Ein Erzgebirger als Seenotretter

Richard Brenner ist Maschinist auf der "Lifeline" - jenem Schiff, das seit Ende Juni auf Malta festgehalten wird. Hilf den Menschen doch in Afrika, sagen ihm Kritiker. Doch darauf hat er eine Antwort.

Schnappschuss auf hoher See: Richard Brenner bei der Versorgung Geretteter.
Die "Lifeline" auf dem Mittelmeer. Seit Ende Juni hat das Schiff Zwangspause und liegt in Malta vor Anker.

Für Sie berichtet: Oliver Hach

Das Schiff liegt im Hafen, aber der Maschinist bleibt an Bord. Er ist zum Abwarten gezwungen. "Zweimal in der Woche starten wir die Hauptmaschine", berichtet Richard Brenner am Telefon. Die Technik muss in Gang gehalten werden, Reparaturen und Pflege bestimmen nun seinen Arbeitsalltag. Dabei ist er aus Sachsen ans Mittelmeer gekommen, um Menschen zu retten. Doch die "Lifeline" darf Valletta nicht verlassen. Seit Ende Juni wird das Schiff der Dresdner Hilfsorganisation "Mission Lifeline" auf Malta festgehalten.

An diesem Dienstag, so hatte die Crew gehofft, würde sich das Schicksal der "Lifeline" entscheiden. Ihr Kapitän Claus-Dieter Reisch sollte auf der Mittelmeerinsel vor Gericht aussagen. Der Hilfsorganisation wird vorgeworfen, das Schiff nicht korrekt in den Niederlanden regis-triert zu haben. Doch der Termin am Dienstag entfiel, weil die Staatsanwaltschaft bisher keine Beweise für Rechtsverstöße vorgelegt hat. Erst am 2. Oktober soll es weiter gehen. Auch dann wird wohl noch kein Urteil erwartet. "Das ist eine ganz blöde Situation für uns", sagt Brenner.

Der 36-Jährige stammt aus Schlettau im Erzgebirge. Im August war er auf Heimaturlaub und erzählte bei einem Treffen in Dresden vom Leben auf Achse. Von seinem Lkw, in dem er wohnt und als Installateur für Solaranlagen seinen Unterhalt verdient. Von zehn Jahren Arbeit als Pfleger in einem Altenheim, nach denen er sich ausgebrannt fühlte. Und von seinen Eltern, die ihn im Urlaub mit nach Afrika nahmen. Die Reisen prägten ihn. Brenner sagt: "Ich habe den Anspruch, für andere Menschen da zu sein."

Ende Mai hatte er seinen Lkw in Leipzig geparkt, einen Flieger nach Sizilien genommen und war an Bord der "Lifeline" gegangen. Die Crew brauchte einen Techniker. Richard Brenner wurde Maschinist und erlebte an Bord mit, wie das Schiff europaweit in die Schlagzeilen kam.

Es war die sechste und bislang letzte Rettungsmission der "Life- line". Ein erster Einsatz am 13. Juni verlief reibungslos. Ein US-Kriegsschiff hatte die italienische Seenotrettungsleitstelle in Rom über ein Flüchtlingsboot informiert. Die "Lifeline" wurde hinbeordert, die Crew verteilte Rettungswesten an 113 Menschen und übergab die Geretteten an die "Viking Amber", einen riesigen Autofrachter, der allein kaum in der Lage ist, Menschen auf hoher See aufzunehmen.

So war auch der Plan der Dresdner: Die "Lifeline" kümmert sich um die Erstversorgung und übergibt die Geretteten dann an andere Schiffe. Richard Brenner ist in solchen Situationen der erste, der versucht zu erfassen: Wie geht es den Menschen? "Vielen fällt es schwer, uns in die Augen zu sehen", berichtet er.

In der Nacht zum 21. Juni entdeckt die Crew auf dem Radar drei Flüchtlingsboote in internationalen Gewässern vor der Küste Libyens. Zwei der Boote erreicht die "Lifeline" und rettet 234 Menschen. Es sind Migranten aus dem Sudan, aus Eritrea, Äthiopien, Togo, der Elfenbeinküste und sogar aus Bangladesch - fast alles junge Männer. Ohne Habseligkeiten, sogar ohne Schuhe waren sie in das Gummiboot gestiegen, mit Sprit für 75 Kilometer im Tank, wie Richard Brenner erfuhr. "Die Schlepper zeigen den Menschen die Lichter tunesischer Ölbohrinseln und sagen: Fahrt dahin, dahinter ist Europa. Die werden dort absolut für blöd verkauft." Die Flüchtlinge, so hat es der Schlettauer erlebt, lassen sich mit dem Mut der Verzweiflung darauf ein - nach all dem, was sie bereits in der Wüste und in libyschen Lagern durchgemacht haben.

Kurz nachdem sie an diesem 21. Juni die Menschen aus zwei Booten an Bord genommen hatten, tauchte ein Schiff der libyschen Küstenwache auf. Brenner klappt seinen Laptop auf und spielt eine Audiodatei ab: "You are illegal helper. I kill you", sagt eine männliche Stimme. "Ihr seid illegale Helfer. Ich töte euch. " Das sei ein Funkspruch der Libyer gewesen, sagt Brenner. Die Küstenwache ließ die "Lifeline" schließlich ziehen. Doch das dritte Flüchtlingsboot war außer Sichtweite. "Wir wissen nicht, was aus ihm geworden ist."

Danach folgte die einwöchige Odyssee auf dem Mittelmeer. Die Retter durften keinen europäischen Hafen anlaufen. "Wir hätten den Motor abstellen können. Aber das wäre psychologisch ganz schwierig gewesen", erzählt der Maschinist. Bis sich schließlich mehrere EU-Länder bereit erklärten, die Flüchtlinge aufzunehmen und die "Lifeline" nach Malta eskortiert wurde, musste man immer wieder Nahrung an Bord nehmen und Menschen versorgen, die erst nach und nach ihre Verletzungen aus den libyschen Lagern zeigten. "Schwerste Verbrennungen, mit Eisenstangen Knie zertrümmert und eine Rippe gebrochen", zählt Richard Brenner auf.

Ende September will er nach Deutschland zurückkehren. In seine Heimat, wo die Eltern im Erzgebirge stolz auf ihn sind. Wo die Menschen vielerorts für die "Seebrücke" auf die Straße gehen, wo aber seit den Ereignissen in Chemnitz wohl so kontrovers wie nie zuvor über das Thema Migration diskutiert wird. "Ja, wir stehen heute noch stärker unter Rechtfertigungsdruck mit dem, was wir tun", sagt er. Dabei sei es so einfach: "Seenotrettung ist Seemannsrecht." Das zu unterlassen sei wie wenn die freiwillige Feuerwehr nicht ausrückt, wenn es brennt.

Anfang des Jahres war Richard Brenner selbst in Afrika. Mit vier Freunden fuhr er in seinem Laster bis nach Gambia. Es war der Testlauf für eine mobile Klinik, die er einrichten will. Wenn Kritiker ihm sagen, er solle keine Flüchtlinge nach Europa bringen, sondern ihnen vor Ort helfen, dann antwortet er ihnen: "Das hab ich vor, da bin ich dran."

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