Herrenhaus ist (wieder) Hammer

Mit 22 Bestandteilen und über 400 Einzelobjekten rückt das Welterbe die Schätze der Bergbauregion stärker denn je in den Focus - und mit ihnen Geschichten, (Berg)Leute und Zukunftsideen. Heute: Zu Gast in Erla.

Erla.

Dieser Handgriff zum Filzschuh ist für Erzgebirger eine vertraute Sache: Denn wie zu Hause in der guten Stube heißt es für Besucher des Festsaales im Herrenhof zu Erla zunächst Pantoffel der Größe XXL über das eigene Schuhwerk zu streifen. Bestimmt ein Schmunzeln den Eintritt in den Raum, weicht die Stimmungslage der Gäste wenige Schritte weiter schnell einem Staunen: Unglaublich, welch Schmuckkästchen sich im Obergeschoss hinter den ebenso schick hergerichteten Fachwerkfassaden an der Karlsbader Straße findet.

Im Zuge der Sanierung des früheren Sitzes der Hammerherren haben Bauarbeiter, Restauratoren und Bauherren den Saal prächtig hergerichtet. Einzigartige, teils aus dem Jahr 1665 stammende Wandmalereien und original erhaltener Dielenboden geben dem Raum ein besonderes Gepräge. Umlaufender Stuckfries, stuckgerahmte Kassettenfelder, aufgearbeitete Schmuckelemente verschiedener Stilrichtungen vermitteln den Besuchern eine Ahnung, wie reich einst die früheren Besitzer gewesen sein müssen.

Ganz im Kontrast dazu kennt Anne-Marie Gehle den Zustand des Hauses vor mehr als 50 Jahren. "Seinerzeit wohnte unter anderem meine Familie in dem Gebäude", erzählt die 67-Jährige. "Ich erinnere mich noch an die Freischwinger-Toilette." Sie findet es klasse, was mit der Sanierung geleistet worden ist.

Zu den Neumietern des Herrenhofes zählen die Mitglieder des dortigen Heimat- und Schulvereins. Diese nahmen am 27. November mit einer vom Erzgebirgsensemble begleiteten Zeremonie ihre Vereinsräume in Besitz. In denen wird Karl-Heinz Gehle jetzt regelmäßig zu finden sein. "Wir helfen mit, dass am Welterbestandort neues Nachbarschaftsleben einzieht. So stellen wir beispielsweise das literarische Vermächtnis des Mundartautoren und Chronisten Manfred Blechschmidt aus. Seine uns überlassene Bibliothek darf öffentlich genutzt werden", sagt der 69-Jährige.

Einst mittelalterlicher Wohn- und Geschäftssitz von Berg- und Hammerbesitzern, heute kulturelle Erlebnisstätte der computerbegeisterten Nachfolgegeneration: Der Gebäudekomplex Herrenhof Erlahammer gilt als Beispiel, wie ein historischer Standort nach- und umgenutzt werden kann. Als Bestandteil des Welterbeprojektes steht das Objekt für das Welterbe-Anliegen, hiesiges Erbe begreifbar zu machen, es in der Gegenwart zu erschließen und als bewahrenswertes Sachstück mit in die Zukunft zu nehmen. Innerhalb der 22 Montanerbe-Beiträge dürfte diese Projektsanierung als eine der ehrgeizigsten in die aktuelle Ereignis-Chronik der Welterbestätten eingehen. Damit haben sich die Erla-Crandorfer und Schwarzenberger quasi ein vorfristiges Weihnachtsgeschenk bereitet.


Eisenhütte Erlahammer

Von der einstmaligen Bedeutung des Werkes für die Eisenproduktion und -verarbeitung Eisenhütte Erlahammer zeugt der Herrenhof aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich die Bergbaulandschaft Rother Berg, von der aus bereits Mitte des 13. Jahrhunderts Roteisenerz abgebaut und über einen Erztransportweg zur Weiterverarbeitung in den Erlahammer gebracht wurde.

Der Standort steht somit für 800-jährige Eisenverarbeitung. Nach historischen Unterlagen umfasste das Besitztum 1517 neben dem Hammer auch Schmiedewerk, Hammergraben, Wiesen, Acker und Wald.

1879 erlosch das letzte Feuer im Hochofen. Mangels entsprechender Investitionen verlor der Förderstandort mit fortschreitender Industrialisierung an Bedeutung, die Gruben schlossen. (hy)

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