Ein Leben in zwei Gesellschaftssystemen

Mauerfall 89: Margrid Starke wurde am 9. November 1949 geboren. In jenem Jahr wurde die DDR gegründet. Als die Mauer 40 Jahre später fiel, feierte die Erzgebirgerin also gerade Geburtstag. Mit der Wende ging für sie ein Traum in Erfüllung.

Annaberg-Buchholz.

Wenn Margrid Starke am heutigen Samstag mit Familie, Freunden und besonderen Stammkunden ihren 70. Geburtstag feiert, blickt sie auf ein facettenreiches Leben zurück. Sie erlebte zwei deutsche Staaten hautnah. In Mückenberg, dem heutigen Lauchhammer, wurde sie am 9. November 1949, nur wenige Wochen nach Gründung der DDR, geboren. Ihre Kindheit bezeichnet sie als schön und behütet.

Nach der Mittelschule erlernte sie bis 1969 beim VEB Braunkohlenkombinat Lauchhammer den Beruf der Datenverarbeitung, damals ein völlig neues Berufsbild. Zeitgleich legte sie in der Abendschule das Abitur ab. Danach arbeitete sie im neuerrichteten Rechenzentrum des Kombinates am Großrechner R 300, später als Gruppenleiterin am Kleinrechner Cellatron. Damit läutete sie die Ära der Computerisierung im Sozialismus mit ein. Vom Kombinat wurde Margrid Starke zum Hochschulfernstudium an die Fachhochschule Görlitz delegiert. Sie belegte einen Studiengang, der zum ersten Mal angeboten wurde: Informationsverarbeitung. 1973 hatte sie den Abschluss in der Tasche und war Diplom-Ingenieurin.

Doch sie hatte einen Traum: Sie wollte etwas von der Welt sehen, auch wenn es nur begrenzt möglich war. Bereits in ihrer Heimat arbeitete Starke mehrmals als Reiseleiterin für Jugendtourist. Bis der Traum so richtig in Erfüllung ging, sollte es aber noch ein bisschen dauern. Erst einmal brachte sie die Liebe 1980 nach Geyersdorf. Sie begann als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Direktors beim VEB Plasticart in Annaberg-Buchholz zu arbeiten. Auf Messen in Leipzig lernte sie eine Schattenseite des damaligen Systems hautnah kennen. Sie betreute den Messestand und bekam Geschenke von westlichen Ausstellern. Abends musste sie diese bei ihren Chefs abgeben. "Sie verteilten die Sachen unter sich. Ich kam mir vor, wie ein Animiermädchen und musste zu allem schweigen", erinnert sie sich. Doch dann kam die Wende.

Als Margrid Starke am 9. November 1989 ihren 40. Geburtstag feierte, bemerkte zunächst keiner in der Familie das große politische Ereignis, den Fall der Mauer. Erst am späten Abend erhielt sie einen Anruf von Verwandten aus Heidelberg. Es wurde gleich noch einmal angestoßen. "Wir freuten uns und waren zugleich erleichtert, dass alles friedlich verlaufen war. Natürlich wussten wir, dass etwas in Bewegung war. Aber alles hätte ganz anders kommen können. Es fühlte sich irgendwie ganz besonders an." Wenige Wochen nach dem Mauerfall machte sich ihr Mann selbstständig. Margrid Starke arbeitete zunächst noch in ihrem Betrieb, der jedoch nach und nach abgewickelt wurde und damit sie selbst. Anfang der Neunziger war sie arbeitslos, musste sich umorientieren. Sie wollte etwas Eigenes. Eine Räumlichkeit war vorhanden. Und da war er wieder, der große Traum vom Reisen. Sie wagte den Neuanfang mit ihrem Reisebüro, das sie am 5. April 1993 eröffnete. Eine Zusammenarbeit mit dem Reiseunternehmen TUI erwies sich als Glückstreffer. Das Unternehmen stellte folgende Prämissen: Größe des Geschäftes und Schaufensters. Alles musste ebenerdig sein und die eigene Qualifikation stimmen. Starke konnte alle Bedingungen erfüllen. Sie besuchte Lehrgänge und Schulungen. Es gab erste Geschäftsreisen in Länder, die den Kunden angeboten wurden. "Nur was man selber gesehen hat, kann man auch verkaufen", so die Geschäftsfrau. Das eigenständige Reisebüro bietet von der Tagesfahrt bis hin zur Weltreise alles an und das von fast allen Reiseunternehmen, auch Fahrten mit den Flix-Bussen in Deutschland und viele Länder. 2003 trat Sohn Jörn Hebestreit dem Geschäft bei.

Doch dann kam ein Schicksalsschlag: 2006 erkrankte sie schwer. Für eine lange Zeit musste sie dem Geschäft fernbleiben. Die Familie, auch ihre Kunden fingen sie auf und gaben die Kraft für den Überlebenskampf. Ohne ihren Sohn wäre das Geschäft wahrscheinlich untergegangen. Zwar wird Starke nie wieder ganz gesund werden, sie braucht aber ihre Arbeit wie die Luft zum Leben. Es gibt kaum ein Land, das sie noch nicht bereist hat. Deshalb entschied sie sich 2003 selbst Gruppenreisen in ferne Länder zu gestalten und zu leiten. Die Idee kam so gut bei den Stammkunden an, dass es bis heute 24 Reisen geworden sind. Die Teilnehmer sind über die Zeit wie eine Familie geworden. Auch soziale Aspekte kommen bei den beliebten Reisen nicht zu kurz. Die Chefin erkundigt sich im Vorfeld, was die jeweiligen Schwerpunkte für Hilfeleistungen in den zu bereisenden Ländern sind. So werden mit Geld- und Sachspenden Kinderheime, Schulen oder auch bedürftige Einzelpersonen unterstützt, die die Teilnehmer vorher besorgen. Die Reisegruppe durfte schon viele Momente von Dankbarkeit erleben, die sehr berührten aber auch aufbauend waren.

Ans Aufhören denkt die Jubilarin noch nicht, Fernweh ist nicht heilbar. "Wenn es mein Gesundheitszustand erlaubt, möchte ich meinen Kunden weiterhin helfen, die schönste Zeit des Jahres vorzubereiten und das gemäß meines Mottos: Die einzige Reise, die du bereust, ist die, die du nicht gemacht hast. Das alles wäre ohne den Fall der Mauer und die damit verbundene Öffnung der innerdeutschen Grenzen für uns alle wohl immer ein Traum geblieben ...".

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