Geschichte mit leichter Hand auffrischen

Katrin Fiedler setzt nicht nur die eigene Familientradition in Königswalde fort, sondern konserviert auch Ortsgeschichte für die Nachwelt.

Die Inschrift des Denkmals ist bis zur Unkenntlichkeit verwittert. Steinbildhauerin und Steinmetzin Katrin Fiedler versucht sie dennoch wieder zu rekonstruieren.
Der Ehrenkranz am Mal ist weitestgehend wiederhergestellt.

Von Sarah Hofmann

Wenn Katrin Fiedler patzt, geht Geschichte verloren. Daher geht sie ganz behutsam vor. Kratzt, pickert und schabt mit Fingerspitzengefühl an ihren Arbeiten. Die Königswalder Steinmetzmeisterin restauriert nämlich aktuell ein Denkmal der Gemeinde. Es wurde zu Ehren von vier Soldaten aufgestellt, die im deutsch-französischen Krieg fielen. Der Ortshistoriker Dieter Herrmann schätzt die Entstehungszeit des Denkmals auf 1872, in diesem Jahr wurde es zumindest eingeweiht, wie historische Quellen berichten. Die Deutschen gewannen nämlich den Krieg 1871, gründeten das Deutsche Reich und setzten eben auch den vier Toten aus Königswalde ein Denkmal. Und dieses geriet, ebenso wie der Krieg, langsam in Vergessenheit und wurde auf dem örtlichen Friedhof dem Verfall preisgegeben.

Bis sich die Ortschronisten entschieden, es zu retten. "Wir wollen nicht den Krieg verherrlichen, das Denkmal ist einfach Dorfgeschichte", so Herrmann, dem das Denkmal ein besonderes Anliegen ist. Denn schon als kleiner Junge lief er häufig am Denkmal vorbei und rätselte, was denn darauf stehen könnte und was denn zu gedenken sei. Nun sammelte er mit seinen Kollegen Spenden, um es wieder sichtbar zu machen. Ganze 2800 Euro kamen zusammen. Mit dem Restaurierungsauftrag wandte er sich an Katrin Fiedler. Diese restaurierte für den Ort auch schon ein Hochwasser-Denkmal auf Initiative von Dieter Herrmann. Außerdem kennt sie sich mit der Restaurierung von historischen Objekten aus - wirkte sie doch sogar am Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche mit. Mit dem Fragment eines Bogens - ihrem Gesellenstück im Jahr 1998. "Es macht mir Spaß, zu den Hintergründen zu recherchieren. Außerdem finde ich, dass so etwas erhalten werden sollte. Wir wollen doch später unseren Kindern auch Historisches zeigen", so Fiedler. Wie viele Stunden sie schon in das etwa 438 Kilo schwere Denkmal gesteckt hat, kann sie nicht mehr sagen - denn die Steinmetzin kann immer nur einige wenige Arbeitsschritte am Stück machen, legt immer wieder kreative Pausen ein. Grund: Das Denkmal besteht aus Sandstein, ist also hochporös und empfindlich. Den Ehrenkranz mit dem Eisernen Kreuz in der Mitte konnte sie schon fertigstellen. Einige verwitterte Stellen hat sie mit einem besonderen Steinersatzmörtel nachmodelliert. Diese Stellen heben sich nun sehr hell vom Rest ab. Wie die Steinmetzin erklärt, müssen sie erst noch eine Patina ansetzen, wie es bei dem älteren Sandstein der Fall und auch bei der Frauenkirche zu sehen ist.

Restauration ist übrigens nicht Katrin Fiedlers einziger Aufgabenbereich. Ihr Hauptgewerbe bestreitet sie mit der Gestaltung von Grabsteinen und Grabmälern. Dieses Handwerk kennt sie von Kindheit an, wurde sie doch quasi hineingeboren. Denn wie Katrin Fiedler standen auch schon ihr Großvater Erich Bartel, nach dem der Betrieb auch benannt ist, ihr Urgroßvater und auch schon ihr Ururgroßvater in der Werkstatt. Letzterer gründete 1928 den Betrieb. Fiedler übernahm ihn im Jahr 2005 von ihrem Großvater und führt ihn somit in der vierten Generation. Ob sie in der Männerdomäne des Steinmetzhandwerks zurechtkommt, stand für sie nie infrage. Sie wurde schon früh an die Materie herangeführt, besuchte häufig die Großeltern in der Werkstatt. Auch der Umgang mit schweren Steinen sei mit heutiger Technik kein Problem mehr, eine künstlerische Ader und räumliches Vorstellungsvermögen liegen ihr im Blut. Die heute 40-Jährige beschäftigt zwei Mitarbeiter und ist mittlerweile sogar dreifache Mutter. Eine Powerfrau, die nicht nur die Königswalder Ortsgeschichte wieder zum Leben erweckt, sondern sie auch selbst fortführt.

0Kommentare Kommentar schreiben