Grab jenseits der Grenze: Trauer für den kleinen Geldbeutel

Ein Ehrenfriedersdorfer bietet Bestattungen zum Kampfpreis mit einem Grabplatz in Tschechien. Sein Ziel: mehr Transparenz und Würde für Angehörige und Verstorbene mit wenig Geld. Die Branche reagiert mit Argwohn.

Annaberg-Buchholz/Weipert.

Viele Menschen, die zu Kai Uwe Müller kommen, sind nicht nur traurig, sondern auch verzweifelt. Traurig sind sie, weil sie kürzlich einen Angehörigen verloren haben und verzweifelt, weil ebendiesen niemand begraben möchte. "Ich habe immer wieder Menschen vor mir sitzen, die von anderen Bestattern abgewiesen wurden, da sie weder die Anzahlung leisten, noch die kompletten Bestattungskosten bezahlen können", erklärt Müller, der in Annaberg seine Dienstleistung anbietet. Daher hat sich der 42-Jährige auch entschieden, seit Ende des vorigen Jahres wieder komplett ins Bestattungswesen einzusteigen. In der Branche arbeitet der Ehrenfriedersdorfer schon seit 1992, teils als Bestatter, teils als Trauerredner und hat in dieser Zeit alles schon gesehen.

Wie er erklärt, zeichnet sich seit einigen Jahren ein Trend ab: "Viele Menschen haben weniger Geld zur Verfügung, die Altersarmut nimmt zu. Sie müssen also nach Alternativen suchen." Als mögliche Ursache gibt er unter anderem den Wegfall des Sterbegeldes an, durch dieses konnte bis 2004 zumindest ein Teil der Bestattungskosten gedeckt werden. Seitdem können sich viele Menschen Bestattungen im bislang gewohnten Ausmaß nicht mehr leisten und wünschen sich Alternativen. Eine solche bietet Kai Uwe Müller. Er wirbt nämlich mit einem Pauschalangebot über 1399 Euro. Ein Kampfpreis. Er gilt sowohl für eine Erd- als auch für eine Feuerbestattung. Dafür müssen Kunden einige Kompromisse eingehen. Eine Grabstelle ist nämlich zwar im Preis enthalten, allerdings auf dem Friedhof im tschechischen Weipert. Auch andere Bestatter bieten diese Praxis an. "Wir als Landesinnung gehen davon aus, dass jedes Bestattungsunternehmen Bestattungen jenseits der Grenze, ja weltweit anbieten kann", sagt Tobias Wenzel, Innungsobermeister der Landesinnung der Bestatter Sachsen. Wie Kai Uwe Müller sagt, praktizieren dies auch andere Bundesländer schon.

Zudem sei seine Idee nicht neu. "Es ist mittlerweile üblich, dass relativ viele verstorbene Menschen aus Berlin und Brandenburg nach Tschechien gebracht werden." Eingeäschert werden die Leichname dann in Komotau - zu deutlich günstigeren Preisen, als deutsche Krematorien berechnen. Kai Uwe Müller lehnt dieses Vorgehen jedoch ab. Ein Grund: In Tschechien ist keine zweite Leichenschau gefordert, in Sachsen jedoch schon. Der bürokratische Aufwand sei sehr groß, außerdem würden deutsche Krematorien meist umweltverträglicher arbeiten. Daher arbeitet Müller mit einem Krematorium im thüringischen Ronneburg zusammen. Um mehrere Bestattungen auf dem Friedhof in Weipert vornehmen zu können, verhandelte er intensiv mit der dortigen Verwaltung, die ihm grünes Licht gab.

"Der Friedhof ist so groß, dass nicht die Gefahr besteht, dass dort keine Tschechen mehr beigesetzt werden können. In seiner Größe könnte man dort problemlos das gesamte Osterzgebirge begraben", sagt Müller. Denn das Gelände ging schon früher über den Umfang der Friedhofsmauern hinaus, dort sind noch sehr alte Gräber zu sehen.

Durch die deutsche Vergangenheit des Ortes sieht der Bestatter den Aspekt der Fremdheit nicht problematisch. Auf den bestehenden Gräbern finden sich noch immer sehr viele deutsche Namen.

Es gibt keine Friedhofsordnung, was die Gestaltung der Gräber angeht, haben die Angehörigen also relativ freies Spiel. So ist es beispielsweise möglich, auch ein Porträt des Verstorbenen auf den Grabstein lasern zu lassen. Zwar ist im Pauschalpreis nur eine Grabnutzungsgebühr über zehn Jahre enthalten, wie Müller erklärt, reiche diese Zeit jedoch vielen Angehörigen zur Bewältigung ihrer Trauer. Ansonsten sei aber auch eine Verlängerung unproblematisch.

In der Branche stößt Kai Uwe Müllers Konzept auf Argwohn. "Das Angebot für 1399 Euro für alle Leistungen, Bestatterleistung, Einäscherung und Friedhof sehen wir als sehr fragwürdig an, da nach unserem Empfinden eine würdevolle Bestattung für diesen Preis nicht durchgeführt werden kann", schreibt Innungsvorstand Tobias Wenzel auf Anfrage von "Freie Presse". Er bemängelt, dass in dem Pauschalpreis weder eine Zeitungsannonce, noch Musik, noch eine Trauerfeier enthalten seien.

Wie Kai Uwe Müller jedoch erklärt, handelt es sich bei der Pauschale um ein Basisangebot. Die enthaltenen Leistungen macht er transparent, bis hin zur Anzahl der Wurfblumen. Wünsche, die darüber hinausgehen, müssen jedoch dazu gebucht werden. Auch Bestattungen auf anderen Friedhöfen nimmt Müller vor, allerdings sei dann mit anderen Kosten zu rechnen, die sich an die jeweiligen Friedhofsgebühren anpassen.

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1Kommentare
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    0
    Haecker
    24.07.2018

    Naja, es gibt natürlich auch § 74 Sozialgesetzbuch XII. Zumindest Hartz-IV-Empfänger haben gute Aussichten, dass das Sozialamt alle nötigen Bestattungskosten (auch für eine Erdbestattung) übernimmt. Sie müssen sich dort aber melden.
    Andererseits halte ich eine Bestattung eines Erzgebirgers auf einem grenznahen Friedhof in Tschechien nicht für so schlimm. Die Hauptsache ist, die Bestattung erfolgt überhaupt auf einem Friedhof, nicht dass die Urne irgendwo verscharrt oder versteckt wird (und nach wenigen Jahren als Müll entsorgt wird).



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