"Märchen haben eine ganz eigene Kraft"

Karin Ugowksi ist Ehrenpräsidentin des 2. Internationalen Märchenfilmfestivals Fabulix und hält nichts vom Klischee des Provinztheaters

Annaberg-Buchholz.

Sie hat in mehr als 80 Theater- sowie in mehr als 150 Film- und Fernsehproduktionen mitgewirkt: Schauspielerin Karin Ugowski. Ihre wohl bekannteste Rolle aber ist und bleibt die der Goldmarie im Film "Frau Holle" von 1963. Jetzt übernimmt sie eine ganz neue Rolle. Sie ist Ehrenpräsidentin des am heutigen Mittwoch beginnenden 2. Internationalen Märchenfilmfestivals Fabulix. Antje Flath hat mit ihr über alte und neue Märchen gesprochen und wie wichtig sie für Menschen in der Stadt und auf dem Land sind.

"Freie Presse": Frau Ugowski, Sie haben das Amt der Ehrenpräsidentin für das 2. Internationale Märchenfilmfestival Fabulix übernommen. Werden damit Erinnerungen an die eigene Kinderzeit oder an eine lange schauspielerische Epoche geweckt oder beginnt damit ein ganz neues Kapitel Märchenzeit?

Karin Ugowksi: Das Kapitel Märchenzeit war nie abgeschlossen. Es ist eher so, dass man Märchen immer wieder neu für sich entdeckt, egal wie alt man ist, woher man kommt oder weise man glaubt zu sein. Sie haben eine ganz eigene, schwer erklärbare Kraft. Die Ehrenpräsidentschaft sehe ich als Unterstützung für das Festival und für kommende Generationen von Märchenfilmen an und freue mich über diese Einladung sehr. Erinnerungen werden dadurch nicht geweckt, weil es immer präsent ist und man nie vergessen sollte, woher man kommt. Dass die Märchen der 1960er Jahre der Beginn meiner schauspielerischen Laufbahn waren und sogar international bekannt sind, daran werde ich jedes Jahr immer wieder im weihnachtlichen Fernsehen erinnert. Und darüber bin ich froh, denn es ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich, dass etwas so lang währt.

Oberbürgermeister Rolf Schmidt wurde und wird von manchem belächelt für seine Idee des Festivals. Wie wichtig erachten Sie Märchen in der heutigen Zeit?

Das finde ich, macht ihn umso sympathischer. Viele gute Ideen in der Menschheitsgeschichte werden erst belächelt. Und gerade in der heutigen Zeit gibt es in der Politik weitaus "amüsantere" Entscheidungen und Positionen, als die Idee, etwas Positives für die Menschen zu machen. Wir leben in zynischen Zeiten, in denen Menschen zu vergessen scheinen, wie wichtig es ist, auch mal die "Fronten" zu verlassen und an etwas Schönes zu denken. Sonst werden wir alle zu Karikaturen unserer Positionen und Kämpfe. Märchen sind so herrlich "entwaffnend" und sind nicht nur für die "kleinen" Kinder wichtig, auch für die großen.

Sie waren unter anderem die Goldmarie in der Kino-Verfilmung "Frau Holle" von 1963, die heute noch zum regelmäßigen weihnachtlichen Fernsehprogramm gehört. Wie erklären Sie sich die Faszination dieser Filme?

Es hat etwas mit der besonderen Art und Weise der Verfilmungen zu tun. Mit der damals bewusst und gewollt getroffenen Entscheidung, die Filme nicht zu überladen. Raum für die Fantasie der Zuschauer zu lassen. Für viele ist das heute in der überladenen Zeit eine wahre Erholung für die Augen. Und gerade zur Weihnachtszeit sehnt man sich nach weniger hektischen Einflüssen. Aber das war gar nicht so einfach, wie es aussieht. Wer sich mit dem Erzählen von Geschichten, insbesondere auf der Leinwand, ein wenig auskennt, weiß, dass die Kunst des Weglassens eine ganz besondere Herausforderung an alle Beteiligten stellt.

Welches Konzept braucht es aus Ihrer Sicht, dass ein Festival wie Fabulix erfolgreich bleibt?

Na, vor allem braucht es gute Filme. Zur Umsetzung kann ich nur sagen: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Da ich kein Festival-Veranstalter bin, wäre es vermessen, dazu öffentlich Vorschläge zu machen. Gute Ideen haben viele Menschen. Vorschläge und Ratschläge leider oft auch. Auch ungebeten. Aber sie umzusetzen und dafür täglich zu arbeiten, dazu sind nicht mehr ganz so viele bereit. Und dann gibt es natürlich noch den Glücksmoment: Entweder es klappt alles wie angedacht oder nicht.

Welche Rolle spielen Märchen heute noch in Ihrem Leben?

Sie sind durch meine Anfänge für mich immer gegenwärtig. Aber davon abgesehen haben sie für mich als Leser vieler Bücher und als Schauspielerin, die sich auch für Stoffentwicklung interessiert und sich auch mit Literatur auf verschiedenen Ebenen auseinandersetzt, nicht nur für Lesungen und Bühnenprogramme, auch im weiteren Sinne, immer eine interessante Erzählart dargestellt. Man denkt bei Märchen immer an die Klassiker und typischen Erzählarten. Dabei gibt es unglaublich viele Facetten von Märchen - auch wirklich knifflige oder von anderen Kulturen geprägte oder gar experimentelle Varianten. Auch Schriftsteller machen den Fehler nicht, Märchen zu unterschätzen und benutzen den Stil für ihre verschiedenen Ausdrucksformen. Von daher bleibt es immer spannend um das Erzählkonzept von Märchen herum - für jede Altersklasse.

Sie sind selbst eine engagierte Kunst- und Kulturförderin - unter anderem auf ihren Künstlerhof Grammentin am Kummerower See. Wie wichtig ist es, Kunst und Kultur gerade auch in den ländlichen Regionen und kleineren Städten wie eben Annaberg-Buchholz zu erhalten?

Sehr wichtig! Vor allem ist es ein sehr offenes Feld. Ganz anders als in der Großstadt, wo der Zynismus und das "Geschäft" mit der Kunst viel festgezurrter, starrer und oft auch oberflächlicher und hektischer abgearbeitet wird. Und wir haben da ja in den zurückliegenden Jahrzehnten ein Umdenken in der modernen Gesellschaft erlebt. Es gibt ja nicht nur die Landflucht, sondern inzwischen ganz oft auch eine gut begründete Stadtflucht. Kunst und Kultur verhalten sich dabei wie alle Dinge in der Natur: Da, wo sie Raum bekommen, können sie sich entfalten. Es ist oft überraschend, was in kleineren Städten an den Theatern alles auf die Beine gestellt wird. Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die sagen mir sogar hinter vorgehaltener Hand: Hier darf ich wenigstens noch richtig spielen auf der Bühne! Das oft zitierte "Provinztheater", wie man früher gesagt hat, dieses Klischee stimmt schon lang nicht mehr. Aber ich ziehe nichts vor. Es gibt keine Vorlieben. Man darf nicht vergessen, dass ich im Herzen auch ein Stück weit Großstädter bin. Kunst und Kultur sollten überall gepflegt und berücksichtigt werden und richtigen Raum bekommen, sonst "trocknet" der Mensch aus. Egal, ob in der Stadt oder auf dem Land.

Wird an den Festivaltagen neben ihren präsidialen Verpflichtungen noch Zeit bleiben, um sich einige Märchenfilme anzuschauen? Und hat Karin Ugowski möglicherweise schon einen Lieblingsfilm auserkoren?

Als Ehrenpräsidentin darf ich natürlich keinem Film einen Vorzug geben. Das versteht sich von selbst. Aber ich fürchte auch, dass ich es neben den Terminen nicht schaffen werde, alle Filme zu sehen, die mich interessieren würden. Aber, so viel darf ich sagen: Ich freue mich auch hier über die Vielseitigkeit. Zum Beispiel, dass auch ein neuerer Film von den Machern des großartigen irischen Films "Brendan und das Geheimnis von Kells" dabei ist. Neue Ideen müssen gefördert werden, egal von wo sie kommen. Ich bin mir sicher, dass alle Filme, die bei Fabulix gezeigt werden, großartige Filme sind. Da sind ja richtige Märchenliebhaber am Werk. Die Zuschauer und Besucher des Festivals werden viel zu bestaunen haben, und ich freue mich, dieses tolle Ereignis unterstützen zu können.


Zur Person

Karin Ugowksi, Jahrgang 1943, wuchs in Berlin-Johannisthal auf und studierte von 1962 bis 1965 Schauspiel an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam Babelsberg. Sie hat bisher in mehr als 80 Theater- sowie 150 Film- und Fernsehproduktionen mitgewirkt. Zu ihren bekanntesten Rollen gehören die Goldmarie im Märchen "Frau Holle" und als Prinzessin Roswitha in "König Drosselbart". Sie lebt mit ihrem Mann Günter Horn am Kummerower See.

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