Mit Motorsäge und Pferdestärke: Forst kämpft gegen die Zeit

Die Aufarbeitung der Sturmschäden in den hiesigen Wäldern ist gut vorangekommen. Nicht immer kann und soll dabei schwere Technik eingesetzt werden. Doch die Uhr tickt - denn es geht auch um die Bedrohung durch den Borkenkäfer. Aber was hat der Schädling mit längst vergangenen Unwettern zu tun?

Neudorf/Rittersgrün.

Fritz, dreieinhalb Jahre, hat noch nicht oft im Wald gearbeitet. Doch er sammelt fleißig Erfahrungen. Am Ende dieses Sommertages wird das Belgische Kaltblut 180 einzelne Baumstücke durch das unwegsame Gelände im Forst bei Rittersgrün gezogen haben. "Wir fangen mit leichteren Holzstücken an. Körperlich ist die Arbeit für ihn nicht so anstrengend. Das Konzentrieren und auf die Stimme hören ist die Herausforderung", sagt Lea Meinhold. Die 21-jährige angehende Pferdewirtin unterstützt mit ihrem Fritz, Vertreter seiner Rasse gelten als mächtige und sanfte Arbeitspferde, den Staatsbetrieb Sachsenforst und seine Auftragnehmer bei der Aufarbeitung der Schäden, die die Stürme Herwart und Friederike angerichtet haben. Doch es ist ein Kampf gegen die Zeit.

Rückblick: Am 29. Oktober 2017 und am 18. Januar dieses Jahres fällten die Naturgewalten in den Landeswaldflächen des Forstbezirks Neudorf, der sich auf einem riesigen Gebiet zwischen Schwarzenberg und Jöhstadt sowie Gelenau und Oberwiesenthal erstreckt, Tausende Bäume, insgesamt 80.000 Festmeter Holz. Am heftigsten erwischte es die Reviere Rittersgrün und Grumbach, die übrigen meldeten keine größeren betroffenen Flächen. "Diese Verteilung ist auch ein Stück weit Zufall", sagt Birgit Blaschkewitz (38), Referentin im Forstbezirk. Allerdings seien frisch durchforstete Stellen, wo das Wurzelgefüge der Bäume nicht so stark ist, anfälliger.

Mit der Sturmholzaufarbeitung kommen der Sachsenforst und seine Auftragnehmer im Forstbezirk Neudorf gut voran, wie Birgit Blaschkewitz sagt, drei Viertel der Arbeiten seien erledigt. Allein würde das der Staatsbetrieb nicht schaffen, in vier von fünf Fällen erledigen das nach Ausschreibung Unternehmer, meist kleine Mittelständler aus der Region. Thomas Pohl (40) ist Chef von einem dieser Betriebe. Der Schwarzenberger beschäftigt als Forstdienstleister eine Handvoll Mitarbeiter. An diesem Tag arbeitet er mit der Motorsäge. Denn nicht jeder Waldabschnitt, in dem der Sturm zugeschlagen hat, ist für schweres Gerät wie Harvester oder Gebirgsharvester geeignet - und es soll möglichst bodenschonend gearbeitet werden.

So wird knapp ein Drittel des Sturmschadens händisch abgearbeitet - in der Hälfte dieser Fälle wiederum kommen Pferde wie Fritz zum Einsatz, die die Bäume durch sogenannte Rückegassen zu Sammelplätzen ziehen. Von dort werden sie von einem Tragschlepper zum eigentlichen Lagerplatz, dem Polterplatz, geschafft.

Die Arbeit von Männern wie Thomas Pohl ist indes lebensgefährlich. Trotz professioneller Arbeitsweise besteht das Risiko, dass ein Baum anders fällt als geplant. Heute hat er einen Stamm erwischt, der innerlich verfault war. Das Holz reißt, doch zum Glück kippt der Baum innerhalb der vorgesehenen Gasse.

Für ihn ein Grund mehr, an Waldbesucher zu appellieren, sich unbedingt an Sperrungen zu halten: "Die Unvernunft ist größer als früher. Vielen ist die Gefahr nicht klar." Es müsse mindestens eine doppelte Baumlänge Abstand gehalten werden. Denn fällt ein Baum gegen einen anderen, kann er diesen mit umreißen, wenn er morsch ist. Und auch bei einem Harvester gilt: Abstand halten. Pohl: "Die Bäume kommen hinten rausgeschossen wie eine Rakete." Es drohten schwerste Verletzungen.

Derweil entspricht das, was die Stürme Herwart und Friederike gefällt haben, der Hälfte des geplanten Jahreseinschlags im Forstbezirk. Der Löwenanteil dieser Bäume, fast ausschließlich Fichten, wird in Sägewerken landen und zu Kanthölzern, Brettern und Leisten verarbeitet werden. Reich wird der Sachsenforst dadurch nicht: Ohne Abzug aller Kosten bringt eine durchschnittliche Fichte um die 50 Euro.

Bei der Aufarbeitung drängt die Zeit, denn der Borkenkäfer sitzt in den Startlöchern - und liegendes Holz macht es ihm besonders einfach. Abgestorbene Bäume produzieren kein Harz mehr, welches die sich in die Rinde bohrenden Eindringlinge abwehren könnte. "Bei liegendem Holz reichen schon wenige Bäume auf einer großen Fläche, um zum echten Problem zu werden", sagt Birgit Blaschkewitz vom Sachsenforst.

Die Folge: Die Käfer legen ungestört Brutgänge an, vermehren sich massenhaft und können ganze Waldstriche befallen. Bei gesunden Bäumen zerstören sie die saftführenden Schichten. Erst stirbt die Krone ab, später der ganze Baum. Trockenes und warmes Wetter verschärft das Problem, weil Wassermangel die Harzproduktion drosselt.

Doch Kaltblut Fritz und die Waldarbeiter geben alles, um die Gefahr einzudämmen. Das Ziel: Bis Mitte August soll möglichst kein Sturmholz mehr im Wald liegen, das der nächsten Borkenkäfergeneration Unterschlupf bietet. Ob die Schädlingsinvasion gestoppt werden kann, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

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