Meisterstück punktet mit Göttin Artemis

Jennifer Sieber aus Crottendorf ist in der Glasschleiferei ihres Vaters mit aufgewachsen. Nun arbeitet sie selbst dort, will den Betrieb später in vierter Generation weiterführen. Eine wichtige Etappe auf dem Weg zum Meistertitel hat sie jetzt mit einer einzigartigen Bleiverglasung geschafft. Gefragt ist aber noch eine ganz andere Idee von ihr.

Crottendorf.

Noch steht es etwa 230 Kilometer entfernt in der Glasfachschule im bayrischen Zwiesel. Doch in einigen Wochen will Jennifer Sieber ihr Meisterstück nach Hause holen - in die Werkstatt der Glasschleiferei Sieber in Crottendorf, die ihr Vater Uwe leitet und in der sie schon als Kind mit aufgewachsen ist. Heute arbeitet sie selbst dort und will das Unternehmen später einmal weiterführen. Für ihre praktische Meisterprüfungsarbeit hat sie Artemis - die griechische Göttin des Waldes, der Jagd, des Mondes und der Geburt - als Motiv ausgewählt. Entstanden ist eine Bleiverglasung mit Glasmalerei, für deren Gestaltung sie nach einigen Vorbereitungen nur eine Woche Zeit hatte. "Das war wirklich knapp, es hätte nichts schiefgehen dürfen", sagt die 24-Jährige. Doch ihr Plan ging auf, das fertige Werk wurde mit einer 1 bewertet. Ein wichtiger Schritt hin auf dem Weg zur Glasveredlermeisterin.

Bevor sie Hand anlegen konnte, war einiges an Vorarbeit notwendig. So kam das Teakholz für die Halterung zum Beispiel aus Zschopau und wurde in Pöhla verbunden. Das wichtigste Material - die Echt-Antikgläser - suchte Jennifer Sieber in der Glashütte Lamberts in Waldsassen heraus. "Das ist mundgeblasenes Farbglas", erklärt die junge Frau. Zudem habe es eine charakteristische Oberflächenstruktur. Zwar verwendete sie für die verschiedenen Teile wie das Kleid oder den Fluss farbiges Glas, aber sie griff auch zum Pinsel, um zum Beispiel Konturen und Schattierungen herauszuarbeiten. Die Gläser wurden mehrfach bemalt und bei 600 Grad Celsius gebrannt, nachdem sie nach Schablonen zugeschnitten und bis zur genauen Form geschliffen worden waren. Durch das Verbinden mit Bleiruten, die gebogen und ineinander gesteckt werden, entstand die Bleiverglasung als Ganzes. Zum Schluss wurde diese noch verlötet und verkittet, ehe das etwa 90 mal 60 Zentimeter große Gesamtwerk vor ihr stand.

Bis Jennifer Sieber ihren Meistertitel hat, wird aber noch einige Zeit vergehen. Zwar hat sie auch die fachtheoretische Prüfung bereits mit der Note 2 absolviert, "aber es fehlen noch zwei allgemeinere Teile, darunter Betriebswirtschaft", sagt sie. Ab Ende des Jahres möchte sie diese in Annaberg-Buchholz berufsbegleitend absolvieren. Klappt alles, kann sie sich 2021 Glasveredlermeisterin nennen. Dass sie diese Richtung gewählt hat, entschied sich relativ früh. Nicht nur, weil sie die Arbeit von Kindesbeinen an miterlebte. "Ich war in der Schule gut im Fach Kunst. Da bot sich die Idee an, das beruflich mit Glas zu verbinden", sagt die Crottendorferin.

Heute tut sie das auch mit eigenen Ideen, zu denen etwa Glas-Schwibbögen mit LED-Beleuchtung gehören. Diese entstehen durch eine Kombination aus Sandstrahlung und Glasmalerei. "Die Nachfrage danach ist hoch", sagt Jennifer Sieber. Die Unikate, die nicht nur mit weihnachtlichen, sondern meist mit persönlichen Motiven wie dem eigenen Hund gestaltet werden, bleiben teilweise das ganze Jahr stehen. Ehe solch ein Exemplar fertig ist, wird es mehrfach mit Glasschmelzfarben bemalt - mit Pinsel oder Feder. Dazwischen muss der Schwibbogen immer wieder in den Ofen, wo er ebenso in Etappen gebrannt wird. Etwa fünf bis neun Stunden dauert die Arbeit an einem solchen besonderen Stück. "Ein ein Meter breiter Schwibbogen war bisher der größte, den ich angefertigt habe. Er muss ja noch in den Ofen passen", erklärt die Glasveredlerin, die diesen Beruf von 2012 bis 2015 in der Fachrichtung Glasmalerei und Kunstverglasung gelernt hat. Sie schloss darin als beste Absolventin ihres Jahrgangs im Bereich der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz ab.

Heute arbeitet sie in der Außenstelle Bleiverglasung/Glasmalerei der Glasschleiferei Sieber, die an zwei Standorten in Crottendorf vertreten ist und zehn Beschäftigte hat. Ihr Vater Uwe Sieber übernahm den Betrieb, der seit 1939 besteht, von ihrem Opa. Jennifer Sieber will ihn einmal in vierter Generation weiterführen. Hergestellt werden zahlreiche Produkte - das reicht von Glastüren über Küchen-Rückwände bis zu Glas-Überdachungen und Bleiverglasungen. "Mein Metier ist vor allem die Glasmalerei", sagt sie. Genau die richtige Entscheidung für sie. "Es war mega, als mein Meisterstück vor mir stand. Ich finde es toll, etwas selbst zu erschaffen."


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN 
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.