Deutsch-deutsche Geschichte: Liebe vor Zeiten des Mauerfalls

Sie aus dem Osten, er aus dem Westen, dazwischen der Eiserne Vorhang: In Freiberg haben zwei Paare berichtet, wie die Weltgeschichte auch ihr persönliches Schicksal bei der Hand nahm.

Freiberg.

Als Urs Ebenauer und seine Frau Martina am 3. November 1988 Hochzeit feierten, drehte sich das Gespräch der Gäste irgendwann um die ferne Zukunft. Um die Silberhochzeit nämlich und um die Frage, ob man dann noch einmal so würde zusammenfinden können. Das schien höchst ungewiss - kam die Festgesellschaft doch aus zwei verschiedenen Ländern, die der Eiserne Vorhang strikt voneinander trennte. Martina und Urs Ebenauer sind ein Ost-West-Paar, das sich schon lange vor der Wiedervereinigung kennen- und liebengelernt hatte.

Liebe vor Zeiten des Mauerfalls - was das für sie hieß, erzählten die beiden am Tag der Deutschen Einheit bei einer Veranstaltung des Bergarchivs Freiberg. Dessen Chef Peter Hoheisel hatte neben dem Dompfarrer samt Gattin ein weiteres Paar gewonnen: Beate und Martin Herrmann. Die Medizinerin stammt aus Freiberg, der Jurist aus Niederbayern. Sie studierte in den 1980er-Jahren in Erfurt, über die katholische Studentengemeinde gab es Kontakte nach Regensburg. So lernten sie sich 1986 kennen und verliebten sich ineinander.

Auch Urs und Martina Ebenauer waren sich dank kirchlicher Kontakte über den Weg gelaufen. Ebenauer, geboren 1960 in Marburg, lebte in Clausthal-Zellerfeld, als ein Austausch mit Zwickau entstand. Man traf sich in Ostberlin. Das Tagesvisum für die Hauptstadt war aus Westsicht die unkomplizierteste Möglichkeit, einen Blick hinter den Eisernen Vorhang zu werfen, erzählt Ebenauer. Ihn reizte die Neugier, mal in die DDR zu kommen, sagt er heute. Sein erster Eindruck: "Es war schon eine andere Welt."

1980 traf er so die Frau seines Lebens. Fast ein Jahrzehnt führten sie eine Verbindung über die Mauer hinweg. Beide Paare schrieben einander viele Briefe, warteten sehnsüchtig auf Antwort. Und nicht nur sie. "Wir haben unsere Stasi-Akte angeschaut", erzählt Ebenauer. "Und einen Großteil unserer Korrespondenz wiedergefunden. Auch Briefe, die nicht so aussahen, als ob sie geöffnet worden wären."

Der Besuchsverkehr lief nur in eine Richtung. Der Westen blieb für die Ost-Frauen tabu. Eine Regelung des Ministerrats von 1983 erlaubte aber DDR-Bürgern und Ausländern die Heirat. 1988, nachdem er im "Ehefähigkeitszeugnis" nachgewiesen hatte, unverheiratet zu sein, war es soweit. Bei Zwickau sagten die beiden einander Ja. Zunächst hatte der Pfarrer erwogen, in die DDR zu gehen. Da dies aber hieß, DDR-Bürger zu werden, rieten ihm Freunde diesseits der Mauer ab. "Die Tür wäre hinter mir zugegangen." Und so entschied sich das junge Paar für den Wohnsitz BRD. Vier Wochen wartete Martina Ebenauer nach der Trauung auf die Ausreise-Erlaubnis. Sein Visum hier galt aber nur eine Woche. "Dieser Abschied hat nicht so wehgetan wie die zuvor", sagt er, "weil wir ja wussten, dass es das letzte Mal ist." Die Weltgeschichte machte alsbald den Weg zurück nach Osten wieder frei. 1991 wurde Ebenauer Pfarrer bei Riesa. Im Westen gab es zu viele Anwärter, im Osten zu wenige. Ebenauer: "Die Bewerbung wurde erst einmal unbearbeitet zu den Akten gelegt, weil das jemand für einen Scherz gehalten hatte."

Auch das Ehepaar Herrmann lebt heute in Freiberg. Auch Martin Herrmann hatte darüber nachgedacht, in die DDR zu gehen, auch ihm riet die Familie der künftigen Gattin ab. Beider Weg in den Westen war also vorgezeichnet, als 1989 die Mauer fiel. Und da sie im Krankenhaus Freiberg eine Stelle hatte, ließen sie sich nach kurzer Zeit in Regensburg hier nieder. Er fand eine Stelle im Oberbergamt. "Ich bin gut aufgenommen worden, habe mich nie fremd gefühlt", erzählt Martin Herrmann. "Der Mauerfall war für uns in jeder Hinsicht eine glückliche Fügung." Er könne die deutsche und ihre persönliche Geschichte bis zum heutigen Tag nur zusammen denken.

Auch für die Familie lösten sich Probleme in Luft auf. Ihr Vater, der heutige SPD-Stadtrat Reiner Hoffmann, galt mit seiner Arbeit am Institut für Bergbausicherheit in der DDR als Geheimnisträger. Westkontakte brachten Ärger. "Wäre meine Tochter gegangen, wäre ich meine Arbeit losgeworden."

Später, nach der Wiedervereinigung, ist er seine Arbeit dennoch losgeworden. Doch das ist ein anderer Aspekt deutsch-deutscher Geschichte, der an diesem Vormittag keine Rolle spielte.

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