Mann lauert Stunden in Boot Dieb auf

Eigentlich geht es nur um einen beschädigten Außenbordmotor. Doch die Kleinkriminellen-Story ist wirklich skurril. In den Hauptrollen: Ein Jahnsdorfer mit einem Kajütboot, ein Angeklagter, ein möglicher Helfer, zwei Mercedes, drei verdächtige Alibizeugen - und eine Amtsrichterin, die irgendwie ein Urteil fällen muss.

Jahnsdorf.

Eine Stunde hat Martin P. am Montag seine Geschichte erzählt, im Raum 16 am Amtsgericht Stollberg. P. besitzt ein Kajütboot mit Außenbordmotor. Eines Tages stellte er fest, dass jemand sämtliche Kabel durchtrennt hatte, der Motor aber noch da war, jedoch nicht mehr befestigt gewesen ist. "Ich rief die Polizei, die schauten sich alles an und gingen wieder. Falls der Täter wiederkäme, sollte ich anrufen - aber nicht handgreiflich werden."

Am Montag saß nun der mutmaßliche Täter - ein Mann aus Chemnitz - auf der Anklagebank. Vorwurf: Diebstahl. Klingt nach typischer Verhandlung, wie sie an einem deutschen Amtsgericht dutzendfach pro Woche verhandelt werden. Doch dem ist nicht so. Ganz im Gegenteil.

Aber von vorn: Die Tatzeit der Sachbeschädigung mit den durchtrennten Kabeln liegt zwischen 19 Uhr am 24. April 2017 und 19 Uhr am 25. April 2017. Martin P. liebt sein Kajütboot, also ergriff er damals die Initiative, um Schlimmeres zu verhindern: "Ich legte mich am folgenden Abend unter die Schutzplane in mein Boot und wartete. Es war ja durchaus denkbar, der Täter kommt nachts wieder und nimmt nun den Motor mit." Diesen Motor habe er in Sicherheit gebracht, unter der gewölbten Plane lag als Tarnung nur ein altes Fass.

Und tatsächlich: Gegen 23 Uhr raschelte es, P. sprang aus seinem Versteck und schnappte sich einen älteren Mann. "Ich habe gleichzeitig einen Notruf an die Polizei abgesetzt, damit die alles mithören konnten." Dann habe er sich das Nummernschild von dessen Mercedes aufgeschrieben und den Ertappten schließlich gehen lassen. Denn P. ist ja kein Polizeibeamter, sondern Handwerker. "Der Mann sagte, er habe sich angeblich nur für den Pferdeanhänger auf meinem Grundstück interessiert." P. schüttelte am Montag den Kopf. "Na klar. 23 Uhr, im Dunkeln. Auf fremdem Areal."

Nur: Der Angeklagte streitet die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft ab, die besagen: Er sei derjenige, der die Kabel des Motors durchschnitten habe. Dann sei er am nächsten Abend wiedergekommen und erwischt worden. Die Theorie wäre abwegig, er sei eine Stunde vor Mitternacht tatsächlich nur auf dem Grundstück von P. gewesen, um sich einen Pferdeanhänger anzusehen.

Das Problem: Das Auftauchen des Mannes bei P. an jenem Abend ist gar nicht Teil der Anklage. Sondern nur die Kabelbeschädigung den Abend/die Nacht zuvor. Nur, für diese Tatzeit hat die Verteidigung Zeugen, die bestätigen wollen, dass der Angeklagte gar nicht in Sachsen war, ergo die Außenbordmotorkabel eines Kajütbootes in Jahnsdorf gar nicht gekappt haben konnte. Zum einen sagt dies seine Verlobte, die mit dem möglichen Täter in Halle bei Freuden gewesen sein will - zum anderen das befreundete Gastgeber-Paar der beiden. Die Schlussfolgerung könnte sein: Wenn der Chemnitzer den Motor nicht beschädigt hat, warum sollte er dann auf das Grundstück? Ist die skurrile Ausrede mit dem Pferdeanhänger gar keine Ausrede?

Sonderbar aus Sicht des Gerichts: Die zwei Zeuginnen sagten zur polizeilichen Vernehmung noch aus, dass der Angeklagte schon viel früher am 25. April nicht mehr in Halle war. Am Montag revidierten alle aber ihre Worte. Sonderbar auch: Zwischen den Männern der Paare gab es am 15. September einen Anruf, wo es womöglich eine Absprache gegeben haben könnte. Zumindest läuft ein Verfahren wegen möglicher Falschangaben. Auch eine Beamtin, die am Montag als Zeugin zu den Vernehmungen aussagte, habe den "Eindruck von Absprachen gehabt." Die Verteidigung wies dies als haltlose Unterstellung zurück.

Wenn es aber der Angeklagte nicht gewesen ist, wer hat dann die Kabel des Außenbordmotors durchtrennt? Im Laufe der Verhandlung war am Montag noch von einem zweiten Mercedes die Rede, mit einem anderen Kennzeichen - und einer dicken Person. Wagen und Fahrer sind dem Nachbarn von P. offenkundig aufgefallen, weil in der kleinen Seitenstraße im Dorf ein langsamfahrendes fremdes Auto nun mal auffällt. Dieser Nachbar ist als Zeuge nun zur nächsten Verhandlung kommenden Montag geladen.

Um die Geschichte vollends verrückt zu machen, legte der Verteidiger am Montag noch ein Attest eine Orthopäden vor, welches bescheinigt, dass der Angeklagte körperlich gar nicht fähig sei, mehr als 20 Kilo zu tragen. Der Motor aber hat laut Martin P. etwa ein dreifaches Gewicht.

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