Jäger, Treiber, Hunde, Wild - Wie funktioniert eine Drückjagd?

Beim Thema Jagd scheiden sich die Geister. Für die einen ist sie notwendig, um Wildbestände zu regulieren sowie Wildschäden vorzubeugen. Tierquälerei lautet ein Vorwurf der Gegenseite. Dabei wissen wohl nur die wenigsten, wie es auf der Jagd wirklich zugeht. "Freie Presse" war bei einer Gesellschaftsjagd in Königswalde dabei.

Königswalde.

"Grün ja grün sind alle meine Kleider ..." Denkt man an einen Jäger, hat wohl jeder sofort ein Bild im Kopf. Dass dieses nicht immer stimmen muss, zeigte sich jüngst in Königswalde. Tim Buchau, seines Zeichens Jäger und Waldpädagoge, lud die "Freie Presse" zu einer Drückjagd ein. Zweimal pro Jahr organisiert der Jagdpächter eine solche Gesellschaftsjagd in seinem Revier. Allein würden er und die anderen vier Pächter, die gemeinsam etwa 1100 Hektar Wald bewirtschaften, es nicht schaffen. Denn die Wildbestände machen dem Jäger Sorgen. Immer wieder zeigt Buchau auf junge Bäume, die stark harzen. Eine Reaktion der Pflanze auf Verletzungen, die zum Beispiel entstehen, wenn Geweihe daran gerieben werden. Zudem fressen die Tiere junge Triebe ab. Beim Blick auf die Felder sind zudem immer wieder von Wildschweinen aufgewühlte Bereiche zu sehen. Alles Gründe, warum es aus seiner Sicht wichtig ist, zu jagen. Im Bundesjagdgesetz heißt es unter anderem: "Die Hege muss so durchgeführt werden, dass Beeinträchtigungen einer ordnungsgemäßen land-, forst- und fischwirtschaftlichen Nutzung, insbesondere Wildschäden, möglichst vermieden werden."

An jenem Samstag kamen etwa 30 Jäger aus der Region zusammen. Neben traditioneller Jagdbekleidung - "Grün ja grün ..." - fiel sofort noch etwas anderes auf. Wirklich jeder hatte entweder eine Warnweste, ein orange-leuchtendes Band um den Hut oder gleich eine Warnjacke an - auch die zwei Jagdhunde. "Sicherheit spielt eine große Rolle", sagte Buchau, der dann auch gleich mit den Sicherheitshinweisen für die Jagd begann. Danach ging es los. Alle Beteiligten nahmen ihre Positionen ein. Die Jäger verteilten sich an verschiedenen Stellen. Einige saßen auf Kanzeln einige Meter über der Erde, andere standen an Wegesrändern. Nun kamen die Treiber und Hunde ins Spiel. Sie bildeten eine Kette, die sich quer durch den Wald bewegte. Buchau betonte immer wieder, dass die Treiber sich ruhig und langsam bewegen sollen. Hier und da ein Rufen war in Ordnung. Ziel: Das Wild sollte durch die Treiber vorsichtig in Bewegung gebracht und aus der Deckung gedrückt werden. Aber Rehe, Hirsche und Co erschreckten sich auch. Zwischen zwei der Treiber flitzten einmal wie aus dem Nichts zwei Hirsche davon. Ein paar Meter weiter rechts und sie wären in einen der Treiber gerannt. Sichtkontakt unter den Treibern sei daher wichtig.

Etwa zwei Stunden zogen die Treiber von der einen Seite des Waldes zur anderen und wieder zurück. Es ging durch dichtes Gebüsch, vorbei an abgezäunten Weißtannen-Anpflanzungen. Dass Zäune allein das Wild aber nicht vom Fressen abhalten, zeigte sich an einer Stelle. Denn die Tiere finden ihren Weg auch in die Schutzzonen. "Das Nutellabrot fürs Wild", nannte Tim Buchau die Weißtannen. Sie und andere Baumarten spielen beim Waldumbau eine wichtige Rolle. Statt der großen Fichtendominanz soll der Wald in Zukunft artenreicher und besser gegen Klima- und Umwelteinflüsse gewappnet sein.

Rund 400 der 1100 Hektar Wald lagen an diesem Tag im Fokus der Jagd. 20 Stück Rotwild, vier Stück Schwarzwild und zehn Rehe waren laut Tim Buchau im Treiben. Erlegt wurde am Ende aber nur ein Reh. Das zeigt, dass auch bei einer Drückjagd viele Faktoren zusammenspielen müssen. Die Tiere müssen sich langsam bewegen, in einem guten Schusswinkel stehen, andere Jäger, Treiber und eventuelle Erholungssuchende im Wald dürfen nicht gefährdet werden. Wildes um sich Schießen gebe es nicht.

So wie das Jagdhorn das Signal für den Beginn gab, machte es auch das Ende deutlich. Danach versammelten sich die Beteiligten erneut. Das erlegte Reh wurde Strecke gelegt. Man könnte es ein bisschen mit dem Aufbahren vergleichen. Auf Zweigen gebettet lag das Reh da. Das Jagdhorn erklang erneut. Einer der Jäger erklärte, dass es für jede Tierart eine eigene Melodie gibt. Für Kritiker ist diese Tradition eine Zurschaustellung. Doch es gehe vielmehr um Respekt gegenüber dem Tier, erläutert Buchau. In diesem Fall hielten die Jäger inne, einige nahmen ihren Hut vom Kopf.

Jäger verstehen sich auch als Naturschützer. Auch Silvia Hofmann. Die 41-Jährige war die einzige Jägerin, die an der Drückjagd in Königswalde teilnahm. Seit 15 Jahren hat sie einen Jagdschein. Sie ist damit eine von mehr als 380.000 Jägern in Deutschland. Im Hauptberuf ist sie Waldpädagogin. Das Verständnis für den Wald, das Wissen um die Natur, das Jagen - für die Steinbacherin gehört das zusammen. Geschossen hat sie bei dieser Jagd nicht. Die Gelegenheit ergab sich nicht, so sei das oft. Denn obwohl Jägern immer wieder Schießwut nachgesagt wird - warten, beobachten und ausharren entsprechen vielmehr dem Alltag eines Jägers.


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN 
2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    0
    kartracer
    30.01.2020

    @CPärchen, die Zeit ist dabei das geringste Problem, das "grüne Abitur " verlangt
    etwas mehr vom Kopf ab.
    Den Abzug betätigen zu können, reicht eben bei weitem nicht!

  • 2
    2
    CPärchen
    30.01.2020

    Danke für diesen unideologischen, sachlichen Artikel.
    Wenn ich alt bin, werde ich mir auch überlegen, Jäger zu werden, denn dafür braucht man schließlich Zeit.