Hüterin eines süßen Familiengeheimnisses

Rund 120 Familien haben früher ihre eigenen Stollen bei der Bäckerei Schulz in den Ofen schieben lassen. Auch wenn die Tradition stark abgenommen hat: Es gibt sie noch, die Hobbybäcker.

Annaberg-Buchholz.

Weihnachtszeit ist im Erzgebirge auch Stollenzeit. Und die eigenen Rezepturen sind oft jahrzehntealte Familiengeheimnisse, die jeden Stollen anders, besonders schmecken lassen. So auch bei der Annabergerin Ursula Riether, die vor einigen Tagen wieder Zwei-Kilo-Stollen buk, und zwar gleich 23 Stück. Das Rezept ist über 50 Jahre alt und stammt von ihrer Mutter. Zu den Zutaten gehören süße und bittere Mandeln, die noch selbst geschnappt und gemahlen werden, Rosinen, die eine Woche ein Rumbad genossen, und natürlich Zitronat und gewärmtes Fett. Das Mischungsverhältnis will die 66-Jährige nicht verraten. Das bleibt ein Familiengeheimnis. "Meine Schwägerin bäckt nach demselben Rezept, aber dennoch schmeckt ihr Stollen anders", erklärt die Hobbybäckerin. Die Vorbereitungen für das Backen nehmen fünf Stunden in Anspruch. Dabei ist die Zeit für die Besorgungen nicht mitgerechnet.

Die Zutaten werden zur Traditionsbäckerei Schulz an der Lindenstraße in der Kreisstadt gebracht - und das seit 40 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt zog Ursula Riether mit ihrer Familie von Tannenberg nach Annaberg. "Zwischen Andreas Schulz und mir ist über die Jahre eine richtige Bäckerfreundschaft entstanden", sagt Riether lächelnd.

Die 23 Stollen sind nicht nur für den eigenen Haushalt bestimmt. 15 davon gehen per Post zu Tochter Manuela nach Frankfurt am Main in Hessen, die dort ihren Freundeskreis mit der erzgebirgischen Leckerei beglückt. Das schon seit Jahren. Die Stollen sind dort sehr begehrt. Es bedeutet viel Arbeit, das weihnachtliche Gebäck herzustellen, doch für Ursula Riether gehört das einfach zu Weihnachten. Und am 1. Weihnachtstag wird bei der Familie im Beisein von Kindern und Enkeln nach erzgebirgischer Tradition der erste Stollen angeschnitten.

Der Weihnachtsstollen symbolisiert indes das in weiße Tücher eingehüllte Christkind und wird von Bäckern und Konditoren auch Gebildebrot genannt. Unbekannt ist, wo der erste Stollen gebacken wurde und wer Rezeptur und Form erfunden hat. Einig sind sich Heimatforscher, dass der Ur-Stollen um das Jahr 1300 in Sachsen aus dem Ofen gezogen wurde. Er wird teils noch zu Hause oder mit eigenen Zutaten in den heimischen Bäckereien gebacken.

In der Bäckerei Schulz läuft das Geschäft mit der Weihnachtsbäckerei auf Hochtouren. In der Backstube haben drei Bäcker und hinter der Ladentheke und im Stehcafé fünf Verkäuferinnen alle Hände voll zu tun. Gegründet wurde die Bäckerei im Jahre 1899 von Emil Letzig, dem Urgroßvater des jetzigen Inhabers Andreas Schulz. Dessen Vater Joachim Schulz übernahm das Geschäft im Jahre 1957 und der Sohn Andreas trat nach einer Ausbildung zum Konditor, der sich eine Bäckerlehre anschloss, dem väterlichen Betrieb 1981 bei. 1988 legte er seine Meisterprüfung ab. Seit 1992 ist er der Chef des Familienunternehmens. Er setzt in der Herstellung seiner Backwaren auf die seit Generationen bewährten Rezepturen. Speziell für den Weihnachtsstollen gibt es ein Uralt-Rezept, das durch einige erst jetzt erhältliche Zutaten verfeinert wurde. Bäckermeister Schulz wurde für seinen Stollen zum Erzgebirgischen Stollentag bereits vier Mal mit der Goldmedaille ausgezeichnet. In einer Saison werden etwa 800 Stollen gebacken. Bereits im April wird der Teig dafür zubereitet. Dieser reift bis zum Juli, um dann gebacken zu werden. Das Backwerk lagert bis Ende Oktober in speziellen Behältern, um danach glasiert und in den Verkauf zu kommen.

Das Stollenbacken von privaten Familien hatte bis zur Wende Hochkonjunktur. Andreas Schulz erinnert sich: "Über 120 Familien fanden alljährlich mit ihren Zutaten den Weg ins Geschäft, um die Stollen bei uns backen zu lassen. Die Leute kamen teilweise mit Handwagen." Nach und nach nahm dieser Trend ab. Jetzt sind es jährlich noch etwa 15 Familien, die ihren Weihnachtsstollen bei Schulz backen lassen.

Hat der Bäckermeister eigentlich selbst einmal Zeit, den Advent zu genießen? "Ja, das mache ich mit meiner Familie an den Adventssonntagen. Da essen wir unseren eigenen Stollen", sagt Andreas Schulz.

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...