Ein Erzgebirger auf der Suche nach vergessenen Orten

Kris Weber gewährt in einer Ausstellung im Schlettauer Schloss Einblicke in Welten, die sonst nur noch selten wahrgenommen werden. Mit seiner Kamera sucht er gezielt alte Gebäude - "Lost Places". Doch nicht nur die Motive sind etwas Besonderes, auch die Art der Präsentation.

Schlettau/Scheibenberg.

Eigentlich war alles ein großer Zufall. Vor etwa fünf Jahren war Kris Weber beim Geocaching, also der GPS-gestützten Suche nach kleinen, versteckten Schätzen zum Beispiel im Wald. "Ich habe einen Cache gesucht und einen Lost Place gefunden", erzählt der Scheibenberger. "Lost Place" heißt übersetzt soviel wie "verlorener" oder "vergessener Ort". Gemeint sind damit Gebäude, die dem Verfall ausgesetzt sind. Eben Orte, wo sich der Mensch zurückgezogen hat und die nun verloren und vergessen weiterexistieren. Diese Häuser verändern sich, die Natur holt sich den Raum zurück, Putz bröckelt von den Wänden, Spinnweben breiten sich aus. Und dennoch sind die Überbleibsel der Menschen noch immer vorhanden. Ein altes Waschbecken liegt auf dem Boden; ein Stuhl, der noch immer dafür da zu sein scheint, dass sich jemand darauf setzt.

Doch so vergessen sind diese Orte manchmal dann doch nicht. Immerhin gibt es eine Szene, die sie aufstöbern und mit ihren Fotoapparaten für die Ewigkeit festhalten. Kris Weber ist einer von ihnen. An etwa 20 "Lost Places" war er mittlerweile. Von einer alten Schwimmhalle bis zu einst mondänen Gebäuden war alles dabei. Einen Teil seiner Fotografien zeigt er nun in einer Ausstellung im Herrenhaus des Schlettauer Schlosses. "Manchmal gehe ich auch direkt zu den Bürgermeistern und lasse mir die Schlüssel zu Gebäuden geben", erzählt der Scheibenberger. Denn sich gewaltsam Zutritt zu verschaffen, widerspricht dem Codex der Szene. Dazu gehört auch, niemals etwas mitzunehmen oder zu hinterlassen. Zudem bleibt der genaue Ort, an denen die Fotos entstanden sind, geheim. Fündig wird der Erzgebirger in seiner Heimat aber auch darüber hinaus. Und noch immer verbindet er das eine Hobby - die "Lost Places"-Fotografie - am liebsten mit seiner anderen Leidenschaft - dem Geocaching.


Pro Ort entstehen zwischen 300 und 500 Bilder, verrät der 33-Jährige. Zehn bis 20 davon kommen dann in die Auswahl für die Bearbeitung. Zwei bis drei werden am Ende auf Aluminiumplatten gedruckt. Dadurch entsteht ein besonderer Effekt, der durch eine entsprechende Bildbearbeitung im Vorfeld noch verstärkt wird: Die Fotos wirken zum Teil wie gemalt, manchmal fast plastisch. Bis zu fünf Stunden kann es dauern, bis ein Motiv nachbearbeitet ist. "Oft habe ich schon das Bild, wie es am Ende auf der Aluminiumplatte aussehen wird, im Kopf, wenn ich fotografiere", erzählt Kris Weber.

Das Fotografieren gehört seit seiner Kindheit zu seinem Leben dazu. Bereits zu Grundschulzeiten bekam er seine erste Kamera geschenkt. Doch bis er sein Hobby zum Nebenberuf machte, dauerte es etwas. 2006 schloss Kris Weber eine Ausbildung zum Buchbinder ab. Dafür zog der Scheibenberger auch für Jahre aus seiner Heimat weg, lebte in Leipzig und Plauen. Doch 2009 zog es ihn zurück. Seitdem arbeitet er als Buchbinder in Stollberg. 2013 wurde er nebenberuflich auch Fotograf, eröffnete im vergangenen Jahr sogar ein kleines Fotostudio. Von klassischen Porträt- und Kinderfotos bis zu Auftragsarbeiten für Verlage reicht sein Portfolio. Selbst als Tour-Fotograf wurde er schon gebucht. 2018 begleitete er die spanische Band Toñín Corujo Quartet.

Die Ausstellung "Verlassen, doch nicht vergessen" ist bis zum 28. Juli von Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen von 10 bis 17 Uhr im Schlettauer Schloss zu sehen.

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