Mehr Naturschutz ja - aber freiwillig

In einer Onlinebefragung der Landkreisverwaltung haben sich fast 65 Prozent der Beteiligten für ein Naturschutzgroßprojekt im Erzgebirgskreis ausgesprochen. Umstritten ist das Vorhaben dennoch.

Sehmatal/Oberwiesenthal.

Es wird nach wie vor zum Teil heftig diskutiert: ein mögliches Naturschutzgroßprojekt im Erzgebirgskreis. Bei den Mitgliedern des Gemeinderates von Sehmatal wurde es nach der erneuten Behandlung im Gremium mehrheitlich als "große Chance für die Region" bewertet. In Oberwiesenthal steht man dem Vorhaben dagegen noch skeptisch gegenüber. Im dortigen Stadtrat soll über das Thema heute Abend öffentlich diskutiert werden. Unterdessen werden im Landratsamt die Ergebnisse der ersten Bürgerbeteiligung ausgewertet. Bis zur Sitzung des Kreistages im März soll dem Gremium eine Entscheidungsgrundlage vorgelegt werden, ob im Erzgebirgskreis ein solches Naturschutzgroßprojekt in Angriff genommen wird.

Ein erstes Stimmungsbild bietet die Online-Bürgerbefragung des hiesigen Landratsamtes, zu der bisher 554 Fragebögen eingegangen sind. Von den Beteiligten sprachen sich 64,8 Prozent uneingeschränkt für das Naturschutzgroßprojekt aus, 9 Prozent mit Vorbehalten. 22,9 Prozent sagen Nein zu einem solchen Vorhaben. Noch deutlich mehr - 77,5 Prozent - messen der Erhaltung der biologischen Vielfalt im Erzgebirgskreis hohe Bedeutung bei. Weitere 19,6 Prozent immerhin noch mittlere Bedeutung. Die Mehrheit der Beteiligten sieht in dem Projekt auch einen hohen Mehrwert für den Naturtourismus, für regionale Kreisläufe und für den Erhalt der Kulturlandschaft.

Die Historie der Idee für ein solches millionenschweres Großprojekt reicht bis 2012 zurück. Damals gab es laut Claudia Pommer vom Naturschutzzentrum Erzgebirge erste Überlegungen dazu vom Verein Sächsischer Heimatschutz - einem der Flächeneigentümer im Erzgebirgskreis. Eine Chance, die auch vom Bundesamt für Naturschutz gesehen und vom zuständigen sächsischen Umweltministerium befürwortet wurde. 2017 wurde die nun vorliegende Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. In deren Rahmen haben sich drei förderfähige Gebiete herauskristallisiert.

Die drei Gebiete weisen eine ganz unterschiedliche Charakteristik aus. Der "Offenlandverbund von Elterlein bis Oberwiesenthal" umfasst etwa eine Fläche von 3150 Hektar und bietet aktuell noch das größte Potenzial für Schutzflächen. Im Gegensatz dazu bilden die "Bergwiesen und Moore des Kammbereiches von Satzung bis Rübenau" mit annähernd 1700 Hektar Fläche die kleinste Einheit. Die beiden Gebiete haben bei der Bürgerbefragung den größten Zuspruch erhalten. Deutlich weniger Zustimmung fand dagegen die "Steinrücken- und Heckenlandschaft um Annaberg-Buchholz, Königswalde und Mildenau" - ein Areal von etwa 3600 Hektar.

Möglichkeiten zur Umsetzung gibt es verschiedene, erläutert Angela Stolz. Sie ist die zuständige Leiterin des Sachgebietes für Naturschutz und Landwirtschaft im Erzgebirgskreis. Eine Variante sei der Ankauf von Flächen durch den künftigen Projektträger beziehungsweise der Tausch von Flächen. Beides erfolge ausschließlich auf freiwilliger Basis. "Es wird nichts übergestülpt", betont Angela Stolz. Und es gehe keinesfalls darum, wertvolles Ackerland zu vernichten, hält sie entsprechenden Argumentationen entgegen. Der Kaufpreis richte sich dabei nach dem "marktüblichen Verkehrswert". Eine weitere Möglichkeit: langjährige Pachtverträge - in der Regel mehr als 30 Jahre. Dabei sei die Auszahlung der Pacht in mehreren Raten möglich, aber auch als Einmalzahlung. Damit habe man im Osterzgebirge gute Erfahrungen gemacht, wo ein solches Großprojekt schon realisiert wurde.

Konkrete Maßnahmen in Sachen Naturschutz im möglichen Schutzgebiet sind viele möglich: Als ein Beispiel wird die sogenannte Ersteinrichtung genannt, bei der verbuschte Flächen wieder nutzbar gemacht werden. Steinrücken und Hecken könnten gepflegt werden - auch als Winterarbeit. Kleinteiche anlegen oder Gewässer renaturieren gehöre ebenso zu den Möglichkeiten wie Grünland zu extensivieren und wieder aufzuwerten. Auch Artenschutz sei ganz konkret möglich, zum Beispiel durch die Wiederansiedlung des Goldenen Scheckenfalters. Weiterführend ist für Angela Stolz und Claudia Pommer sogar der Aufbau einer eigenen Regionalmarke denkbar. Darüber könnten Produkte vermarktet werden, die innerhalb des Schutzgebietes hergestellt werden.

Die finanzielle Ausstattung wird als gut bewertet. Dabei stellt das Bundesamt für Naturschutz mit 14 Millionen Euro jährlich für alle entsprechenden Naturschutzprojekte in der Bundesrepublik den Löwenanteil. Die Förderung beläuft sich dabei auf maximal 75 Prozent. Das jeweilige Bundesland und der Projektträger finanzieren die verbleibenden 25 Prozent. Im Detail kalkuliert die Landkreisverwaltung für die Phase 1 - die Pflege- und Entwicklungsplanung - für die Dauer von zwei bis drei Jahren mit bis zu 200.000 Euro Bundesförderung pro Jahr. Daraus würde sich ein Eigenanteil von annähernd 20.000 Euro pro Jahr ergeben. In der Projektumsetzung könnten bis zum Ende des auf zehn Jahre angelegten Vorhabens bis zu eine Million Euro pro Jahr aus der Bundesförderung fließen. Der Eigenanteil für den Projektträger beliefe sich dann auf 100.000 Euro pro Jahr. Auf diese Summe werden auch die danach kontinuierlich anfallenden Kosten geschätzt.

Stellungnahmen zum geplanten Naturschutzgroßprojekt können noch bis Ende Januar eingereicht werden. In der öffentlichen Sitzung des Stadtrates von Oberwiesenthal wird es dazu am heutigen Dienstagabend noch einmal Fachinformationen von Angela Stolz geben. Die Sitzung beginnt 19.45 Uhr im Wiesenthaler K 3.


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