Forscher suchen nach Uralt-Bergbau

Wurden im Erzgebirge bereits in der Bronzezeit Kobalt und Zinn gewonnen? Was zunächst eine verrückte Theorie war, soll jetzt wissenschaftlich untersucht werden. Ganz vorn dabei: Der bekannte Experimentalarchäologe Dominique Görlitz.

Schneeberg.

Die Präsentation, mit der sich das Erzgebirge erneut um den Weltkulturerbetitel als Bergbauregion von historischer Bedeutung bewerben will, wird in diesen Tagen gedruckt. Am 11. Dezember soll der Antrag in Dresden unterzeichnet und anschließend an die Unesco geschickt werden. Die Initiatoren beim Verein Welterbe Montanregion Erzgebirge sind guter Dinge, dass sie den Titel im zweiten Anlauf nach Hause holen können. Eine wissenschaftliche Sensation, die sich leise anbahnt, ist dabei noch gar nicht berücksichtigt: Der Bergbau im Erzgebirge ist womöglich keine 850, sondern mehrere Tausend Jahre alt.

Es ist vier Jahre her, dass der Schneeberger Kulturwissenschaftler Günter Eckardt mit dieser These an die Öffentlichkeit trat. Eckardt behauptete, die Fundgrube Rappold in Neustädtel sei ein Bergwerk, das im Mittelalter auf viel älteren Stollen gegründet wurde. Bereits in der Antike habe man hier Kobalt gefördert. Eckardt berief sich auf Materialanalysen des Amerikaners John Dayton, der eine blaue Kopfstütze des ägyptischen Pharaos Tutanchamun († 1323 v. Chr.) untersucht hatte. Laut Dayton war die blaue Farbe durch Kobalt erzeugt worden, dessen Beimengungen an Wismut, Nickel, Blei, Zinn, Silber und Eisen für den Raum Schneeberg typisch sind.


Das Problem dieser These: Kobalt wird nur tief im Berg gefunden, und bislang gibt es keinerlei Beleg dafür, dass die Menschen der Bronzezeit bereits vor 3500 Jahren hier so tief geschürft haben. Für die etablierte Archäologie ist das Erzgebirge der damaligen Zeit ein unbewohnter Dunkelwald. Auch Günter Eckardt erntete kaum mehr als Lächeln.

Jetzt aber bekommt er Schützenhilfe vom Chemnitzer Experimentalarchäologen Dominique Görlitz, der durch seine Abora-Schilfbootexpeditionen weltbekannt wurde. Mit seinen Fahrten wollte Görlitz zeigen, dass bereits die Menschen der Jungsteinzeit in der Lage waren, mit primitiven Schiffen die Meere zu überqueren. Zurzeit bereitet er die vierte Abora-Expedition vor, welche die Existenz antiker Handelsrouten aus Mitteleuropa über die Donau und das Schwarze Meer zu den Hochkulturen am Mittelmeer beweisen soll. Auf solchen Handelsfahrten könnten begehrte Metalle wie Kobalt, vor allem aber Zinn nach Ägypten und Mykene gelangt sein. "Ich gebe zu, dass auch ich dachte, der Eckardt spinnt", sagt Görlitz. "Aber dann habe ich mir das näher angesehen und Indizien gefunden, dass er Recht haben könnte."

Ein Indiz ist die sogenannte Aunjetitzer Kultur (2300 v. Chr. bis 1500 v. Chr.), ein loser Verbund von Stämmen, die zwischen dem heutigen Sachsen-Anhalt und Österreich lebten. Die Aunjetitzer waren für die Herstellung von Dolchen und Werkzeugen aus hochwertiger Zinnbronze bekannt. Und von wo könnten sie ihr Zinn herbekommen haben, wenn nicht aus dem Erzgebirge? Um dieser Spur nachzugehen, hat Görlitz ein Forscherteam zusammengestellt, dem bislang Spezialisten aus Bulgarien, Serbien, Tschechien und Deutschland angehören. Dabei geht es unter anderem darum, Zinnproben aus 50 bis 60 Fundstätten zu untersuchen und ihre Zusammensetzung mit dem Zinn in Gegenständen aus der Aunjetitzer-Zeit zu vergleichen. Die Analysen werden laut Görlitz im Massenspektrometriezentrum der Leibniz-Universität Hannover vorgenommen.

Erste Forschungsergebnisse in dieser Richtung hatten Mike Hau-stein - heute Chemiker in der Nickelhütte Aue - und der Archäo-Metallurge Ernst Pernicka vorgelegt. Sie wiesen nach, dass das Zinn in der Himmelsscheibe von Nebra die gleiche Beschaffenheit wie Zinn aus der Fundstätte Graupen (Krupka) im Osterzgebirge aufweist. Die Himmelsscheibe ist das bekannteste Artefakt der Aunjetitzer-Kultur. Allerdings kommt auch Zinn aus Cornwall infrage, das eine ähnliche chemische Signatur besitzt. "Ich unterstütze das Forschungsprojekt, denn ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass die Menschen der Bronzezeit im Erzgebirge oberflächennah Zinn abgebaut haben", sagt Haustein. "Die Kobalt-These lehne ich jedoch ab."

Aufmerksam verfolgt wird die Suche nach einem Uralt-Bergbau im Erzgebirge vom Schneeberger Altstraßenforscher Jens Richter. Er glaubt, dass die heute bekannten mittelalterlichen Handelswege weit älteren Trassen folgten. Richter hat Leitlinien definiert, die den groben Verlauf möglicher Transportverbindungen in der Antike markieren.

Der Fundort der Himmelsscheibe liegt ebenso auf einer dieser Leitlinien wie die Zinnlagerstätte Graupen. "Das ist sicher kein Zufall", sagt er. "Meine Forschungen stehen zwar noch am Anfang, aber ich glaube, dass es solche alten Handelsbeziehungen wirklich gegeben hat."

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