Eisenbahn- und Pulverdampf versetzen Preßnitztal in Zeit um 1860

Militärhistorische Darstellungsvereine boten am Wochenende um Schmalzgrube ein Spektakel. Wer sind die Darsteller und was treibt sie an?

Die Akteure übten den Transport von Personal und Geschützen. Entlang der Strecke wurden mehrere Scharmützel veranstaltet.
Aus Preußen angereist: Hauptmann Jörg Heinen hatte als Pionierexperte ein Winkelmaß mitgebracht, um Schienenkurven zu berechnen.
Gar nicht so einfach, ein Geschütz samt Protze zu entladen, wie es die Preußen vormachten.

Von Christof Heyden

Vorwärts in die sächsische Geschichte, marsch, marsch! Zum zweiten Mal haben Chronisten militärhistorischer Darstellungsvereine zusammen mit Eisenbahnfans aus vielen Regionen Mitteldeutschlands das idyllische Preßnitztal am Wochenende zurück in die 1860er-Jahre zur Zeit des Dresdner Königs Johann und des Deutschen Bundes versetzt. Als Königlich Sächsische Jäger und Sachsen-Weimarer, aber auch als Preußen und Österreicher versammelten sich rund 100 Teilnehmer zum 2. Bundesmanöver, welches entlang der Schmalspureisenbahntrasse zum Spektakel wurde.

Zentrum der neuerlichen Auseinandersetzung war am Samstag der Flecken Schmalzgrube samt Floßzechenweg und Preßnitzbach-Eisenbahnüberführung. Truppenteile der Preußen mit Artilleristen der I. Sechspfünder-Garde-Batterie Berlin hatten, unter Beteiligung von versprengten österreichischen und tschechischen Fußtruppen, einen Hinterhalt gelegt.

In diesen schnaufte der Transportzug der 4. Kompanie des I. Bataillons der Königlich Sächsischen Jäger, das erneut von Männern aus Wolkenstein, Oelsnitz und Radebeul rekrutiert wurde. Zum Staunen schaulustigen Publikums und zur Freude ungezählter Fotografen entspann sich sofort das pulverhaltige Gefecht.

In das griffen genauso die Sachsen-Weimarer vom Thüringer Infanterieregiment Nr. 94 ein, die ihr "Sir Peter" genanntes Geschütz per Manneskraft auf der Hauptstraße herbeiführten. Kein Wunder, dass Passagiere des entgegenkommenden Linienbusses nach Grumbach verdutzt die Augen rieben.

Donnerschlägen gleich spuckten die Kanonen ihre Ladungen aus, nebelten die Geschützrohre mit der Dampflok um die Wette. Statt mit heuliebendem Vierbeiner erfolgte der Aufmarsch mit kohlefressendem Stahlross - genau dieses Szenario stand im Drehbuch der Schauübung. Bedeute dies einst den Zeitensprung. Das Militär sattelte um und lernte, die neue Transporttechnik zu nutzen. Diesen Aspekt spielten die bis ins kleinste Details originalgetreu ausstaffierten Vereinsfreunde nach.

Die hatten indes am Samstag einen argen Feind zur Seite, den Dauerregen. Und daher stand eine Devise besonders im Vordergrund: Das Schwarzpulver trocken zu halten. Eine Portion Enthusiasmus zeichnete die Akteure ohnehin aus, die in ihrem Biwak am Bahnhof Steinbach auch nachts den feucht-kühlen Bedingungen widerstanden. Kirschwasser hielt Marketenderin Traudel bereit, die zum Tross der Berliner Truppe zählte. "Höherprozentiges erwärmt die Artilleristen", verriet Ariane Kühl in ihrer Rolle, die sie bereits zur Premiere der Übung vor zwei Jahren bekleidete. "Ich mag es, wenn es kracht und stinkt, mein großer Bruder hat mich mit diesem Virus angesteckt", so die im bürgerlichen Leben als Verkäuferin in einem Geschäft für Kostüme und Rollenspiele tätige Hauptstädterin.

Rund 20 in die Mode jener Jahre geschlüpfte Zivilisten verliehen dem Bahnhofsgelände darüber hinaus ein nichtalltägliches Gepräge. Das Gemeinschaftsgefühl und Geschichtsinteresse, so war zu erfahren, eint sie in ihrem Hobby.

Aus der Spreemetropole war auch Jörg Heinen ins Erzgebirge gereist. Zünftig ins Habit eines Hauptmanns gepellt und mit Monokel ausgerüstet, führte er diverse Utensilien eines Eisenbahn-Pionieroffiziers mit. Mittels historischer Messgeräte bestimmte er beispielsweise den Radius der 750-Millimeter- Gleistrasse. An seiner Seite stand erstmals auch ein Militärbeobachter aus Amerika im Preßnitztal. Heinz-Dieter Spiegel verkörperte einen Major der Kavallerie der Nordstaaten. "Seinerzeit weilten die in Deutschland, um sich die Waffentechnik anzuschauen und einzukaufen, der Einigungskrieg stand in den Staaten auf der Tagesordnung."

Unbeirrt allen Pulverdampfes und dem Gewusel entlang ihrer Fahrtrasse behielten die Gastgeber der Press einen kühlen Kopf. Allen voran war bei Martin Kreher und Norbert Rudolph über die Gefechtslinien hinweg im Führerstand des Schmuckstücks der Dampfgeschichte, dem Nachbau der I K der Königlich Sächsischen Staatseisenbahn, immer der aufmerksame Überblick gefordert. Das Bähnle erwies sich samt seiner Plattenwagen und Waggons erneut als Hauptheld des Geschichtsausfluges.

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