Der Wirt vom Wildbach

Mario Eberlein ist ein Original im Erzgebirge. Mit seiner Gaststätte im Preßnitztal zeigt er, wie Gastronomie, Schmalspurbahn und regionale Er-zeuger erfolgreich Hand in Hand arbeiten. Mit 50 will er nun ein neues Berufs- leben beginnen. Seine Geschichte erzählt vom Überlebenskampf der Landgasthöfe - und vom Blick übern Tellerrand.

Steinbach.

Die Tagesempfehlung gibt's mündlich, die steht auf keiner Speisekarte. Frische Bachsaiblinge, gezüchtet im Erzgebirge, waren es zuletzt. Jetzt hat Mario Eberlein vom Jäger ein junges Wildschwein hereinbekommen. Also kredenzt er Rippchen, geschmort nach böhmischer Art, mit Schwarzbiersoße und Knoblauch. Die Kartoffeln bezieht er aus Jöhstadt, den Salat holt er im Nachbardorf Oberschaar. "Da hab ich eine fleißige Seniorin, die für uns alles anbaut", erzählt er.

Das Auto voller Grünzeug hat er selbst ausgeladen: Koriander, Knoblauchkraut, Erdbeerspinat, Kerbel, Kresse und verschiedene Blattsalate. "Ich hab hier eine größere Auswahl als ein Fünfsternekoch auf dem Münchner Viktualienmarkt." Und die Gäste? Die kommen mit Wanderstiefeln und Volldampf. Die Schmalspurbahn schnauft direkt an seinem Wirtshaus vorbei. Willkommen im Preßnitztal!


Die Preßnitz entspringt in der Nähe von Kupferberg, dem heutigen Měděnec in Böhmen. Kurz vor der Grenze wird sie gestaut; eine Talsperre verschluckte 1976 die einstige Bergstadt Preßnitz. Hinter Kryštofovy Hamry, früher Christophhammer, fließt die Preßnitz dann durch Sachsen, bis sie bei Wolkenstein in die Zschopau mündet. Auf diesen 20 Kilometern formte der Fluss eines der schönsten Täler des Erzgebirges.

In diesem Winkel hat sich Mario Eberlein vor etwa 25 Jahren niedergelassen und eine Familie gegründet, lebt sich ein mit Frau und drei Kindern. "Am Wildbach" heißt seine Gaststätte am Rande des kleinen Dorfs Steinbach, sie ist "Sommerfrische und Winteridyll". Das Haus wurde 1979 von Mitgliedern des DDR-Kulturbundes errichtet, "in 9430 freiwilligen, unbezahlten Arbeitsstunden", wie man auf einer Tafel am Eingang lesen kann. Die Heimatfreunde hatten damals nur am Wochenende Zeit für den Betrieb, es war eher ein Imbiss mit Schaschlik, Bier und Soljanka, eben eine "Raststätte" für Wanderer - deshalb heißt das Haus offiziell heute noch so.

Nach der Wende ging es an den Erzgebirgszweigverein Steinbach, der es dreimal erfolglos verpachtete. Damals in den Neunzigern, erzählt Eberlein, liefen die Geschäfte schlecht. "Die Leute wollten nur Westautos und Buntfernseher." "Zammnemmsch" waren sie, würde der Erzgebirger sagen.

Mit Mario Eberlein ging es dann aufwärts. Er stammt aus Karl-Marx-Stadt, lernte Koch im hiesigen Interhotel Kongress, jenem Hochhaus am Karl-Marx-Kopf, das noch heute das Stadtbild prägt. "Es war eine niveauvolle Lehrausbildung, die es so nicht mehr gibt", berichtet er. Dieses Niveau brachte er mit ins Erzgebirge. Heute erklärt er seinen Gästen in der Speisekarte, warum die Preise für seine Gerichte in manchen Fällen ein wenig vom "Erzgebirgsgaststättendurchschnitt" abweichen. Er listet die regionalen Partner auf, erklärt, dass er für die einheimischen Zutaten gern etwas mehr ausgibt. Und in der Diele seines Wirtshauses steht eine alte Eisenbahnlampe, in die man Spenden für die Preßnitztalbahn einwerfen kann.

Das Preßnitztal - es lebt vom gegenseitigen Geben und Nehmen seiner Bewohner. Die Schmalspurbahn, die einst von Wolkenstein nach Jöhstadt führte und die Enthusiasten Ende der Neunzigerjahre bis nach Steinbach wieder aufbauten, lockt die Touristen ins Tal. Es gibt Rad- und Wanderwege, die alte Eisenhütte in Schmalzgrube und das Besucherbergwerk "Andreas-Gegentrum-Stolln". Im "Wildbach", im "Forellenhof" und in der "Schlösselmühle", die alle einen eigenen Haltepunkt an der Bahnstrecke haben, werden die Besucher beköstigt.

Mario Eberlein sagt über die gas-tronomische Versorgung im Erzgebirge: "Wir sind hier die letzte Region, in der noch drei Gaststätten ein Tal verbinden." Es ist ein Netzwerk, gewachsen über Jahrzehnte, ohne Konkurrenzdenken, jeder braucht den anderen. Doch dieses Netzwerk ist fragil. Denn junge Menschen zieht es hinaus in die Ferne. Zurück bleiben die Alten, die irgendwann keine Kraft mehr haben. Der Wirt vom Wildbach sagt: "Wenn eine der drei Gaststätten schließt, ist die Versorgung an den Tagen mit Bahnbetrieb nicht mehr abzusichern."

Köche aus dem Preßnitztal, so berichtet Mario Eberlein, arbeiten heute in aller Welt: auf einem Expeditionsschiff in der Antarktis, in den arabischen Emiraten, in einer eigenen Konditorei in Neuseeland - "Brinkel's Cake Art" heißt der Laden in der Nähe von Wellington. Und dann ist da noch Dave Weber in der Schweiz. Er war Lehrling in der Raststätte "Am Wildbach", die Ausbildung zum Koch dort prägte ihn fürs Leben, wie er erzählt. "Keine Tüten aufmachen", lautete die Devise. Soßen, Salat, alles wurde frisch zubereitet. "Und wenn der Jäger kam und ein paar Knochen übrig hatte, haben wir 'ne Brühe draus gemacht."

Dave Weber ist jetzt 29 Jahre alt und hat Heimweh. Heimweh nach dem Erzgebirge, dem Preßnitztal, dem Elternhaus in Steinbach, das er übernommen hat. "Seit fast zehn Jahren bin ich nun unterwegs", sagt er. Spanien, Mannheim, schließlich ein Nobelhotel auf einer Insel im Bielersee. Doch bald kehrt er heim. Mario Eberlein hat ihn zurückgeholt, im Januar wird er die Gaststätte "Am Wildbach" übernehmen. "Ehrliche, regionale Küche", so will Dave Weber auch künftig weitermachen. Die Zubereitung eines Pestos, so erzählt er, dauert dann eben auch künftig eine Dreiviertelstunde. Mit Bärlauch, frisch gepflückt in den Wäldern der Umgebung.

Es wird eine Übergabe unter Freunden werden, kein großes Geschäft für Mario Eberlein. Anfang des Jahres hatte er noch gehofft, Unterstützung vom Freistaat zu bekommen. Ihm wurden Fördermittel in Aussicht gestellt - aus einem 25 Millionen Euro schweren Programm für ,,vitale Dorfkerne", das die Landesregierung erst im Dezember 2018 neu aufgelegt hatte, um nun auch Bäcker, Fleischer und Gasthöfe auf dem Land zu retten. Der Verein zur Entwicklung der Region Annaberger Land, so berichtet Eberlein, habe sich bei der Beantragung der Fördermittel richtig ins Zeug gelegt. "Die sagten: Wir helfen dir, das passt wie die Faust aufs Auge." Sein Nachfolger reiste dazu Anfang April extra aus der Schweiz an. Doch es stellte sich heraus: Der Fördertopf war bereits leer.

Wie viele Bäcker, Fleischer und Gasthöfe wurden mit den 25 Millionen Euro im Erzgebirge gerettet? Im Landratsamt sagte man Mario Eberlein: ein einziger. Das Ministerium für Umwelt und Landwirtschaft in Dresden bestätigt das: Kommunale Antragsteller waren schneller.Das Sterben der Landgasthöfe in Sachsen - genau lässt sich das nicht in Zahlen ausdrücken. Aber das Statistische Landesamt in Kamenz erfasst das Gastgewerbe insgesamt. Hier gaben binnen zehn Jahren allein im Erzgebirgskreis mehr als 150 Betriebe auf, das war jeder siebte. Eine typische Entwicklung in Sachsen - nur in Dresden und Leipzig legten die Zahlen zu. Der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga in Sachsen spricht von stetig zunehmender Bürokratisierung, die von den Betrieben kaum noch zu stemmen sei.

Zwei Bahnstationen vom "Wildbach" talaufwärts, Haltepunkt Forellenhof. Seit 1991 servieren hier Beate und Hans Dietel Fisch aus dem eigenen Zuchtteich und erzgebirgische Spezialitäten. Beate Dietel wird bald 72, ihr Mann 75 Jahre alt, doch sie stehen immer noch in der Küche und richten das hausgeräucherte Forellenfilet auf dem Salatteller an.

An diesem Wochentag Anfang Juni ist die Terrasse voller Gäste. Aus Chemnitz, Berlin und sogar aus Österreich kommen sie hierher. Eigentlich müssten sie nur am Wochenende öffnen, aber da ist es noch schwerer, Personal zu finden. Einen Koch und zwei Kellner haben sie jetzt, alle pendeln aus Komotau in Tschechien herüber. "Wir arbeiten nicht fürs Geld", sagt Beate Dietel. "Wir wollen, dass die Region weiterlebt und der Eisenbahn geholfen wird." Das Bahnl und die Gaststätten - noch einmal wird klar: Im Preßnitztal ist das eine ohne das andere nicht denkbar.

In diesem Jahr feiern die Dietels Goldene Hochzeit - und dann wollen sie aufhören. "Die Gaststätte Forellenhof im schönen Preßnitztal an der Preßnitztalbahn sucht ab 1. November 2019 einen Pächter." So steht es in einem Inserat. Sie hoffen, dass es bis dahin eine Lösung gibt, so wie in der Raststätte "Am Wildbach". Der Mario, erzählt Beate Dietel, sei das Erfolgsbeispiel - der Beweis, dass die Gastronomie eine Zukunft hat im Erzgebirge. Die Frau, die nach dem Alter seine Mutter sein könnte, sagt über Mario Eberlein: "Für mich ist er ein guter Freund - und ein Vorbild."

Mario Eberlein ist jetzt 50 Jahre alt, die Kinder sind aus dem Haus. Rund 35 Jahre hat er in der Gastronomie gearbeitet, nächstes Jahr will er noch einmal neu anfangen in seinem Berufsleben. Für ein paar Monate wird ihn sein junger Nachfolger im "Wildbach" noch anstellen, dann setzt sich der scheidende Wirt aufs Fahrrad und radelt auf den Balkan. "Dann hab ich die Möglichkeit, auch mal mit meiner Frau zusammen Urlaub zu machen", sagt er. Jordanien, Syrien, Palästina, Libanon - Eberlein war schon viel im arabischen Raum unterwegs. Oder im Altaigebirge in Russland. Bislang ging das nur im November, wenn die Gaststätte geschlossen blieb.

Der Wirt vom Wildbach blickt gern über den eigenen Tellerrand. Hier sieht er auch seine berufliche Zukunft. Im Erzgebirge möchte er künftig grenzüberschreitend touristisch arbeiten. In seiner Kneipe begrüßt er viele tschechische Gäste, die können in Kronen zahlen. Und weil deren Geldbeutel deutlich schmaler ist, bekommen sie bei ihm zehn Prozent Rabatt. So lernte Mario Eberlein Tschechisch, er hat einen guten Freund drüben auf der anderen Seite des Erzgebirgskamms - einen Deutschen, der sich dort ein altes Forsthaus mitten im Wald kaufte. Junge Leute, Deutsche und Tschechen, die sich mit der Geschichte der untergegangenen Stadt Preßnitz beschäftigen, machten bei ihm einen Workshop. Eberlein will nun selbst Impulse geben, damit das Erzgebirge nicht mehr als Grenzraum wahrgenommen wird, sondern als eine Region mitten in Europa. Die Gaststätte, seine "kleine öffentliche Einrichtung" und ihr Netzwerk, sollen dabei helfen.

Service

Die Raststätte "Am Wildbach" in Steinbach ist mittwochs bis sonntags ab 11 Uhr geöffnet. Die Preßnitztalbahn fährt im Sommer immer samstags und sonntags zwischen Steinbach und Jöhstadt. Am Mittwoch, 3. Juli, gibt es einen Seniorentag.

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