Die Bergwacht

Die Stadt Oberwiesenthal hat eine einmalige Tradition: Der 1894 gegründete Krippenverein legte in seinem Statut einst fest, wie eine traditionelle Krippe auszusehen hat. Daran hält man sich noch heute.

Es ist geschafft! Lothar Zirnstein schaltet das große Deckenlicht in der Oberwiesenthaler Kirche aus. Jetzt dringt ein Lichtstrahl nur noch aus dem Stall von Bethlehem, Maria und Josef sind zu sehen, das Kind liegt in der Krippe, von den Hirten angebetet. Menschen nähern sich dem Stall, ein Lahmer, ein Blinder, Kinder sind darunter. Am Hirtenfeld brennt ein Lagerfeuer, ein Junge beugt sich über den roten Schein. Über die Brücke zieht die Kamelkarawane mit den drei Weisen aus dem Morgenland. Und überall weiden Schafsherden, von Schäfern bewacht.

Frieder Seltmann drückt das letzte Stück Moos fest. Lothar Zirnstein säubert mit einem Pinsel noch einmal die Sandwege, die sich über den Berg ziehen. Brigitte Roscher schiebt die leer geräumten Kisten hinter einen Vorhang, Günter Knechtel fegt die auf den steinernen Kirchenboden gefallene Erde zusammen. Nur Eberhard Fischer scheint ein wenig in sich gekehrt: "Da steht sie wieder, unsere Hertelt-Krippe. Ich freu' mich. Man weiß ja nie, ob man im kommenden Jahr beim Aufbau noch dabei sein kann", sagt er. Er wiegelt jeden Einspruch ab. "Ich bin alt geworden mit der Krippe. Seit über 60 Jahren helfe ich Jahr für Jahr, den Weihnachtsberg vor dem ersten Advent in unserer Kirche herzurichten und Ende Februar wieder abzubauen. Eigentlich kann ich mich an kein Jahr erinnern, in dem ich nicht mit gebaut habe." Seit über 60 Jahren. Eberhard Fischer kennt jede der rund 200 Figuren, könnte die Szenen des Weihnachtsberges im Schlaf aufbauen.

Als die kostbare Hertelt-Krippe 1949 in den Besitz der Martin-Luther-Kirche überging, war es für die Mitglieder der Jungen Gemeinde Ehrensache, alljährlich beim Aufbau zu helfen. "Zumindest Handlangerdienste durften wir verrichten", erinnert sich auch der 82-jährige Frieder Seltmann, der schon damals für das Moos zuständig war, mit dem der Berg belegt wird. Er ist bis heute der Moosholer, wenn er auch nicht darüber sprechen will. Und vom sogenannten Batzelmoos schon gar nicht. "Die Förster sehen es nicht so gern, wenn wir in den Wald gehen." Nur dass man den richtigen Zeitpunkt nicht verpassen darf, verrät er noch. Denn liegt erst mal Schnee, wird's schwierig mit der Suche ...

Man könnte doch auch einfach auf das Moos verzichten? Nein. Entsetzte Gesichter. Auf solch eine Idee kann nur kommen, wer das Einmalige dieser Krippe nicht kennt.

Weihnachtsberge sind wohl seit dem 18., 19. Jahrhundert im Erzgebirge zu finden. Von den Männern der Familien in ihren kargen Freizeitstunden gebaut, wurden sie zur Weihnachtszeit in die Stuben geholt. Sie waren teils Heimatberge, stellten Bergbau, Waldarbeit und das Leben im Dorf dar. Oder es waren orientalische Krippenberge mit der Geburt Christi, der Anbetung durch die Hirten und den drei Weisen aus dem Morgenland. Manche Berge zeigten das Geschehen bis zur Kreuzigung oder die Auferstehung. Andere boten von jedem etwas: Die Geburt des Jesuskindes in der erzgebirgischen Heimat, während Bergleute im Schacht arbeiteten, Waldarbeiter Holz sägten, der Schmied seinem Handwerk nachging.

Dies aber wird man in Oberwiesenthal vergeblich suchen. Das Besondere: Die Weihnachtskrippen im Ort unterstehen - oder besser: unterstanden - einem strengen Reglement. 1894 gründete sich der Krippenverein Wiesenthal (ab 1900 Krippenverein zu Oberwiesenthal) mit dem Ziel, "die im Obererzgebirge heimischen ehrwürdigen Weihnachtsbräuche aufrecht zu erhalten und neu zu beleben". Das sollte erreicht werden durch "Hilfeleistung mit Rath und That beim Bau von Weihnachtskrippen". So kann man es noch heute nachlesen in einer Dokumentation. Die Mitglieder des Oberwiesenthaler Schnitzvereins hätten damals strenge Maßstäbe angelegt, heißt es darin. So sollte der Weihnachtsberg ein einheitliches Ganzes bilden. Szenen, die sich räumlich und zeitlich nicht in das Geschehen um die Geburt des Christkindes einfügen, sollten vermieden werden. Damit waren Themen wie Bergbau, Jagd oder das Dorfleben tabu.

Auch lehnten die Oberwiesenthaler jegliche mechanische Bewegung der Figuren ab. Da durfte nichts klappern oder klopfen, die Kamelkarawane nicht in Endlosschleife durch die Landschaft ziehen. Die Figuren sollten so kunstvoll geschnitzt werden, dass Haltung, Bewegung und Gesichtsausdruck für sich sprächen. Typisch für Oberwiesenthaler Berge ist auch der panoramaartige Aufbau und der naturgetreu gemalte Hintergrund, der zumeist den Ort Bethlehem und in der Ferne die Zinnen Jerusalems sichtbar macht.

Das waren hohe Anforderungen. Und um den Schnitzern des Ortes zu zeigen, wie solch ein Berg aussehen soll, bauten Mitglieder des Krippenvereins unter Leitung des Schnitzers Karl Hertelt von 1894 bis 1896 die große Vereinskrippe. Jahr für Jahr wurde sie dann in der Weihnachtszeit ausgestellt, zog tausende Besucher in ihren Bann. Denn der Hertelt-Karl war ein ganz Großer. Seine Figuren sind ausdrucksstark, lebendig in ihrer Haltung und in ihren Gesten, menschlich die Gesichter, keines gleicht einem anderen. Sogar im sächsischen Königshaus baute man jedes Jahr eine vom Oberwiesenthaler Schnitzerkönig geschaffene Krippe auf.

Es gibt nicht mehr viele Hertelt-Krippen. Eine aber, nämlich die, die den Oberwiesenthaler Krippenschnitzern seinerzeit als Vorbild dienen sollte, steht heute in der Martin-Luther-Kirche. Als den wenigen verbliebenen Vereinsmitgliedern 1949 klar wurde, dass auch ihr Verein aufgelöst werden sollte, machten sie ihr berühmtes Kunstwerk der Kirchgemeinde zum Geschenk, retteten auf diese Weise ihre Krippe. Und eine Handvoll Männer und Frauen aus der Kirchgemeinde sind es bis heute, die dieses einmalige Erbe bewahren.

"Weißt du noch ...?" So manches Gespräch während der Stunden des Aufbaus beginnt mit diesen Worten. "Wir haben den alten Loos oft geärgert", muss der 82-jährige Fischer heute noch lachen. "Als wir junge Burschen waren, konnte der nicht mehr richtig mit anpacken, saß als Krippenaufbauoberchef aber stets auf seinem ,Thron' und hat uns dirigiert. Jede Figur hat er erst in die Hand genommen, mit ihr geredet und uns dann angewiesen, wo sie hinzustellen ist. Wenn er nach einem König verlangte, haben wir ihm erst einen Hirten, dann den Josef gereicht. Das hat ihn immer so schön auf die Palme und uns zum Lachen gebracht." Brigitte Roscher hört schmunzelnd zu. Sie ist mit ihren 65 Jahren die Jüngste in der Runde und macht sich Gedanken, wer diese Arbeit einmal weiterführen soll. Die Jungen, meint sie, die gingen doch nach der Schule zumeist fort aus der Stadt, dorthin, wo sie Arbeit finden. Da bleibe keine Zeit für die Pflege heimatlicher Traditionen.

"Wisst ihr noch, wie wir nach der Christmette immer Krippengucken gegangen sind?", fragt Frieder Seltmann in die Runde. Das gehörte zum Heiligabend dazu. Von Haus zu Haus seien die Kinder gezogen. Die Leute hätten schon gewartet, die Stuben waren geheizt und meist gab es ein Stück Stollen. "Aber das wichtigste waren die Krippen. Das war wie ein Wettbewerb: Jeder im Ort wollte die schönste haben."

Von Generation zu Generation werden die "echten" Oberwiesenthaler Weihnachtsberge vererbt. Nicht jeder hat heute noch Muse und Platz, den gesamten Berg aufzubauen. Aber der Stall, Maria und Josef mit dem Kind, die Hirten und Könige gehören unter den Weihnachtsbaum, sind sich Brigitte Roscher und Frieder Seltmann einig.

Ein letzter Blick auf den Weihnachtsberg. Die "Bergwacht" ist zufrieden. Die Besucher können kommen. Die Martin-Luther-Kirche hält täglich, außer dienstags, von 14 bis 15.30 Uhr ihre Tür geöffnet, in der Advents- und Weihnachtszeit auch darüber hinaus. Sind es in "normalen" Monaten 200 bis 300 Leute, die das Gotteshaus besichtigen, zählt der Dezember schon mal mehr als 1500 Neugierige.

Sie kommen zum Krippengucken.

www.kirche-oberwiesenthal.de

 

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

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