Die Folgen einer Großbaustelle

Der Umbau der Zentralhaltestelle in Chemnitz macht Gewerbetreibenden seit März das Leben schwer. Eine Auskunft des Bauherrn dürfte viele überraschen.

Chemnitz.

Dreck, Lärm und ausbleibende Kunden: Händler und Gastronomen um den Roten Turm und an der Zentralhaltestelle in Chemnitz sind genervt. Seit März schlängelt sich dort, wo normalerweise Straßenbahnen fahren, eine Baustelle entlang, von der Brückenstraße bis zur Bahnhofstraße. Überquert werden kann die Baustelle nur an zwei Punkten.

Der Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS) errichtet neue Bahnsteige für barrierefreien Ein- und Ausstieg bei allen Bahnen und Bussen und erneuert Gleise sowie Busspuren. Nötig wird das wegen der höheren Fahrzeuge des Chemnitzer Modells, aber auch die Fahrgäste aller anderen Bahnen und Busse sollen von dem Umbau profitieren. Erklärtes Ziel: Bis 18. August, spätestens bis zum Stadtfest am 25. August, soll der erste Abschnitt - also das, was gerade gebaut wird - fertig sein.

Vor allem Gastronomen mit Freisitzen an der Straße der Nationen leiden unter der Baustelle. Kerstin Der, Servicemitarbeiterin bei "Quetzal - Die Schokoladenbar" spricht von massiven Einbußen. Die ursprünglichen Öffnungszeiten von 11 bis 20Uhr wurden um zwei Stunden verkürzt, weil ein Zweischichtsystem nicht mehr tragbar gewesen sei. Vor dem Bau habe es sechs Mitarbeiter gegeben, jetzt seien es neben dem Chef nur noch zwei. Auf die Pauschalmitarbeiter habe man verzichten müssen, so Der. "Länger als bis August dürfen die Arbeiten auf keinen Fall gehen", sagt sie entschieden und fügt hinzu: "Die breite Masse denkt, dass sie nicht pünktlich fertig werden."

Unzufrieden ist auch Katrin Muschert, Inhaberin des Restaurants und Cafés Cortina. Nicht nur, dass der Dreck viel Arbeit mache, auch der Freisitz sei durch die Arbeiten verkleinert worden. Jetzt zahle sie kaum weniger Miete dafür als sonst. Der Lärm vertreibe die Gäste, manche stünden wieder auf und gingen, andere beschwerten sich sogar bei den Mitarbeitern. Dadurch, dass die Haltestelle Roter Turm nicht mehr bedient wird, fehlten Kunden. "Warum wird auf der Baustelle nicht im Zweischichtsystem gearbeitet?", fragt Muschert. Zu Beginn des Umbaus hatte der VMS erklärt, gearbeitet werde montags bis freitags von 7bis 17 und samstags von 7 bis 14Uhr. "Doch am Nachmittag lassen sie den Hammer fallen", sagt Muschert, und samstags habe sie noch nie einen Arbeiter gesehen.

Doch laut VMS täuschen sich die Beobachter: "Die Arbeiten liegen weitestgehend im Zeitplan", sagt VMS-Sprecherin Jeanette Kiesinger. Alle zum Stadtfest benötigten Flächen sollen bis dahin fertiggestellt sein. Zudem sei die Angabe der Arbeitszeiten lediglich ein Rahmen, der "aufgrund der Berechnung der individuellen Arbeitszeiten nicht immer vollumfänglich ausgeschöpft werden", so die Sprecherin. Eine Verzögerung des Bauablaufs habe dies nicht zur Folge.

Auch für die Mitarbeiter von "MD-Reisen - Lufthansa City Center" direkt an der Zentralhaltestelle dürften das gute Nachrichten sein. Zwar wirke sich die Baustelle nicht negativ auf die Kundschaft aus. Aber der Lärm sei sehr belastend und zehre am Nervenkostüm, sagt Mitarbeiter Ingo Pilz. Nur wenige Meter weiter bei "Eckert - Presse und Tabakwaren" herrscht ein ähnliches Stimmungsbild. Es kämen weniger Kunden als sonst, aber das eigentliche Problem sei die "enorme Lärmbelastung", sagt Filialleiterin Margitta Endrich, während draußen ein Presslufthammer zu hören ist. Besonders wenn auf der Baustelle Betonplatten zerschnitten werden, "fühlt sich das an wie beim Zahnarzt", sagt sie. Gegenüber in der Apotheke an der Zentralhaltestelle zeichnet sich ein etwas anderes Bild. Es gebe kleine Einschnitte, was den Kundenstrom betrifft, sagt Inhaber Alexander Scheck. "Aber das war zu erwarten", fügt er hinzu.

Ganz anders nehmen die Mitarbeiter der Konditorei und Bäckerei Wendl die Bauarbeiten wahr. "Wir können nicht klagen", sagt Filialleiterin Steffi Sanner. Da das Geschäft genau an der Überquerung zum Johannisplatz liegt, komme nach wie vor genügend Laufkundschaft. Mit dem Lärm müsse man leben. "Auch die Bauarbeiter sind sehr freundlich zu uns", sagt sie. Ähnlich sieht das auch bei den Mitarbeitern des Schuhgeschäfts "CCC - Shoes and Bags" aus. Außer etwas Lärm und Dreck habe man keine Probleme.

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