Jäger stellen Drückjagd im Januar infrage

Nicht nur Naturschützer prangern Jagd unter winterlichen Bedingungen im Gelenauer Revier an. Der Staatsbetrieb Sachsenforst verteidigt und begründet sein Vorgehen. Ein Wissenschaftler kommt derweil zu einem klaren Schluss.

Thum/Gelenau.

Absperrbänder und Warnschilder am Straßen- oder Waldesrand, Schüsse in der Ferne: Viel mehr als das bekommen Außenstehende von einer Jagd in der Regel nicht mit. Doch hinter den Kulissen schwelt ein Streit darüber, unter welchen Bedingungen das Jagen überhaupt tragbar ist. Im Forstrevier Gelenau ist diese Auseinandersetzung nun aufgeflammt. Auslöser dafür sind Ansitzdrückjagden, die dort jüngst stattgefunden haben. Dabei wird großflächig das Wild mithilfe von Hunden aufgeschreckt und in Richtung der Jäger gescheucht.

Einer der Kritiker ist Knut Wetzel. Bei Witterungsbedingungen wie im Januar mit verharschtem Schnee sei die Jagd "in gröbster Weise unwaidmännisch", schimpft der ehrenamtliche Naturschützer. Jagd in angemessenem Umfang sei natürlich sinnvoll, so der Gornsdorfer. "Doch die Rehe so zusammenzuschießen, das ist pervers." Er erhält Rückendeckung aus den Reihen der Jägerschaft, von Mitgliedern des Hegerings Greifensteine. Seine Zunft werde oft über einen Kamm geschoren, sagt der Burkhardtsdorfer Sven Meyer. "Doch unter uns gibt es differenzierte Meinungen. Wir jagen auch. Aber nicht bei solchen Bedingungen und auf Teufel komm raus." Sebastian Dittrich aus Thum hält Bewegt- jagden mit Hunden "bei diesem Harschschnee und Minustemperaturen für ethisch und moralisch nicht vertretbar". Heiko Salzmann, Jagdpächter aus Burkhardtsdorf, spricht gar von Tierquälerei. "Derzeit ist der Biorhythmus des Rehwilds heruntergefahren und es wird durch die Jagd extrem beunruhigt", sagt Salzmann. Das Rehwild werde nur als Schädling beim Waldumbau betrachtet. Doch selbst in dieser Hinsicht sei die Drückjagd kontraproduktiv, argumentiert der Jäger. Denn überlebende Tiere müssten ihren Energiehaushalt umso mehr auffüllen. "Und sie werden das fressen, was zu finden ist - junge Bäume", sagt Salzmann.

Der Waldumbau ist ein zentrales Ziel des Sachsenforsts. Denn die Fichtenmonokulturen im Erzgebirge haben Insektenbefall und Witterungsextremen wenig entgegenzusetzen. Deswegen werden Arten wie Rotbuche, Weißtanne und Bergahorn gepflanzt, erläutert Johannes Riedel, Leiter des Staatsforstbetriebs im Forstbezirk Neudorf. Doch die jungen Bäume sind bedroht, so Riedel. "Sie sind Trockenstress, Insektenfraß, Wildverbiss und Wildschäle ausgesetzt." Ein wesentliches Mittel gegen Letztere sei die Jagd. Wildschutzzäune als Alternative hätten sich als "nicht effektiv" erwiesen. Sie seien teuer in der Anschaffung und müssten regelmäßig kontrolliert und repariert werden. Ohne Zäune, argumentiert Riedel, habe das Wild zudem mehr Lebensraum.

Die Kritik der Jagdpächter weist der Leiter des hiesigen Staatsforstbetriebs als "unbegründet" zurück. Die entsprechenden Wildbestände seien überhöht. Genau darauf seien die Verbissschäden in erster Line zurückzuführen. Verbissschäden infolge von Jagd spielten nur eine untergeordnete Rolle. Im Forstbezirk Neudorf waren 2018/19 insgesamt 27 Ansitzdrückjagden geplant. Vor jedem Termin werde anhand der örtlichen Verhältnisse "verantwortungsvoll geprüft und entschieden, ob diese für die Jäger gefahrlos und für das Wild tierschutzgerecht durchgeführt werden können". So wurden vier wegen zu viel Schnee oder Eisglätte abgesagt - auch im Gelenauer Revier. "Zu allen anderen Terminen herrschten keine außergewöhnlichen Witterungsbedingungen", so Riedel. Auch den Vorwurf der Tierquälerei weist er zurück. Er spricht von einer "zeitlich befristeten Beunruhigung" wie bei der Jagd durch Raubtiere. Im Übrigen könne sich das Wild ein halbes Jahr unbehelligt bewegen. Und es würden nicht nur Rehe gejagt, sondern auch Schwarzwild. Angesichts von Schäden auf Feldern und Afrikanischer Schweinepest sei das von hoher Bedeutung.

Ist die Drückjagd im Januar nun vertretbar? Der Biologe Prof. Dr. Walter Arnold vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie an der Veterinärmedizinischen Universität Wien bekräftigt auf Anfrage von "Freie Presse" seine Aussagen in einem Fachaufsatz in der Zeitschrift "Jagd in Bayern". Demnach zeigen Rehe im Winter Reaktionen wie echte Winterschläfer. "Die Energiesparmaßnahmen schränken die Fluchtfähigkeit ein", so Arnold. Wer das Wild hetze, provoziere einen extrem hohen Energieverbrauch. Bei Rotwild hätten Studien ergeben, dass dieser um bis zu 33 Prozent steige. Die Folge: hohe Verbissschäden. "Ein Ende der Bejagung spätestens zur Wintersonnenwende kann entscheidend dazu beitragen, den Nahrungsbedarf der Wildwiederkäuer zu senken und damit die Waldvegetation zu entlasten", rät der Biologe.

Das Ganze beschäftigt nun auch die Polizei. Wie eine Sprecherin auf Anfrage von "Freie Presse" sagte, ist wegen einer Jagd im Gelenauer Revier sogar eine Anzeige eingegangen, die geprüft wird.

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