Hunderte Besucher feiern Nacktrodeln in Oberwiesenthal

Trotz grassierender Epidemie kommen mehrere hundert Besucher zum Nacktrodeln in Oberwiesenthal. Das Gesundheitsamt hatte vorher keine Bedenken.

Oberwiesenthal.

Die Party, berichten Augenzeugen, geht wieder ordentlich ab. Das Nacktrodeln in Oberwiesenthal ist in der Stadt zwar seit jeher umstritten. Der Streit zwischen Veranstaltern und dem Bürgermeister Mirko Ernst (FDP), dem das Nacktrodeln schon lange peinlich ist, gipfelte in diesem Jahr in Plakaten, die wegen Beleidigung des Bürgermeisters einkassiert wurden. So war beispielsweise der Kopf des Bürgermeisters auf einem sehr leicht bekleideten Frauenkörper zu sehen gewesen. Die Besucher am Samstag aber stört das wenig. Traditionell am zweiten Märzwochenende pilgern sie zur Fichtelberghütte, wo spärlich bekleidete Damen zu Party-Musik den Hang hinunterrodeln.

Diesmal sind mehrere hundert Gäste gekommen. Sie sitzen nah beieinander, lachen, schunkeln, umarmen sich, stoßen an. Laute Musik schallt über den Hang. Wenn man es nicht wüsste, man hätte nicht den Eindruck, dass hier irgendetwas in der Luft liegt. Einzig das mexikanische Bier, verkauft in kleinen Flaschen, weist darauf hin, was die Welt dieser Tage in Atem hält. Es heißt: Corona.

Während viele Menschen in Deutschland und der ganzen Welt wie gebannt auf ihre Smartphones starren, wo eine Horrornachricht die nächste jagt, während Kanzlerin Angela Merkel anmahnt, soziale Kontakte nur auf das absolut Notwendige zu begrenzen, während sich das neuartige Coronavirus auch in Sachsen ausbreitet - am Sonntagnachmittag verzeichnete das Sozialministerium 105 Infizierte, wobei mindestens drei in Mittelsachsen bestätigte Fälle noch nicht erwähnt wurden -, während in Italien die Intensivstationen der Krankenhäuser längst am Limit angekommen sind, während bekannt wird, dass auch in Annaberg-Buchholz eine Frau positiv auf das Virus getestet wird, während Tschechien die Grenze gleich nebenan zwischen Oberwiesenthal und Bozi Dar abriegelt, wird in Oberwiesenthal gefeiert. Und das ganz ohne schlechtes Gewissen. "Wir hatten sehr viele Besucher, es war eine schöne Party", sagt Veranstalter Joachim Nöske, der hinter dem Spektakel steckt. "Es war alles gut hier." Das Virus vertrage keinen Alkohol, also habe man es eben sozusagen damit bekämpft. Ob er nicht fürchte, dass jemand unwissentlich Menschen infizierte oder sich angesteckt habe? Nein, sagt Nöske. Oberwiesenthal stehe für Urlaub, man genieße die schönen Seiten des Lebens. Corona gebe es hier oben nur in flüssiger Form.

Das sieht freilich nicht jeder so entspannt. Bei Facebook etwa wird teils deutliche Kritik daran laut, dass die Veranstaltung auf diese Art und Weise stattfinden durfte. "Es gibt Leute, die kapieren es einfach nicht", schreibt ein Nutzer. "Völlig verantwortungslos", findet eine Zweite. "Sie entscheiden das nicht nur für ihre Gesundheit, sondern auch für ältere und vorerkrankte Personen (die jeder irgendwo im Umfeld hat)." Und auf freiepresse.de kommentiert ein Leser: "Völlig bekloppt, (im Moment) auf so eine Veranstaltung zu gehen. Bestimmte Gruppen scheinen nicht in der Lage zu sein, ihre kurzfristigen Bedürfnisse mal zurückzustellen." So bizarr freilich das Ganze scheint, das Gesundheitsamt des Erzgebirgskreises hatte im Vorfeld jedenfalls nichts einzuwenden. Darauf lässt eine E-Mail schließen, die das Landratsamt an den offiziellen Veranstalter, den SC Traktor Oberwiesenthal, gesandt hat und die der "Freien Presse" vorliegt. Darin heißt es: "Da es sich bei der Veranstaltung um eine Freiluftveranstaltung handelt und sicher zu realisieren ist, dass nahe menschliche Kontakte nicht gegeben sind und keine ausländische Beteiligung von Ihnen bestätigt wurde, gibt es aus infektionshygienischer Sicht keine Bedenken, das Nacktrodeln durchzuführen."

Nahe menschliche Kontakte nicht gegeben? Die Fotos sprechen freilich eine andere Sprache. Dabei ist die Nacktrodelparty in Oberwiesenthal kein Einzelfall. In Frankreich hatte bereits vor einigen Tagen ein Arzt gewarnt: Auch junge Menschen landen vermehrt auf den Intensivstationen.

Kommentar: Fahrt endlich alles runter!

Das Nacktrodeln von Oberwiesenthal während der sich anbahnenden Corona-Pandemie ist ein besonders bizarres Beispiel dafür, was in diesen Tagen in Deutschland los ist. Während manche vor Panik nicht mehr ein noch aus wissen, tanzen andere anscheinend auf dem Vulkan. Man mag über die Veranstalter in Oberwiesenthal den Kopf schütteln, man mag ungläubig lesen, dass laut Gesundheitsamt ja kein näherer Kontakt der Zuschauer zu erwarten sei. Doch am Ende einer solchen Reihe steht die Politik. Und die lässt in diesem dramatischen Frühjahr 2020 gerade in Deutschland Orientierung vermissen. Da appelliert die Bundeskanzlerin, soziale Kontakte aufs Nötigste zu beschränken. Und während man sich noch fragt, was denn nun genau "nötigste Kontakte" sind, meldet sich Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig zu Wort mit den Worten, dass man "aktuell" keine weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens wie die Schließung von Geschäften plane. Kaum ist das verhallt, macht Deutschland doch die Grenzen dicht. Es ist nicht das Virus, das die Panik auslöst, es ist der Mangel an klaren Entscheidungen. Immerhin zeigt Dulig noch mal im Video, wie man richtig Hände wäscht. Da bin ich aber beruhigt.

Etwa 400 Besucher haben am Samstag ausgelassen das Nacktrodeln an der Skihütte Oberwiesenthal mit Musik von Tollhaus und Ginger Castello gefeiert.

Die warscheinlich letzte Veranstaltung für die nächsten Wochen in Sachsen. Da es eine Freiluftveranstaltung war, waren die Auflagen nicht so streng wie in geschlossenen Räumen. Die Party bei stahlend blauen Himmel und Sonnenschein hat den Besuchern gut gefallen. Betreiber wie Gäste konnten nicht glauben, dass so viele Besucher zusammengekommen waren.

Das Landratsamt hatte am Freitag bestätigt, dass das Nacktrodeln trotz steigender Coronafallzahlen in Sachsen stattfinden darf. Da es sich um eine Freiluftveranstaltung handle, bestünde keine erhöhte Ansteckungsgefahr. (kütt/sane)


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15Kommentare
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  • 8
    3
    Pedaleur
    16.03.2020

    Den ersten "Stresstest" hat die neue Landesregierung nicht bestanden. Konsequent inkonsequent. Keine genauen Ansagen, eine sinnlose Schonfrist usw.
    Wieso lässt man die neue Woche erst noch starten? Heute fangen viele an, sich Gedanken zu machen, wie es ab Mittwoch weitergeht. Statt das Wochenende schon runterzufahren und auch solche Spekakel zu untersagen. Auch einige Diskos uns Clubs haben damit geworben, dieses Wochenende geht nochmal. Ja, die kapieren es alle nicht.

  • 5
    0
    harzruessler1911
    16.03.2020

    @hannes
    Absolut, politische Punkte sind streitbar. Werden diese auch immer sein, je nach Sichtweise und eigener politischer Stellung bzw. persönlichen und auch subjektiven Gefühlen und Ansichten.
    Aus diesem Grund mache ich auch meine Kreuze ( Kommunalwahl) nie bei der Liste, sondern überlege mir sehr gut, welchen Personen ich meine Stimme gebe.

    Bei der ersten Pressekonferenz mit Söder ,Merkel und Tschentscher, war meiner Meinung nach (nat.subjektiv ) zu bemerken u.a. durch den verspäteten Beginn, dass zuvor heiße Diskussionen gegeben haben muss. Ich denke, dass da Söder schon ganz schön Druck in die Richtung gemacht hatte.

    zitiere Söder von heute:
    Schlusswort
    "Es gibt kein Patentrezept.Aber wir arbeiten alle nach bestem Wissen und Gewissen." "Ich bitte um Zusammenhalt. Das ist nicht nur ein Stresstest, das ist auch ein Charaktertest. Wir können das nur bestehen, wenn wir zusammenhalten, einander ein Stück weit vertrauen."

  • 1
    4
    Interessierte
    16.03.2020

    Denn sie wissen (nicht) , was sie tun , zumal sie noch so ´rum schreien ...

  • 6
    1
    Hanneswbg
    16.03.2020

    @harzruessler1911: Ich bin auch zur Zeit in Bayern, da ich hier schon seit über 20 Jahren arbeite und pendle zwischen Sachsen und Bayern an den Wochenenden. Über die Politik der CSU kann man wahrlich streiten, aber die Maßnahmen von Söder und Seehofer sind absolut richtig, vielleicht sogar schon ein wenig zu spät! Aber hat das die "sächsische Spaßgesellschaft" schon mitbekommen, was eigentlich los ist? Man ist wohl der Meinung, vom Westen lassen wir uns nichts sagen.

  • 10
    0
    harzruessler1911
    16.03.2020

    @ralf66

    Ich verstehe Deine Bedenken vollkommen. Wollte Dich auch nur etwas beruhigen, dass jetzt jeder denken würde Du hättest ein nicht zu untermauerndes Statement von Dir gegeben.
    Du weißt ja selbst, dass hier manchmal rote Daumen verteilt werden und wurden, wo man nicht einmal nachvollziehen kann, was der Anlass dazu sein könnte. Ich habe sogar schon den Eindruck gehabt, dass hier 2 -3 Poster rumflitzen, die diese per se verteilen.
    Bei uns hat Söder gerade den Katastrophenfall ausgerufen, u.a. als Beispiel , die Schließung von Saunen benannt, was in diesem Zusammenhang sehr gut passt. Ich unterstütze Söders Maßnahmen vollkommen.
    Auch von Seehofer , war ich gestern mehr als positiv überrascht, als er darauf hinwies, dass gerade hier einmal die EU gefordert wäre. Aber da wo es mehr als wichtig wäre, hat sich Brüssel zurück gehalten.

  • 11
    0
    ralf66
    16.03.2020

    @harzruessler1911, Sie haben schon teilweise Recht, ich bin aber der Ansicht, dass die Freie Presse einen einmal eingestellten bebilderten Artikel nachdem Kommentare abgegeben worden sind nicht mehr in Wort und Bild verändern abändern, ergänzen u.s.w. sollte.
    Warum?
    Vor paar Tagen hier ein Artikel in der FP, dass es einen weiteren Corona-Fall im Raum Annaberg-Buchholz gäbe, ich habe darauf geschrieben ob es auch genauer geht mit der Ortsangabe.
    Danach hat man wahrscheinlich erfahren wo genau die Person herkommt, sie kam direkt aus Annaberg, nun hat man bei FP den Artikel mit dieser neuen Erkenntnis ergänzt und noch erweitert.
    Es schrieb dann ein anderer Kommentator darauf, ob ich nicht lesen könne, es steht doch schwarz auf weiß da, dass die Person aus Annaberg kommt, ob ich noch den Namen und die Adresse wissen wolle.
    Das kommt dann mit der Änderung von Artikeln mit oder ohne Bild raus.

  • 6
    1
    harzruessler1911
    16.03.2020

    @ralf66

    Ich denke mal, dass auch ohne die Fotos jeder der einigermaßen einen gesunden Menschenverstand hat, weiß wie solch ein Event abläuft. Ignoranten gibt es natürlich immer, dagegen kann man aber nichts machen, bzw. speziell wir.
    Dann wundert man sich auch noch, dass Maßnahmen zur Eindämmung, Begrenzung der Viusausbreitung weiter verschärft werden.

  • 5
    1
    ralf66
    15.03.2020

    Es waren ursprünglich drei Bilder hier zum Artikel zu sehen, daraufhin habe ich meinen ersten Kommentar geschrieben!!!

    Bild 1: die Sängerin,
    Bild 2: zwei Mann die Arm in Arm abgebildet wurden und
    Bild 3: wo man alle fröhlich dicht beieinander sitzen und stehen sieht!

    Bild 2 wurde schon entfernt und wenn jetzt noch Bild 3 entfernt wird, so dass nur noch Bild 1 die Sängerin zu sehen ist, dann ist die Aussagekraft, der Inhalt unserer Kommentare hier zum Artikel nachfolgenden Lesern nicht mehr vollständig nachvollziehbar, wie es ursprünglich mit allen dazu eingestellten Bildern hätte sein sollen oder gedacht war!

  • 9
    5
    Krimitante81
    15.03.2020

    harzruessler1911
    So ist es:)

  • 17
    6
    harzruessler1911
    15.03.2020

    zitiere"" "Das Landratsamt hatte am Freitag bestätigt, dass das Nacktrodeln trotz steigender Coronafallzahlen in Sachsen stattfinden darf. Da es sich um eine Freiluftveranstaltung handle, bestünde keine erhöhte Ansteckungsgefahr." ""

    Man könnte ja meinen das LR hat sich mit einem Betriebsausflug beteiligt, da diese Reaktion nicht mal annähernd nachvollziehbar ist.

    Jetzt fängt man endlich an die Grenzen dicht zu machen, auch wenn nur teilweise.... ach jedes weitere Wort ist bei soviel Ignoranz nur Verschwendung.
    .

  • 26
    7
    christophdoerffel
    15.03.2020

    Völlig bekloppt (im Moment) zu so einer Veranstaltung zu gehen. Bestimmte Gruppen scheinen nicht in der Lage zu sein ihre kurzfristigen Bedürfnisse mal zurückzustellen.

    Herr Bachmann und seine PEGIDA Truppe scheinen auch dazu zugehören.

  • 32
    10
    Krimitante81
    15.03.2020

    Ralf 66 hat völlig Recht.
    Alles wird geschlossen und abgesagt, aber ausgerechnet sowas darf stattfinden?
    Was sollen unsere Kinder und die gefährdeten Älteren davon halten?
    Von Panikmache halte ich definitiv nichts, aber es wird die ganze Zeit von GEFAHR geschrieben.....Kinder stellen Fragen, und wir Erwachsenen sollen ihnen Antworten geben. Mein Kind wird definitiv die Wahrheit über dieses ganze bekloppte System erfahren. Das ist Fakt!

  • 42
    6
    ralf66
    15.03.2020

    @martindamm, es wird darauf hingewiesen, die sozialen Kontakte zu reduzieren, Merkel, so steht es auf Web sagt, Verzicht bis hinein in das familiäre Umfeld, es werden Schulen und Kitas geschlossen, öffentliche Einrichtungen wie Museen u.s.w., Veranstaltungen abgesagt, die Tschechen schließen mit ca. 150 Coronafällen die Grenze im Vergleich Deutschland mit ca. 4000 Fällen, in Italien kann man täglich beobachten, wohin die Corona-Infektion führen kann, wenn nicht schnell von Anfang an Maßnahmen zur Eindämmung getroffen werden, dort ist das Gesundheitssystem am Ende seiner Kapazitäten, dort wird wegen des Mangels an Beatmungsplätzen schon aussortiert bei wem sich eine Beatmung lohnt, abhängig auch vom Alter und wer keine Chance hat das Virus zu überleben.
    Keiner macht sich verrückt auch ich nicht aber Vorsicht ist besser als Nachsicht, unter den gegebenen Umständen und schon eingeleiteten anderen Maßnahmen in Deutschland hätte diese Veranstaltung das Nacktrodeln auch unterbleiben müssen.

  • 12
    27
    martindamm
    15.03.2020

    ralf mach dich doch nicht verrückt ...

  • 56
    11
    ralf66
    14.03.2020

    Hocken dicht auf dicht, umarmen sich und es besteht keine Ansteckungsgefahr. 400 Mann dicht auf dicht aber im Freien weil im Freien keine Ansteckungsgefahr besteht.
    Ihr habt doch ne Meise!!!