Liedersingen vor 80 Jahren begründet

Günther Ruh im Weiperter Grund ist ein geschichtsträchtiges Fleckchen Erde. Nicht nur, weil dort der bekannte Heimatsänger Anton Günther eine wichtige Rolle spielt.

Bärenstein/Weipert.

Wenn Steine erzählen könnten, dann wüssten jene im Waldstück Weipert Grund viel zu berichten. Im Ziehbusch oberhalb des Grenzbaches hat das Denkmal Günther Ruh auf tschechischer Seite seinen Standort. Eine bearbeitete Gesteinsformation mit Gedenktafeln erinnert an den Volkssänger Anton Günther. Am Sonnabend treffen sich Musikanten mit Publikum aus Sachsen und Böhmen an dieser Stelle zur Neuauflage des Liedersingens. Das war Jahrzehnte keine Selbstverständlichkeit gewesen. Denn dieser Ort steht auch exemplarisch für dramatische Geschehnisse im Wandel der politischen Zeiten.

Auf den Tag genau vor 80 Jahren war die dem Sänger des Erzgebirges gewidmete Verweilstätte geweiht worden. "Am 3. Juli 1938 waren Einheimische beiderseits der Grenze dabei", erzählt Uwe Schulze. Der Bärensteiner Chronist hat sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt. "Nach der Festrede von Alois Muck wurde die Hülle von der Gedenktafel gezogen, die aus Kupfer in der Weiperter Werkstatt von Ernst Lorenz geschaffen worden war." Der Gesangsverein des Ortes hatte eine weitere Tafel mit dem Spruch "Wer sei Haamit liebt" anbringen lassen. "Ein extra komponiertes Lied wurde dargeboten. Peter Tippmann interpretierte von deutscher Seite mit der Trompete das Lied "Wo de Walder hamlich rauschen" und der Bärensteiner Max Schneider überbrachte die Grüße des Erzgebirgsvereins", berichtet Uwe Schulze. Mit dem Singen des Feierohmd-Liedes sei die feierliche Weihe beendet worden.

"Günther Ruh begründeten die Initiatoren um den Fabrikbesitzer Karl Walther Schmidl als Stätte zum Verweilen - aber auch zum Innehalten. Denn der Freitod von Anton Günther im Jahr 1937 hat die Einheimischen auch 1938 noch immer sehr bewegt. Sie zeigten so ihre Verbundenheit mit dem Heimatsänger", sagt der 49-Jährige. Die damalige Besitzerin des Ziehbusches, Hermine Englert gab ihre Zustimmung für das Projekt. Nahezu ein Jahr habe der Aufbau gedauert: "An einem von wildem Gestrüpp und zerklüftetem Fels geprägten Standort wurde eine terrassenförmige Anlage errichtet. Mehr als 2000 Kubikmeter Gestein wurden dafür bewegt. Dabei wollten die Erbauer den natürlichen Charakter erhalten", kennt Uwe Schulze die Aufzeichnungen von damals genau. Als die Anlage fertig war, versammelten sich die Menschen regelmäßig, luden Gesangsvereine zum Singen ein.

"Doch der 2. Weltkrieg stand vor der Tür. Bald hatte die Wehrmacht Tschechien besetzt", erinnert Uwe Schulze daran, dass die daraus resultierenden Konflikte tiefe Wunden geschlagen haben, die noch bis heute nachwirken. Spätestens mit Errichtung eines Sperrgebietes auf dem Areal von Weipert Grund geriet der Gedenkort in Vergessenheit. Die Natur ergriff von ihm Besitz, Gedenktafeln verschwanden, das Gelände verkam.

Mit der politischen Wende unternahm Uwe Schulze 1990 eine erste Suche danach, wie es um den Standort bestellt ist. "Klar, dass man beiderseits der Grenze andere Prioritäten setzte, als ein Denkmal für Anton Günther wieder zu herzurichten. Zumal er für die tschechische Bevölkerung kaum bekannt war." 1999 ist er fündig geworden, hat Inschriften gefunden, die dem Denkmal zuzuordnen waren. "Es hat einer gehörigen Portion Enthusiasmus bedurft, Mitstreiter zu finden. Insofern verdient es großen Respekt, in Verantwortlichen der Stadt Weipert zuverlässige Partner gefunden zu haben, die dieses Projekt mit vorantrieben", sagt er. "Im Ergebnis dieser Bemühungen ist beispielsweise der Verein Denkmalpflege Weipert gegründet worden." Der aus Baden-Württemberg stammende Michael Holzapfel habe als damals in Kühberg zugereister Gastwirt die Idee geboren, an der Günther Ruh wieder Leben einziehen zu lassen. Er habe auch den Impuls zur Vereinsgründung im Oktober 2012 gegeben.

Groß war die Genugtuung bei den Organisatoren, als 75 Jahre nach der Weihe am 3. Juli 2013 das wieder hergerichtete Denkmal eine neuerliche Einweihung erlebte. Besonderer Höhepunkt: Mit Anna Pöschl war eine hoch betagte Zeitzeugin dabei, die bereits 1938 als Mädchen mit ihrer Mandoline zur ersten Einweihung gespielt hatte.

Unmittelbar nach der Weihe wurde am 6. Juli das erste Liederfest organisiert. Seither ist es zu einem beliebten Treffpunkt geworden: "Allein im Vorjahr waren mehr als tausend Gäste aus dem gesamten Erzgebirge dabei", blickt Uwe Schulze zurück. Am Sonnabend wird es die 6. Auflage geben. Und die Organisatoren hoffen erneut auf viele Gäste.

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