Die Schicksale der vergessenen Mitglieder des FC Bayern

Im Sportmuseum Oelsnitz wurde Wanderausstellung eröffnet - Kurator ist mit seiner Arbeit noch nicht am Ende

Oelsnitz.

Der FC Bayern München ist mit 291.000 Mitgliedern der mitgliederstärkste Sportverein der Welt, hat zahlreiche Fans auch in der Region. In Oelsnitz wird eine Sonderausstellung gezeigt, die die Opfer des Nationalsozialismus beim FC Bayern in den Fokus stellt. Über die Erkenntnisse sprach Kathrin Neumann mit dem Kurator und Vereinsarchivar, Andreas Wittner.

"Freie Presse": Herr Wittner, warum haben Sie diese Ausstellung entwickelt?


Andreas Wittner: Wir haben 2012 die FC Bayern Erlebniswelt in der Allianz-Arena eröffnet, in der wir auch wechselnde Sonderschauen zeigen. 2015 war bei uns die Wanderausstellung 'Kicker, Kämpfer und Legenden' über Juden im Deutschen Fußball zu sehen, 2006 erarbeitet vom Centrum Judaicum Berlin. Diese Ausstellung veranlasste uns, in unserem Verein detaillierter nachzuschauen, was seit 1933 mit den Vereinsmitgliedern jüdischer Herkunft passiert war, wo sie geblieben sind.

Was haben Sie herausgefunden?

Derzeit haben wir die Biografien von 104 Mitgliedern recherchiert. Seit der Vereinsgründung 1900 war der jüdische Einfluss auf das Klubgeschehen prägend. Zwei der 17 Gründungsväter waren Juden. Bei der ersten Deutschen Meisterschaft 1932 leisteten drei Führungskräfte besondere Hilfestellung: Präsident Kurt Landauer, Trainer Richard Dombi und Jugendfunktionär Otto Beer. Sie alle waren Juden. 56 Biografien haben wir gegenwärtig auf einer Weltkarte zusammengefasst. Aktuell wissen wir, dass mindestens 26 Vereinsmitglieder ermordet worden sind, vier haben in der schrecklichen Zeit der Entrechtung keinen anderen Ausweg gesehen, als sich das Leben zu nehmen.

Hat sich der Verein nach 1933 schnell auf die Seite der Nationalsozialisten gestellt?

Während sich andere Sportvereine schon im Sommer 1933 rühmten, 'judenfrei' zu sein, wurde beim FC Bayern noch 1935 und 1936 über den Ausschluss aus und den Einfluss jüdischer Mitglieder im Verein debattiert. In der Satzung wurde sogar 1934 ein Passus aufgenommen, dass weiterhin Angehörige 'nichtarischer Rassen', die länger als 20 Jahre im Verein waren, ihren Mitgliederstatus behielten.

Beschäftigt sich die Ausstellung nur mit jüdischen Mitgliedern?

Nein, wir haben auch Biografien von sogenannten 'Nichtariern' recherchiert, die zu Opfern wurden. Ein Beispiel ist Oskar Rohr, der Großonkel von Gernot Rohr, den einige vielleicht als Experte vom ZDF kennen. Er hatte keine jüdischen Vorfahren. Ossi Rohr war damals der beste Mittelstürmer Deutschlands, doch die Profiliga war verpönt bei den Nazis. Weil er 1933 in die Profiliga nach Frankreich wechselte, wurde er zur Unperson erklärt. Nachdem die Deutschen in Frankreich einmarschiert sind, kam er vorübergehend ins KZ und schließlich als Soldat an die Ostfront nach Stalingrad. Er überlebte. Ein weiteres Beispiel ist Wilhelm Buisson, der SPD-Mitglied und Widerstandskämpfer war und 1940 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde. Aber die Ausstellung schaut auch auf die Täter, etwa die Dietwarte, die ähnlich wie man das von den Blockwarten kannte, in Vereinen agierten.

Warum ist dieses Thema heute noch so wichtig?

Wir wollen die vergessenen Vereinsmitglieder zurückholen ins Bewusstsein. Im Januar 1933 hatte der FC Bayern 1100 Mitglieder, zehn Prozent davon jüdischer Herkunft. 50 von ihnen konnten nur überleben, weil sie von anderen Ländern aufgenommen wurden. Daraus kann sich in der heutigen Zeit jeder selbst seine Schlüsse ziehen. Wir wollen niemanden anklagen. Aber wir können alle aktiv etwas dafür tun, dass sich so etwas oder Ähnliches nicht wiederholt.

Was können sich die Betrachter der Ausstellung mitnehmen?

Fußballvereine gibt es überall. Oft kommen Stadtarchivare auf uns zu, die durch die Ausstellung angeregt wurden, einmal in ihren Vereinen nachzuschauen, was mit den jüdischen Mitgliedern dort geschah. Über das Medium Fußball kann man außerdem junge Menschen für das Thema Holocaust und Nationalsozialismus interessieren. Auch das motiviert uns, immer weiter zu forschen.


Das Museum und die Schau

Das 2014 in Oelsnitz eröffnete Sportmuseum Saxosport (Rathausplatz 4) gibt einen Einblick in die Welt des Sports ab 1885. Neben originalen Trikots und Medaillen sind zahlreiche Fotografien zu sehen.

Die Sonderschau "Verehrt, Verfolgt, Vergessen" über die Opfer des Nationalsozialismus beim FC Bayern wurde am Freitag eröffnet.Eintritt ist frei. Sie kann bis 31. Mai zu den Öffnungszeiten des Bürgerservice besichtigt werden: dienstags von 8 bis 12 Uhr und von 12.30 bis 16 Uhr, donnerstags von 8 bis 12 Uhr sowie 13 bis 18 Uhr und freitags von 8 bis 12 Uhr. Montags und mittwochs ist geschlossen. (kan)

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