Der Wohlklang der Mundart

Das Erzgebirge ist einzig - auch wegen der Sprache. "Freie Presse" und Erzgebirgsverein schauen dem Volk aufs Maul. Heute: Wie der Wahlbayer Gerd-Günter Paschen mit Leidenschaft am Erzgebirgischen festhält.

Saulgrub.

Vom Gipfel ins Arbeitszimmer - dieses Motto gilt für Gerd-Günter Paschen regelmäßig. Der konditionsfordernde Aufstieg auf die vor der Haustür gelegene 1600 Meter hohe Berggruppe s'Hörnle inspiriert den 80-Jährigen immer wieder zu schöpferischen Höchstleistungen. "Das Naturerlebnis lässt mich die Gedanken fassen und inspiriert meine Schreiblust. Vor allem dem Erzgebirgischen fühle ich mich verpflichtet", sagt der Wilkau-Haßlauer. Der nennt seit über zwei Jahrzehnten Saulgrub in Oberammergau, unweit der Benediktinerabtei Ettal, seine zweite Heimat. Der Liebe wegen hatte es den Sachsen nach der Wende in die Alpenregion verschlagen. Um spontane Ideen für seine Geschichten während seiner Märsche nicht zu vergessen, bimmelt Gerd Paschen schon mal von unterwegs den heimischen Anrufbeantworter an: Statt einem Notizblock vertraut er dem Elektrogerät seine Einfälle an.

In die Erzgebirgsregion verliebte Leser kennen längst die Prosa- und Lyrikwerke Gerd-Günter Paschens. Dessen Arbeiten sind in hiesigen Tourismushochburgen geschätzt. So überreichen beispielsweise Hoteliers oder Fremdenverkehrsmanager die kleinen, liebevoll gestalteten Heftchen mit Anekdoten, Gedichten und Kurzgeschichten aus der Feder von Paschen, die als Erinnerungsgeschenk von den Leuten und dem Land unterm Fichtelberg berichten. Um verstanden zu werden, fügt der Autor regelmäßig ein kleines Wörterbuch der von ihm verwendeten Mundartbegriffe mit an.

Wiederholt gestaltete der Erzgebirger Mundarttreffen mit aus und führt Leserunden durch. Ein zur zurückliegenden Adventszeit von ihm und der Wilkau-Haßlauer Druckerei Ziesche gestalteter Kalender wurde zum originellen Geschenk. Neben Textbeiträgen, auch von anderen Autoren unterstützt, gab es per QR-Code die Geschichten auch akustisch vorgetragen. "So lebt Muttersprache", sagt Gerd Paschen schmunzelnd. "Seit Kindertagen spreche und schreibe ich, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Klar erfordert der Berufsalltag auch das Hochdeutsche, zu dem mich meine Großmutter einst immer so ermahnte: Rede mal bissel fein", erzählt der studierte Gartenbauingenieur und promovierte Betriebswirtschaftler. Verdiente er im Berufsalltag mit Pflanzenphysiologie, Bodenkunde und Gewächshausbau in Führungspositionen der ostdeutschen Gartenbaubranche sein Brot, fand er im literarischen Hobby den Ausgleich. Und er zählte auch den renommierten Journalisten Manfred Blechschmidt zu seinen Ratgebern und Freunden. "Mit ihm diskutierte ich oft die Rechtschreibung, deren Regeln in so manchem Mundartbeitrag leider zu wenig beachtet werden."

Mit Leidenschaft und durchaus wissenschaftlicher Akribie verfolgt Paschen das Ringen um die Muttersprache. Gerade mit der verbindet sich für ihn der Werdegang in einem Kulturraum. Durch sie findet Althergebrachtes und Bewahrenswertes ihren Ausdruck. Dies sei gerade in Bayern zu spüren. "Wie wunderschön das Erzgebirgische ist und ans Herz geht, merkt man häufig erst dann, wenn man nach längerer Zeit aus der Fremde zurück in die Heimat kommt", sagt Paschen.

Insofern versteht sich der Sachse als Botschafter des Erzgebirges und pflegt mit Stimme, Herz und Verstand die hiesige Mundart. "Es macht mir Sorge, dass der Zungenschlag immer weniger gesprochen wird, ja zu wenig Anerkennung in der Region selbst findet. Erzgebirger betrachten ihre Redeweise in einem immer komplexeren Weltgetriebe und dem alles erfassenden Medienzeitalter eher als einen Makel als einen Ausdruck des Selbstbewusstseins", so Paschen. "Dabei ist diese Zweisprachigkeit doch ein Ausdruck der kulturellen Herkunft und zeigt ein Stück Eigenständigkeit. Gerade die Mundart bringt Farbe und Wohlklang, die die Standardsprache nicht erreicht."

Im derben Lutherschen Sinne, den Leuten aufs Maul zu schauen, sammelt Gerd Paschen die Ideen für seine Beiträge, greift die gelebten Situationen auf, um sie literarisch aufbereitet weiterzugeben. Übrigens: Der Ansagetext des Anrufbeantworters macht die Herkunft des Neu-Bayerns unbeirrt klar: Statt "Grüß Gott" gibt es ein zünftiges "Glück auf" als Grußformel im erzgebirgischen Zungenschlag.


(K)ein toller Tag

Von Gerd Paschen

E Ma soß in dr Gastwirtschaft,

durchnässt bis of de Socken.

Pullover, Latschen, Hemm und Hus,

allaa - dor Wein war trocken.

Und als er dann rasch wechselte,

begann de nächste Qual.

Dor Hals war nackig, kratzte arg,

allaa - 's Bier war schal.

Als 'r d'rnooch was Warmes wollt,

wur's aah schu wieder witzig.

Dor Tee war wie das Bier saukalt,

allaa - de Kellnerin war hitzig.

Vor Gahrne hätt 'ne das gefalln,

doch de Erinnerung war blass.

'R grübelt lang und dachte nooch,

ich glaab - do war noch was.

'R sucht ganz lange im Gehirn,

am End' ging's in de Baa.

Am besten iech gieh wieder haam

Und fräch mol meine Fraa.

Doch aah bei daar streikt dor Vrstand,

es tat ihr bitter leid.

Das Gute an dor ganzn Sach,

se warn damit ze zweit.

00 Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.