozu nom mer das Silber ausn Barg un Schacht.

Engelsgroschen hot mer se genannt, die wurn mit en Stempel geschlaa,

die Arbet hätt zu garn e jeder getaa.

Die Münzn wurn geputzt un mit Glanz versaa,

das Gald hot gelinsert wie Edelstaa.

Dorzu wurn blus ondliche Karln genomme, die konnt'n net aus jedem Nast harkomme.

Sugar unner Wappen duts be- kunden,

das unnre Vorfahrn ihr Handwerk racht gut verstunden.

Grumbicher Bargleit hot mer sich do rausgesucht,

die warn ehrlich un hattn noch Zucht.

Die Annern dats archern, weil ses net kunnten,

drim hom se aus Neid "Mondputzer" erfunden.

Dar Spitzname ging rim, wie e Barggeschrei,

bin in unner Gahrhunndert nei.

Un sah mer ne scheine in silbricher Nacht,

ward heit noch an die Legende gedacht.

Drim braung mer immer Lumpen un lange Fahrt'n aus Holz,

der Mond um am Himmel dar blebt unner Stolz.


Machen Sie sich einen Reim auf Orte ... und Kopf um Worte

Diese Neuauflage der Suche nach dem erzgebirgischen Wort, gemeinsam organisiert von "Freie Presse" und Erzgebirgsverein, hat es in sich:Dieses Mal geht es nicht allein um einfache Worte, sondern auch um Reime und einen Song.

Wie immer gesucht: Ihr Lieblingswort in erzgebirgischer Mundart, diesmal zum Thema Hobby & Freizeit. Zudem gesucht: Strophen für einen neuen Erzgebirgssong. Es könnte das Lied des Jahres werden - wenn Sie, Ihrer Reim-Ader kräftig Zucker geben: für eine Hommage auf Ihren Wohn- oder Lieblingsort im Erzgebirge. Mundart-Musiker Hendrik Seibt hat bereits die Melodie komponiert und einen Beispiel-Reim gemacht - natürlich auf seinen Heimatort Gelenau:

Zwischen Annabarch un Chams, do liecht a Ort mit Sonnenglanz!

Dieser Ort is werklich schie,

ne klare Dorfbooch, Walder grie!

Dieser Ort ist ellenlang,

de Gälner zieh nan änem Strang!

Uhm fällst de hie, es Bäh kaputt, in Niedergäln bist Du schu tud!

Nun ist es an Ihnen! Bringen Sie Ihren Wohn- oder Lieblingsort humorvoll in ebenso lange acht sich reimenden Zeilenin erzgebirgischer Mundart. Eine Jury wird die schönsten auswählen.Ihren Achtzeiler senden Sie an: Freie Presse, Markt 8 in 09456 Annaberg-Buchholz oder per E-Mail an:

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