Familien zwischen Laptop, Spielen und Hausaufgaben

Geschlossene Kitas und Schulen zwingen derzeit viele Eltern dazu, zuhause zu arbeiten. Und nebenbei die Kinder zu betreuen. Eine Belastung für alle. Und die Zeit für ungewöhnliche Modelle.

Stollberg.

Über Nacht wurde sie Mutter von drei Kindern. Mindestens für die nächsten vier Wochen. Zwar nur stunden- und tageweise, doch für Kirsten Drechsel ist das die einzige Möglichkeit, den Spagat zu meistern. Mit ihrem Ehemann und einer Freundin teilt die 35-Jährige für die nächste Zeit die Betreuung der Kinder auf: ihre zwei Töchter und der Sohn der Freundin, vier und sechs Jahre alt. Denn die Notbetreuung kommt nicht in Frage, und die Großeltern als Risikogruppe für die Erkrankung durch das Corona-Virus sollen geschont werden. "Wir machen jede Woche einen Plan, wer wann die Kinder nimmt. Das geht nur mit Menschen, die man gut kennt", sagt Kirsten Drechsel.

Die Betreuungsmodelle sind ganz verschieden. Mitunter fangen Mütter oder Väter morgens schon vor 6 Uhr an zu arbeiten und klatschen sich mittags ab. Nachbarn springen ein. Denn nicht jeder kann im Homeoffice arbeiten. So wie Kirsten Drechsel. Sie leitet die Personalabteilung einer Chemnitzer Stahlbaufirma und unterstützt bei der Kalkulation. Ihr Mann Daniel besitzt in Aue eine Autowerkstatt. Gerade Selbstständige versuchen jetzt alles, damit die Krise für ihr Unternehmen nicht das Ende bedeutet. Kein Job für Zuhause, wo sich trotz allem jeder bemüht, den Kindern Normalität zu vermitteln.

Norman Schirmer aus Mitteldorf hat seinen Hanfladen in Stollberg geschlossen, obwohl der als Lebensmittelgeschäft geöffnet bleiben könnte. Doch seine Frau betreut als gelernte Krankenschwester einen schwerkranken Mann in der 24-Stunden-Intensivassistenz. "Deshalb nehmen wir alle Rücksicht", sagt der zweifache Vater. "Jetzt muss jeder seinen Beitrag leisten." Die Online-Bestellungen erledigt er abends. Der Gitarrenlehrer seines Sohnes gibt Unterricht übers Internet.

Wie schwierig die Arbeit im Homeoffice mit Kindern ist, weiß auch Manuela School. "Mit Kindern arbeiten, das geht mal ein oder zwei Tage. Am Ende arbeiten wir aber abends nach, weil es nicht wirklich funktioniert." School ist die Prokuristin der h3 Education Group, unter deren Regie in freier Trägerschaft vor einem halben Jahr der ehemalige Kindergarten in Neuwürschnitz wieder eröffnete. Der ist nun geschlossen, hat nur zwei Kinder in der Notbetreuung. Doch die Verwaltung arbeitet weiter. Dort wurde nun der Besprechungsraum zum Klassenzimmer umfunktioniert, drei Schulkinder kontrollieren gegenseitig ihre Aufgaben. Manuela Schools Sohn besucht das Gymnasium in Lichtenstein. "Über Whatsapp-Gruppen und Lernplattformen wird versucht, den Stoff zu verteilen", berichtet sie. Zugleich muss sie aber den Betrieb in der Firma organisieren, zu dem auch eine Großküche gehört. "Wir müssen jetzt alle unsere Gedanken zusammennehmen und für die Zeit nach der Krise vorbereitet sein. Das ist mit Kindern, die neben dem Schreibtisch stehen, sehr schwierig." Wobei hinzukommt, dass die Kinder diese Situation verdauen müssen. Welche Folgen die Isolation vom Kindergarten, den Freunden und Großeltern haben wird, kann keiner sagen. Die große Tochter von Kirsten Drechsel sorgt sich um ihren Schulanfang im August. "Und sie hat mir gesagt, dass sie nicht mehr zur Oma möchte, weil die sonst sterben würde. Die Angst der Kinder ist groß. Und die der Eltern vor dem Lagerkoller auch."


Familien aufgepasst!

Sachsens große Tageszeitungen und die Evangelische Hochschule Dresden möchten in Coronakrisen-Zeiten dem Lebensgefühl von Familien in Sachsen auf den Grund gehen. Bitte nehmen Sie sich Zeit, den Fragebogen zu beantworten. Ihre Meinung trägt dazu bei, Ihren Wohnort noch familienfreundlicher zu machen. Ihre Daten werden streng vertraulich behandelt und ohne Personenzuordnung wissenschaftlich ausgewertet. Als Dankeschön für Ihre Teilnahme haben Sie die Möglichkeit, attraktive Preise zu gewinnen. Zu dem Fragebogen gelangen Sie, wenn Sie den Code mit Handy oder Tablet scannen oder den Kurzlink an Ihrem PC eingeben. (fp) www.freiepresse.de/familienkompass


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN 
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.