Die Bergwacht als Bergdoktor: Retter helfen nun auch zu Hause

287-mal musste die Oberwiesenthaler Bergwacht in der vergangenen Skisaison bei Hilfeleistungen ran. Hinzu kommt ein völlig neues Aufgabenfeld. Und die Bergwächter plädieren dafür, die Möglichkeiten von Smartphones besser zu nutzen.

Oberwiesenthal.

Ein Fall, sagt Anton Porstmann, sei ihm besonders in Erinnerung geblieben. Es war in den Zwischentagen, als ein 11-jähriges Mädchen beim Rodeln am Fichtelberg verloren ging. Eltern und Geschwister waren voller Sorge, die Polizei rückte aus und die Oberwiesenthaler Bergwacht, deren stellvertretender Bereitschaftsleiter der 36-jährige Porstmann ist, startete mit mehreren Teams die Suche, befragte Touristen. Kilometer vom Rodelhang entfernt, nahe der Jugendherberge Neudorf, dann Hoffnung. Ein Wanderer, dem die Retter auf dem Smartphone ein aktuelles Foto des Kindes zeigten, sagte: "Die habe ich gesehen." Wenig später wurde die 11-Jährige gefunden, ihre Familie konnte sie in die Arme schließen. "Das Mädchen war beim Rodeln falsch abgebogen und ist dann zurückgelaufen", sagt Porstmann.

Diese geglückte Suche ist eine von 287 Hilfeleistungen, die die Männer und Frauen der Bergwacht Oberwiesenthal in den vergangenen Monaten erbracht haben, das sind 55 weniger als im Vorjahr. Porstmann spricht von einer durchschnittlichen Saison. Die Zusammenarbeit mit den Liftbetreibern und der Rettungsleitstelle laufe prima, betont er.


Fast die Hälfte der Fälle machten Verletzungen von Skifahrern aus, gefolgt von Snowboardern, anderen Wintersportlern sowie Fußgängern. Suchaktionen gab es sieben. Die aufwändigste war die Evakuierung von Wanderern, die sich in den wegen Schneebruchs gesperrten Wald zwischen Tellerhäuser und Oberwiesenthal begeben hatten ("Freie Presse" berichtete). Die erschöpften jungen Männer mussten mit Hilfe von Raupenquads aus dem tief verschneiten Wald geholt werden. Für die Retter eine heikle Angelegenheit: Auf eine Stelle, an der sich kurz zuvor noch die Quads befanden, stürzte ein Baum.

Die jungen Männer haben für den Einsatz pro Kopf einen dreistelligen Betrag zahlen müssen, gemäß der Gebührensatzung des Kreisverbandes Annaberg-Buchholz des Deutschen Roten Kreuzes, zu dem die Bergwacht Oberwiesenthal gehört. "Die notfallmedizinische Versorgung wird von den Krankenkassen übernommen", erklärt Anton Porstmann. Alles darüber hinaus müsse von den Betroffenen getragen werden.

Doch neben den Hilfeleistungen an und um die Pisten gibt es für die größtenteils ehrenamtliche Bergwacht ein völlig neues Einsatzgebiet: den "normalen" Rettungsdienst. Insgesamt 20 solcher häuslichen Ersthelfereinsätze hatten die Oberwiesenthaler seit Mitte Januar. "Internistische Notfälle, Psychose, eine Verbrühung bei einem Kleinkind: Es war die ganze Bandbreite dabei", sagt Anton Porstmann. Ausgebildet dafür sind die mehr als 30 Aktiven der Bergwacht, jeder hat mindestens einen 100-stündigen Grundkurs in Notfallmedizin absolviert. Im Zuge der Umstrukturierung der Rettungsleitstellen 2018 wird die Bergwacht nun stärker eingebunden. "Wir werden vermehrt nach unseren Fähigkeiten eingesetzt", erläutert Anton Porstmann. Klassischer Fall: Ein Notruf bei winterlichen Straßenverhältnissen, der nächste verfügbare Rettungswagen würde zu lange brauchen. Die vor Ort stationierte Bergwacht mit VW Amarok und Quads kommt auch bei schwierigsten Wetterbedingungen durch.

Eine große Belastung sei die zusätzliche Aufgabe nicht, sagt der stellvertretende Bereitschaftsleiter, die Wache sei sowieso besetzt. Und als anerkanntem Teil des Rettungsdienstes stehen der Bergwacht auch mehr Mittel zur Verfügung. So können etwa zwei neue Motorschlitten angeschafft werden. "Dabei stimmen wir uns mit den anderen Bergwachten in der Region ab, damit wir auf die gleiche Technik setzen und bei gemeinsamen Einsätzen gut kooperieren können." In den nächsten Monaten dürften die Rettungsdiensteinsätze allein wegen des Wetters aber deutlich zurückgehen.

Was nicht heißt, dass die Oberwiesenthaler Bergwacht außerhalb der Skisaison dem Müßiggang frönt. "Wir sind 365 Tage im Jahr im Einsatz", sagt Anton Porstmann. So gilt es etwa, Sportveranstaltungen abzusichern und auch so mancher Wanderer dürfte sich wieder den Fuß verknacksen.

Egal ob Sommer- oder Wintersaison: Anton Porstmann appelliert an Besucher, die Möglichkeiten ihrer Smartphones auszunutzen. So gibt es im weit verbreiteten Nachrichtendienst Whatsapp die Funktion, anderen per Knopfdruck den genauen Standort zu übermitteln, was im Ernstfall die Arbeit der Retter erheblich erleichtert. Außerdem empfiehlt er, für den Fall einer Vermisstensuche aktuelle Fotos der Angehörigen auf dem Handy zu haben. Es muss aber nicht immer alles Hightech sein. Kleinkindern, rät Porstmann, solle man einen Zettel mit Telefonnummer in die Jackentasche stecken. Wenn das Kind seine Eltern aus den Augen verliert, können diese einfach angerufen werden.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...