Modegestalterin Möckel löst Rätsel um frühe sexy Bikinis

Ein Bademodenexperte von der Ostsee ist auf Bikinis aus dem Erzgebirge gestoßen, die nach seiner Ansicht ihrer Zeit voraus waren. Doch ist das wirklich so?"Freie Presse" sprach mit Machern von damals - sie gewähren interessante Einblicke in die Modewelt der DDR.

Annaberg-Buchholz/Jahnsbach.

War das Erzgebirge in Sachen Bademoden seiner Zeit voraus? Anders gefragt: Waren die Bikinis früher sexyer geschnitten als anderswo? Das treibt Bademodenexperte Jürgen Kraft aus Seebad Ahlbeck um, seitdem er kürzlich auf eine DDR-Zeitschrift aus dem Jahr 1963 gestoßen ist. Die Juni-Ausgabe der "Neuen Berliner Illustrierten" zeigt Fotos, auf denen hübsche Frauen im knappen Bikini posieren - nach Krafts Ansicht eine für die damalige Zeit ungewöhnliche Freizügigkeit. Antworten erhofft er sich von der Modegestalterin Möckel. Sie wird in dem Artikel mit den Stücken in Zusammenhang gebracht, soll für den VEB Miederwaren Thum gearbeitet haben ("Freie Presse" berichtete).

Die Resonanz auf den Zeitungsartikel Ende Januar war enorm. Viele Leser riefen in der Redaktion an oder schrieben, berichteten von der Arbeit in Textilbetrieben oder erzählten interessante Erfahrungen. Dank ihrer Hilfe führte die Spur letztendlich zu Menschen, die damals direkt dabei waren. Unter ihnen eine 88-jährige Modedesignerin. Ihr Name: Jutta Möckel.


Und die gebürtige Chemnitzerin brennt auch nach Jahrzehnten für ihre Profession. "Es war für mich nie Arbeit", sagt Jutta Möckel. Noch 2009 entwarf sie für das Modeunternehmen Walbusch Bikinis und Miederwaren. Gelernt hat sie das Einmaleins des Modemachens beim Studium in Berlin, schnupperte vorher ein Jahr lang Praxisluft in Betrieben. "Damals habe ich mitbekommen, wie wichtig für die Näherinnen exakte Schnitte sind", sagt Jutta Möckel. "Es muss auf den Millimeter stimmen, damit man an der Maschine nicht zu sehr zusammenschieben muss." Ihre Arbeit führte die junge Designerin zu Modemessen nach Moskau und Köln. Und die Kollektionen von Miederwaren und Badebekleidung, die sie während ihrer Karriere ersann, waren auch im Ausland gefragt.

Jutta Möckel entwarf ihre Muster zu Hause, schickte sie mit dem Linienbus nach Jahnsbach. Ob für die Thumak und später VEB Thumer Miederwarenfabrik sowie Oswald Hofmann KG und dann VEB Strandmoden Jahnsbach: Jutta Möckel lebte ihren Beruf. Wenn ihr Mann sich spät abends beschwerte, dass sie zu viel arbeitete, legte sie sich mit ins Bett. Sobald er schlief, schlich sie wieder zu ihren Schnittmustern. "Wegen mir konnte die Arbeit im Betrieb nicht stillstehen", erzählt Jutta Möckel mit einem Augenzwinkern.

Ihre Modelle aus der "Neuen Berliner Illustrierten" erkennt sie mehr als 50 Jahre später wieder. Waren sie für die damalige Zeit gewagt? Durchaus, glaubt die 88-Jährige. Das Bikinihöschen ging ja nicht derart hoch, wie bei anderen Modellen üblich war. Doch die Zeiten änderten sich eben. "Es kam darauf an, was die Kunden wollten."

Was die Kunden wollten, weiß Brigitta Lieberwirth (67) aus dem Effeff. Die Gelenauerin machte eine mustergültige Karriere. Sie begann in Jahnsbach als Näherin, studierte Bekleidungstechnik, wurde Leiterin der Technologie und leitete schließlich das Jahnsbacher Werk. "Die Russen etwa mochten es nicht ganz so aufgedeckt und eher kompakt", erzählt Brigitta Lieberwirth über die modischen Vorlieben beim Großen Bruder. In Glanzzeiten habe man 320.000 Bikinis und Badeanzüge im Jahr in die UdSSR geliefert. Modegestalterin Jutta Möckel passte die Muster entsprechend an. "Sie hatte eine persönliche Handschrift, machte für die breite Masse modische Bikinis, die gleichzeitig nicht zu sehr auf Sex aus waren", erinnert sich Brigitta Lieberwirth. Doch was ist nun mit der These des Bademodensammlers Jürgen Kraft? Er sagte, dass der Bikini eigentlich erst seinen Siegeszug antrat, nachdem Ursula Andress im James-Bond-Streifen im weißen Bikini den Fluten entstieg. Das war 1962. Hinter den erzgebirgischen Bikinis aus der Zeitschrift vermutet er eine Kleinserie oder Designerobjekte.

Stimmt nicht, sagt Brigitta Lieberwirth. Sie holt ein Album hervor, das vor einzigartigen Bildern strotzt. Hochwertige Schwarzweiß-Fotografien von Models, die die in Jahnsbach gefertigten Bademoden tragen. Die Bilder, fein säuberlich mit Jahreszahlen datiert, dokumentieren: Das Erzgebirge konnte sexy - auch schon vor den Bond-Girls. War Bikini-Modell Amrum von 1957 noch mit recht weitem, fast rockartigem Höschen versehen, ging es obenrum schon knapper zu. Und Modell "Südsee" von 1961 hätte auch im Bond-Film eine gute Figur gemacht.

Dass die Bikinihöschen freilich noch nicht ganz so knapp waren wie bei Ursula Andress, lag auch am verfügbaren Material. Unflexibel wie es war, mussten die Bademoden größer geschnitten und mit Gummis versetzt werden, damit die Trägerin hineinschlüpfen konnte. Erst Ende der 1960er, Anfang der 1970er wurde es elastischer. "Das war richtig revolutionär und ermöglichte ganz neue Schnitte", sagt Brigitta Lieberwirth.

Auch ihre langjährige Weggefährtin, die Modedesignerin Jutta Möckel, erinnert sich noch gern an die spannenden Zeiten in der Modebranche von damals. Die 88-Jährige lächelt. "Wenn ich einmal wieder auf die Welt komme", sagt sie, "möchte ich meinen Beruf unbedingt wieder machen."

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