Die Berge aus den Kisten

In einer von Schnelllebigkeit und Digitalisierung gehetzten Zeit werden Weihnachtsbräuche vor allem durch das Fernsehen hochgehalten. In kaum einer Familie werden sie so gelebt wie bei einem Mann in Crottendorf. Dessen Weihnachtsland befindet sich in der Wohnung seiner Oma.

Crottendorf.

"Nur bei wenigen werden Weihnachtsbräuche so echt und ehrlich zelebriert wie bei uns." Der Mann, der das sagt, ist Danilo Richter aus Crottendorf, Jahrgang 1966. Sein Elternhaus, das seine Urgroßmutter 1912 kaufte, bewohnt er in fünfter Generation.

Das inzwischen um die 300 Jahre alte ehemalige Wohnstallhaus, in dem früher Tiere und Bewohner auf engstem Raum unter einem Dach lebten, liegt an der "mittleren Viechzitt", wie die Crottendorfer sagen. Danilo Richter erklärt, dass damit die Viehtrifft gemeint ist - jener Weg, über den früher das Vieh Richtung Wald getrieben wurde. Im Dorf nennt man das weihnachtlich geschmückte kleine Anwesen bis heute das "Amande-Haus", obwohl Richters Oma Amande und ihr Mann längst nicht mehr leben.

Doch beide sind in dem Haus allgegenwärtig. Vor allem in der Weihnachtszeit. Ihre einstige kleine Wohnung ist nicht nur im Stil einer Bauernstube ausgestattet, sondern ab Dezember festlich geschmückt. Das meiste davon sind Familienerbstücke, die nur zwischen dem ersten Advent und Lichtmess am 2. Februar hier stehen, obwohl sie auch den Rest des Jahres niemanden stören würden. Doch Anfang Februar werden sie wieder in Kisten verpackt und auf dem Boden verstaut.

Sie wurden nicht nur von einer Generation zur nächsten weitergegeben, sondern jede Familie hat daran mitgebaut, gewerkelt, repariert und ergänzt. Auch Danilo Richter, der seit 40 Jahren Mitglied im Crottendorfer Schnitzverein ist, den sein Urgroßvater einst mitbegründet hat.

Während es in den meisten Familien im Erzgebirge eine Pyramide oder Schwibbögen sind, die Weihnachten hervorgeholt und an den angestammten Platz gesetzt werden, sind es bei Danilo Richter Weihnachtsberge, ein über 100 Jahre altes Riesenrad, ein noch älterer Schwebeengel und geschnitzte Bergleute.

Der bei einer der größten Tischlereien im Erzgebirgskreis tätige Buchhalter erzählt, dass früher fast jede Familie einen Heimatberg besaß. Der stand meist über Eck in der guten Stube, in der zu Weihnachten extra dafür Platz gemacht wurde. Vater und Opa schnitzten die Figuren und bauten die Häuseln, die Kinder durften Moos und Tannengrün auflegen. Jedes Jahr kam etwas Neues hinzu. Meist spiegelten die Berge die biblische Geschichte wieder - entweder in orientalischer Umgebung oder in einem erzgebirgischen Dorf. Irgendwo auf oder in dem Berg waren auch Bergleute zu Gange und war das Leben der Bauern und Waldarbeiter festgehalten.

Heute hat kaum noch jemand Sinn und Zeit für Weihnachtsberge, bedauert Danilo Richter, der auch als Ortschronist tätig ist: "Die schauen sich die Leute lieber im Museum an." Oder bei ihm. Denn da gibt es gleich drei zu bestaunen. Darunter einen kleinen bergmännischen, den er aus Einzelteilen zusammensetzte, die niemand mehr haben wollte und die ihm verschiedene Familien überließen. Der Chemnitzer Holger Kühn habe geholfen, die Mechanik zu installieren, damit sich die über 70 Jahre alten Figuren bewegen.

Im Zimmer nebenan, in Oma Amandes Küche, gibt es hinter Glas einen zweiten Weihnachtsberg, der eine Erzgebirgslandschaft zeigt. Vieles davon hätten seine Großeltern geschaffen, einiges auch schon sein Urgroßvater. Die Männeln seien zum Großteil Lahl-Figuren, benannt nach dem Annaberger Erfinder von Massefiguren aus vor allem mineralischen Bestandteilen.

"Die kleinen grün bemalten Bäumchen sind aus Blei, weil mein Urgroßvater Klempner war und wohl genug davon hatte", erklärt Richter. 1946 gab er seinen Klempnerberuf auf und machte sich als Kunstschnitzer selbstständig. Das blieb er bis zu seinem Tod 1960. In dieser Zeit schnitzte er auch allerlei Bergbauszenen. Ab Ende der 1980er-Jahre sei der einen Meter breite Heimatberg zunächst nicht mehr aufgebaut worden. Aber alles war noch in gutem Zustand, nichts musste repariert werden. Also stellte Danilo Richter ihn wieder auf. "Auch weil ich nicht wollte, dass die Sachen auf dem Boden verrotten oder eines Tages verhökert werden."

Bevor der 52-Jährige den Besucher in den nächsten Raum führt, setzt er ein altes Riesenrad in Gang. "Das baute der Klempner Walther Behr, mein Urgroßvater, 1911 für seine Tochter, also meine Großmutter, als Spielzeug. Es stand immer nur zu Weihnachten in der Stube und wurde durch eine kleine Dampfmaschine bewegt. Das war so bis in die 1970er-Jahre. Auch ich kannte als Kind noch dieses Riesenrad. Allerdings hatte mein Vater da schon einen kleinen Motor angebaut, der die aufwändige Dampfmaschine ablöste." Das Besondere sei, dass für das Gestell, die acht Gondeln und die Verzierungen vor allem Stanzabfälle verarbeitet wurden.

Warum die Frontteile mit gemalten Motiven von der Küste und vom Meer geschmückt sind, das seine Vorfahren nie gesehen haben, weiß Richter nicht. Noch bevor seine Oma 1998 starb, rostete das Riesenrad schon in einer Kiste vor sich hin. "Ein Vereinsmitglied hat es restauriert. Aber in ein Museum geben wollte ich es vorerst nicht. Deshalb steht es hier bei mir."

Schließlich gibt Danilo Richter, der seit 20 Jahren auch stellvertretender Bürgermeister in Crottendorf ist, den Blick frei auf sein Prachtstück: einen 1,80 Meter langen und ebenso hohen orientalischen Weihnachtsberg. "Den hat mein Urgroßvater begonnen. Aber in der Folge haben Familienmitglieder noch 100 Jahre daran gebaut, dafür gesammelt und den Berg so ständig ergänzt und vergrößert."

114 Figuren und 36 Tiere sind auf dem Berg unterwegs. Viele Figuren haben Schnitzer aus Lößnitz gefertigt, die sich schon 1879 zu einem Verein zusammenschlossen. Aber auch Figuren von Karl Hertel, Schöpfer der großen Krippe in der Kirche von Oberwiesenthal, und des bedeutenden Annaberger Schnitzers Paul Schneider finden sich auf diesem Berg. Die jüngste Figur, ein Hirtenmädchen, erwarb Danilo Richter erst vor wenigen Tagen von einem Händler. Es wurde um 1920 in Lößnitz geschnitzt.

Für den Junggesellen Richter und die im Haus lebenden Eltern - der 76-jährige Vater schnitzt ebenfalls noch - ist die Wohnung kein Museum. Er lässt auch interessierte Besucher ein: den Pfarrer, der gern mit den Kurrendekindern kommt, Bildhauer und Schnitzer, oder wenn Nachbarn ihrem Besuch etwas besonderes zeigen wollen.

"Hier ist alles echt. Hier haben Leute mit diesen Dingen gelebt, denn das war unser Erzgebirge", sagt der 52-Jährige. In seiner Stimme schwingt Stolz mit. Vor allem auf die Erbstücke. "Die tun gut. In ihnen leben Eltern, Großeltern und Urgroßeltern fort."

Richter versteht nicht, wenn heute viele beklagen, sie hätten keine Zeit mehr für solche Dinge. Die meisten haben alles und sind trotzdem unzufrieden. "Dann denke ich an meinen Urgroßvater. Der hat drei Kinder in die Welt gesetzt, bewirtschaftete einen kleinen Bauernhof und fuhr jeden Tag als Klempner mit dem Rad nach Beierfeld zur Arbeit. Nebenher baute er hier in Crottendorf für seine Familie ein Haus. Seine Frau musste im Akkord in Heimarbeit Posamenten fertigen. Sie sah vom ihrem Fenster den Fichtelberg. Aber sie war nicht einmal dort. Sie war aber auch nicht unzufrieden. Darüber sollte man Weihnachten mal nachdenken."

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