Fehlende Hausärzte bringen auch Pflegedienste in Bedrängnis

Im Bereich Annaberg-Buchholz drohe bei der hausärztlichen Versorgung eine Unterversorgung, sagt die Kassenärztliche Vereinigung. 22 Ärzte hörten in den vergangenen fünf Jahren auf, im Gegenzug nahmen nur acht ihre Tätigkeit auf. Die Folgen sind überall spürbar. Ein Beispiel untermauert das.

Annaberg-Buchholz.

Andreas Helfer* spricht von den Patienten sehr liebevoll. Seniorinnen sind bei ihm nach wie vor Mädels, als ob die Zeit ihnen nichts anhaben könnte, als ob sie eigentlich nicht auf seine Hilfe angewiesen sind. Doch das sind sie. Andreas Helfer arbeitet bei einem Pflegedienst in Annaberg-Buchholz und ihm brennt etwas auf der Seele. Es geht um den in seinen Augen immer schlimmer werdenden Hausärztemangel. Immer häufiger komme es in seinem Arbeitsalltag vor, dass die Patienten, um die er sich kümmern soll und will, keinen Hausarzt mehr haben. Doch ohne entsprechende Rezepte und Verordnungen sind Pflegediensten im Prinzip die Hände gebunden. Sie handeln nach den Anweisungen der Ärzte.

"Die Situation verschärft sich immer weiter", sagt Andreas Helfer. Doch was tun, wenn der Hausarzt aufgehört hat und kein Ersatz da ist? Einfach einen neuen suchen? "Die niedergelassenen Ärzte sind alle rammelvoll", so Helfer. Bisher sei es ihm noch immer gelungen, seine Patienten doch noch irgendwo unterzubringen. Dabei sei das eigentlich nicht seine Aufgabe. "Wir versuchen aber alles, um zu helfen." Er telefoniert, erklärt Notsituationen. Eigentlich müssten sich die Betroffenen um all das selbst kümmern. "Wir werden täglich von unseren Patienten gefragt, ob wir was unternehmen können."


Auch Carola Lorenz vom Wohn- und Pflegezentrum Annaberg-Buchholz (WPA) kennt diese Probleme. Sie ist die Leiterin Ambulante Dienste beim WPA. Auch in diesem Unternehmen gehen die Mitarbeiter auf Arztsuche für die Patienten. "Das kostet Zeit und letztlich auch Geld", sagt Lorenz. Doch wenn kein Arzt die Verordnung ausstellt, darf die notwendige Leistung auch nicht erbracht werden oder muss vom Pflegekunden privat bezahlt werden. "Vieles bleibt an uns hängen und das sind alles Liebesdienste", so Lorenz. Ein Arzt nach dem anderen falle weg, mit jedem verschärfe sich die Situation. Und das nicht nur im ambulanten Bereich, sondern auch im stationären.

Dass sich die Lage zuspitzt, weiß die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS). In der Antwort auf eine "Freie Presse"-Anfrage teilt sie mit: "Der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen Sachsen hat mit Beschluss vom 27. Juli 2016 ... für den Planungsbereich Annaberg-Buchholz für die hausärztliche Versorgung drohende Unterversorgung festgestellt." In den vergangenen fünf Jahren haben nach KVS-Angaben 22 Ärzte mit 19 Vollbeschäftigungseinheiten ihre vertragsärztliche Tätigkeit im Planungsbereich beendet. Im Gegenzug haben acht Ärzte mit 7,75 Vollbeschäftigungseinheiten eine vertragsärztliche Tätigkeit aufgenommen. Wie sich das Ganze fortsetzt, dafür will die KV keine Prognose abgeben. "Eine valide Einschätzung, wie viele Ärzte in den nächsten 5 bzw. 10 Jahren in den Ruhestand gehen oder ihre Praxistätigkeit aus einem anderen Grund beenden möchten, ist nicht möglich", heißt es in dem Antwortschreiben.

Doch was tun? Andreas Helfer wünscht sich zumindest eine zentrale Stelle, an die er und seine Kollegen sich wenden können, eine Art Hausärzte-Vermittlungsstelle. Für Facharzttermine gebe es das bereits seit einigen Jahren, teilt die KV mit. Bereits seit 2016 unterstützten die regionalen Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen Patienten auf Wunsch dabei, so schnell wie möglich einen Termin beim Facharzt oder Psychotherapeuten zu vereinbaren. "Dies erfolgt nunmehr auch bei der Suche nach einem dauerhaften Hausarzt oder Kinder- oder Jugendarzt." Eine Vermittlung von Wunschterminen bzw. zu bestimmten Ärzten könne dabei aber nicht erfolgen. "Auch lassen sich längere Anfahrtswege nicht immer vermeiden."

In der Praxis fühlen sich Andreas Helfer und seine Patienten aber alleingelassen. Was aus seiner Sicht helfen würde, wäre eine längere Gültigkeit von Verordnungen. Positiv wäre auch, wenn Pflegekräfte mehr Kompetenzen zugeschrieben bekommen würden und nicht für alles eine ärztliche Anweisung benötigten. Doch bei einem ist sich Andreas Helfer sicher: Die Talsohle ist noch nicht erreicht.

* Name von der Redaktion geändert.

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