Erzgebirgskreis läutete neue Ära ein

Durch die Fusion der Landkreise Stollberg, Aue-Schwarzenberg, Mittlerer Erzgebirgskreis sowie Annaberg hat die Region an Bedeutung und Durchschlagskraft im Freistaat gewonnen. Sogar anfangs skeptische Bürger sehen nun Vorteile.

Annaberg-Buchholz.

Wenn der Erzgebirgskreis am Wochenende seinen 10. Geburtstag begeht, kann auch Hans-Joachim Gruve mitfeiern. Vor zehn Jahren war er wie viele andere Seiffener nicht in Feierlaune. Vielmehr schob er Frust. Denn auch er, damals Gemeinderat, wollte, dass das Spielzeugdorf gemeinsam mit Neuhausen in Mittelsachsen aufgeht. Beide Orte arbeiteten bereits seit Jahren gut zusammen. Nun sollten sie durch die Kreisreform getrennt werden. Trotz Bürgerinitiative. Trotz vieler Gespräche. Trotz guter Argumente - die Lage als Ort im Ostzipfel des künftigen Erzgebirgskreises, 44 Kilometer von Annaberg entfernt, war "festgezurrt", so Gruve und der Linke gibt zu: "Wir waren verärgert." Der Widerstand war lang Thema im ganzen Erzgebirge.

Mittlerweile ist das für den 77-Jährigen Schnee von gestern. "Wir haben unsere Heimat im Erzgebirgskreis gefunden", sagte der Diplom-Ingenieur, der seit 2014 seinen Ort im Kreistag vertritt. "Ich fahre deshalb gern nach Annaberg", unterstreicht er. Auch weil die Kreisverwaltung die Randlagen immer mit im Blick hat.

Doch ganz verabschiedet haben sich die Seiffener noch nicht, in ihrer Region zu mehr Zusammenarbeit zu kommen. Auch in Richtung Neuhausen. Seiffens Bürgermeister Martin Wittig (CDU) feilt derzeit unterm Dach des Tourismusverbandes mit Amtskollegen rund um den Schwartenberg an einem gemeinsamen touristischen Konzept. Und er hält da noch mehr für möglich, "ohne revoluzzerhaft Kreisgrenzen verschieben zu müssen". Denn unterm Strich ist Wittig froh, mit seiner Gemeinde im Erzgebirgskreis verankert zu sein. "Im Vergleich zu Mittelsachsen gibt es seitens unserer Kreisverwaltung viel mehr Unterstützung", so seine Erfahrung nicht nur Wirtschaftsförderung oder Breitbandausbau betreffend.

Der Erzgebirgskreis lädt für den 4. Augustin die Kreisstadt. Auf dem Markt steigt ab 16 bis 20.45 Uhr ein buntes Programm. Ab 21 Uhr sind 450 Habitträger beim Großen Bergmännischen Zapfenstreich zu erleben.


10 Jahre in neuen Strukturen - Wo stehen wir heute?

Mit der Fusion der vier Altkreise vor nunmehr einem Jahrzehnt ist das bevölkerungsreichste Kreisgebilde Sachsens entstanden. Wo stehen wir heute? Eine stenografische Analyse.

Außenwirkung: Der Landkreis hat seit 2008 an Bekanntheit kräftig zugelegt und wird längst nicht mehr allein über seinen "Männel-Status" definiert: Das liegt nicht etwa nur am FC Erzgebirge Aue oder diversen Wintersportlern - auch und insbesondere an den neuen, attraktiven Tourismusangeboten, an innovativen Wirtschafts-Produkten und sicher auch an der Bewerbung um den Welterbestatus.

Politik: Zwar sind sich die Parteien im Kreistag, wie anderswo auch, nicht in allem einig. Doch bei wichtigen Fragen raufen sie sich meist zusammen, damit keine Region untergebuttert wird. Beispiel Kreisumlage: Da werden die Kommunen im Sachsenvergleich am wenigsten "geschröpft". Jüngst wurde sogar 1 Million Euro zurückgereicht: zur freien Verfügung an die örtlichen Feuerwehren.

Schulen: Gut 20 Millionen Eurohat der Landkreis in seine 24 Schulen, darunter drei Berufliche Schulzentren an sieben Standorten, neun Gymnasien und Förderschulen, seit 2008 gesteckt. Weitere Investitionen inbegriffen, aktuell etwa in die Gymnasien Aue und Schwarzenberg, trägt der Kreis seinen Teil für eine zukunftsweisende Bildungslandschaft bei.

Kultur: Der Kulturraum Erzgebirge-Mittelsachsen, Sachsens größte Kulturregion, fördert in diesem Jahr 88 Kultureinrichtungen und 115 Kulturprojekte mit mehr als 19,45 Millionen Euro. Auch über seine beiden Eigenbetriebe, dem Kul(T)our Betrieb und dem Kultureller Bildungsbetrieb sorgt der Kreis für ein breites Angebot.

Sport: Mit der Fusion hat der Erzgebirgskreis einiges aufgebürdet bekommen. So unter anderem das Stadion in Aue, in das der Kreis rund 20 Millionen Euro investierte. Profi- und Breitensport zu verknüpfen, ist nicht einfach. Im Erzgebirge gelingt es. Aktuell gibt es 53.233 Mitglieder im Kreissportbund - Rang 3 im Landessportbund.

Wirtschaft: Gut zwei Drittel weniger Arbeitslose gibt es im Kreis seit 2008. Bei der Arbeitslosenquote ist das Erzgebirge sogar Musterknabe in Sachsen. Mittlerweile fehlen jedoch vielerorts Fachkräfte. Das hemmt bereits die Umsetzung von Projekten. Zwar verzeichnet der Kreis die höchste Heimkehrerquote Sachsens, doch um noch mehr anzulocken, müsste sich bei den Löhnen einiges bewegen.

Tourismus: Mit mehr als drei Millionen Übernachtungen ist das Erzgebirge eine der beliebtesten Freizeit-Regionen Sachsens. Heute gibt es viele neue Attraktionen, etwa den Stoneman Miriquidi. Ein weiteres Angebot demnächst: öffentlich zugängliches W-Lan an 48 Standorten im Kreis. Das Projekt ist das bisher größte W-Lan-Projekt des Freistaats und das erste interkommunale. (alu/mas/ari)

Weitere Infos zum Jubiläum finden Sie in einer heute beiliegenden Sonderausgabe.


Kommentar: Viel erreicht,viel zu tun

Der Erzgebirgskreis darf sich durchaus feiern (lassen). Vieles wurde in den vergangenen Jahren - in Verantwortung, in Begleitung oder auch durch Anstoß der Kreisverwaltung und des Kreistages - auf den Weg gebracht. Die Wirtschaft brummt. Die Arbeitslosigkeit sinkt. Der Tourismus boomt. Nicht zu vergessen: Der FC Erzgebirge ist nicht unterzukriegen. Und sogar der Welterbestatus für die Region steht in Aussicht. Viel Positives in kurzer Zeit. Kostengünstiger, wie versprochen, ist die Verwaltung wohl nicht geworden - sonst hätte man das schon längst an die große Glocke gehängt. Zudem gab es Bedenken, ob ein so weitläufiges Gebilde nah genug am Bürger dran sein kann. Zum Amt sind manchmal auch weitere Wege notwendig - doch da hat der Online-Service, etwa bei der Kfz-Anmeldung, bereits manchen Aufwand reduziert. Da ist aber auch in anderen Bereichen noch viel Luft nach oben.

Die Erzgebirger werden das schaffen. Auch weil es - anders als eine Studie jetzt aussagte - um das Zusammengehörigkeitsgefühl gut bestellt ist. Ob wohnhaft in Seiffen, Oelsnitz oder Johann'stadt - Erzgebirger ticken ziemlich gleich. Das ist auch im Kreistag spürbar, wo der Ausgleich zwischen den Regionen gesucht wird. Und wenn notwendig, wird auch mal auf den Tisch gehauen - wie jüngst durch Bürgermeister Richtung Dresden.

Denn noch gibt's jede Menge zu tun: Bei den Straßen. Auf der Datenautobahn. Beim Fachkräftenachwuchs. Bei der Lohnangleichung. Der Kreis kann und muss anstoßen, begleiten, befördern. Hier und da auch mit mehr Transparenz als bisher. Denn dass so viel Positives geschafft wurde, liegt auch am demokratischen Streit. Und den sollte der Bürger nachvollziehen können.

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