Ein Saal und Tausende Erinnerungen

Vor 200 Jahren ist ein Kulturtempel im Herzen von Annaberg eingeweiht worden. Mit dem Friedrichsaal begann ein entscheidendes Kapitel in der Geschichte des "Erzhammers". Er ist auch ein Ort für Lebensereignisse.

Annaberg-Buchholz.

Ein stolzes Jubiläum vereinte eine Schar aufgeweckter Gratulanten zur Geburtstagsparty in Annaberg-Buchholz: Mit einer "Erzhammer-Nacht" wurde am Freitag das 200-jährige Bestehen des ältesten Festdomizils der Stadt gefeiert. Dem Friedrichsaal als jenem Herz des Kulturgeschehens erwies die Gästeschar ihre Reverenz. Das Team des Hauses um Leiterin Kristin Baden-Walther lud zu einer launigen Zeitreise durch das Gebäude ein, gewährte dem Publikum einen Blick hinter die Kulissen.

Vom Keller bis unters Dach durchstöberten die Gäste den Kulturtempel. Wenn dessen Mauern reden könnten, würden sie wohl vom Kulturleben der Bewohner, ihren Vergnügungen, aber auch von traurigeren Stunden erzählen. Zu den ältesten Spuren des 1500 errichteten Gebäudes zählen heute noch Grundmauern, zudem erweisen sich Stuck und Kassettendecke des Festsaals als langjährige Zeitzeugen. "Wohl kein Annaberg-Buchholzer wird noch nie in diesen Räumen gewesen sein. Neben einem vielgestaltigen Programmangebot von rund 250 Veranstaltungen im Jahr hat das Haus manche Biografie der Einheimischen mitgeschrieben", sagte Kristin Baden-Walther. Jugendweiheveranstaltungen, Abiturbälle, Tanzstunden und Betriebsvergnügen sowie Begegnungen von Parteien und Massenorganisationen gingen hier übers Parkett. Ebenso geben sich Musiker, Theaterleute und andere Künstler die Klinke in die Hand, ist das Haus für Schnitzer, Klöpplerinnen und andere Kreative wichtig. Zur Feierstunde öffneten die Gastgeber ihre Archive, legten Programm- und Spielanweisungen, Pressespiegel, Fotodokumentationen und Gästebücher aus. Ostlegende Heinz Quermann etwa zelebrierte hier seine Reihe "Herzklopfen kostenlos" ebenso wie Schauspieler Gojko Mitic als Indianer einritt. Sammler der Region steuerten zur Erinnerung Fotos und Originaldokumente bei. So hatte Helmut Schubert Exemplare seiner Schallplattensammlung mitgebracht. "Die Stunde der Musik war einst eine gefragte Konzertreihe, hier gastierten namhafte Akteure wie Peter Schreier oder Manfred Krug. Ich habe mir regelmäßig ein Autogramm auf den Schallplattenhüllen gesichert", erzählte der Königswalder. Er verriet auch, mit seiner Frau Karin hier erste Walzerschritte im Tanzstundenunterricht erlernt zu haben.

Monika Sense verbindet mit dem Erzhammersaal manche Erinnerung. "Hier war meine Jugendweihe, unvergessen sind die Faschingsfeten", so die Kostümdesignerin. Schmunzelnd verriet Hannelore Scheithauer eine eher unangenehme Erinnerung: "Vor über 50 Jahren war ich Kellnerlehrling. In jener Zeit war die Bergstadt Austragungsort einer Radsportveranstaltung mit der gesamten Fahrerprominenz um Täve Schur. Ich war eingeteilt, Speisen zu servieren. Es gab marinierten Hering. Im Hochbetrieb und aufgeregt wie ich war, ist mir doch ein Teller so unglücklich entglitten, dass er dem Weltmeister Bernhard Eckstein in den Halskragen gerutscht ist. Klar war ich von weiteren Aufgaben entbunden. Aber die Radfahrer haben es mit Humor genommen."

In der Chronik des Hauses ist Heinrich von Elterlein 1519, der Vater von Barbara Uthmann, als zweiter Besitzer vermerkt. Stadtbrände zerstörten wiederholt das Gemäuer, die heutige Form stammt aus der Zeit nach 1731. "Ab 1814 rückte das Haus durch die neu gegründete Annaberger Museumsgesellschaft in den Fokus", so Kristin Baden-Walther. "Die sah es als ihr Anliegen an, den Bürgern ständeübergreifend Frohsinn und Unterhaltung mit hohem Niveau zu bieten." Der Verein habe das Gebäude für 3500 Taler gekauft und später den großen Veranstaltungssaal errichten lassen. Dieser wurde am 21. November 1819 zu Ehren Friedrich August II., damaliger Kronprinz und späterer König von Sachsen, geweiht. In der Folgezeit wechselten die Besitzer. Mit Ende des II. Weltkriegs wurde schließlich die damalige Commerz- und Privatbank AG als Besitzer enteignet, das Haus in Volkseigentum überführt. 1948 kam es zu seinem Erzhammer-Namen, denn die Wismut AG wurde Eigentümer. 1961 wurde das Klubhaus an den Rat des Kreises Annaberg übergeben. 1970 erfolgte der Rechtsträgerwechsel zur Stadt Annaberg-Buchholz, in deren Auftrag es 1993 umfassend saniert worden ist. Und auch heute noch führt sie es in eigener Trägerschaft - nun mit einem weiteren Angebot: Der ersten "Erzhammer-Nacht" soll in jedem November eine weitere folgen.

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