Motordiebstahl: Richterin ordnet Haftstrafe an

Obwohl Verteidigung und Staatsanwaltschaft Freispruch forderten, soll der Angeklagte für acht Monate ins Gefängnis. Ein außergewöhnliches Urteil in einem verzwickten Fall.

Stollberg.

Richterin Heidemarie Schmidt-Lammert verurteilte den Angeklagten, der mutmaßlich spätabends am 25. Aprils 2018 den Außenbord-Motor eines Kajütbootes in Leukersdorf stehlen wollte, zu acht Monaten Haftstrafe. Sie stellte sich gegen Staatsanwaltschaft und Verteidigung - beide hatten vorher mangels eindeutiger Beweise auf Freispruch plädiert. Mit ihrem Urteil hat ein scheinbar kleiner Fall - der jedoch äußerst verzwickt ist - ein vorerst überraschendes Ende gefunden. Vorerst deshalb, weil erwartbar ist, dass die Verteidigung den Richterspruch anfechten wird.

Was war geschehen? An jenem 25. April hatte sich Martin P. in seinem Kajütboot versteckt. Denn einen knappen Tag zuvor hatte er die Kabel seines Außenbord-Motors durchschnitten gefunden. P. hoffte, dass der Täter wiederkommt und sich seine bereits mitnahmebereite Beute nun auch holen würde. Gegen 23 Uhr konnte er den späteren Angeklagten tatsächlich stellen, als dieser sich an der Plane des Bootes zu schaffen machte. Der Ertappte stammelte, er wolle sich einen Pferdeanhänger auf dem Areal anschauen.

Doch nun wird es kompliziert. Der Angeklagte hatte für die Tatzeit, als die Kabel durchtrennt wurden, ein Alibi. Auch die Schnittmuster an den Kabeln stimmten nicht mit dem beim Angeklagten gefundenen Werkzeug überein. Zudem hatte er in der folgenden Nacht sein Auto 150 Meter vom Tatort geparkt - niemand, so die Verteidigung, parke so weit, um dann einen 60-Kilo-Motor zu schleppen. Zumal der Angeklagte ein ärztliches Attest hatte, nur bis 20 Kilo tragen zu können.

Die Staatsanwaltschaft ließ, weil sie dem Angeklagten die Motor-Beschädigung nicht sicher nachweisen konnte, ihre Anklage fallen. "Nur, was wollte er denn sonst in jener Nacht an dem Kajütboot?" Genau diese Frage griff die Richterin auf - zeigte sich aber mutiger in ihrem Urteil. So habe der Bootsbesitzer Martin P. den Angeklagten um 23 Uhr gestört. "Bei was? Es gibt keinen anderen plausiblen Grund: Der Angeklagte war wegen des Motors da. Er wollte ihn stehlen. Vielleicht zusammen mit einem Partner, der noch nicht da war. " Schließlich hatte ein Nachbar ausgesagt, dass in den Tagen immer mal fremde Leute am oder auf dem Grundstück von Martin P. gewesen sein sollen.

Weiter sagte die Richterin: Es sei doch nur eine Schutzbehauptung des Angeklagten, 23 Uhr im Dunkeln auf einem fremden Grundstück nach einem Pferdeanhänger geschaut zu haben. "Auch sein Alibi erscheint konstruiert, es gibt Indizien für Absprachen", so die Richterin.

Weil der Angeklagte die Bewährungszeit wegen einer anderen Diebstahlshandlung - insgesamt wurde er schon elf Mal einschlägig verurteilt - noch nicht beendet hatte, muss er die acht Monate nun in Haft absitzen. Es sei denn, das Urteil wird vom Oberlandesgericht kassiert. Weil dieser Instanz die Argumention der Richterin in diesem verzwickten Fall doch zu dünn ist.

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