Nach dem Wolfsriss: Alles eine Frage der Sicherheit?

Vor drei Wochen wurden in Oberwiesenthal fünf Schafe von Wölfen getötet oder schwer verletzt. Ein weiteres ist bis heute verschwunden. Die Tierhalter wehren sich nun gegen die Behauptung des Landkreises, ihr Stall sei nicht richtig gesichert gewesen. Und sie sind nicht die einzigen, die sich Sorgen machen.

Kretscham/Oberwiesenthal.

Die Bilder der verletzten und getöteten Schafe sind Romy Schmidt und Fritz-Jürgen Hieke nach wie vor präsent. Drei Wochen ist es nun her, als ein oder vermutlich sogar mehrere Wölfe die Tiere angriffen - der erste bestätigte Wolfsriss im Erzgebirgskreis. Seitdem ist nichts mehr wie es war. Ständig melden sich bei dem Paar, das seit Jahren in Oberwiesenthal Alpakas züchtet und einige Schafe hält, andere besorgte Tierhalter. Mitarbeiter des Wolfsbüros Lupus waren vor Ort. Die Wolfsbeauftragte des Erzgebirgskreises sei allerdings bis heute nicht in Oberwiesenthal bei den Tierhaltern gewesen. Nicht die einzige Kritik, die Schmidt und Hieke an der Landkreisverwaltung äußern.

Anlass ist eine Pressemitteilung des Kreises, die kurz vor Ostern verschickt wurde. Darin heißt es unter anderem, dass die getöteten Tiere auf Veranlassung des Veterinäramtes zu entsprechenden Untersuchungen nach Dresden gesandt wurden. Stimmt nicht, sagen die Oberwiesenthaler. "Wir haben das veranlasst." Zudem macht der Landkreis darauf aufmerksam, dass der Wolfsriss die Notwendigkeit von Maßnahmen des präventiven Herdenschutzes verdeutliche. "Dies war im vorliegenden Fall nicht gegeben, da die Weide lediglich mit einem ca. 70 cm hohen und stellenweise stark beschädigten Knotengitterzaun eingezäunt war. Zudem wies der Stall ungenügende Sicherheitsvorkehrungen auf." Auf Nachfrage von "Freie Presse" teilt Landkreissprecher Stefan Pechfelder mit, dass das Tor "in einem baufälligen Zustand" sei und nicht mit einem Schloss oder festem Riegel verschlossen war. Für die Tierhalter sind die Aussagen nicht nachvollziehbar und sogar rufschädigend. "Das Tor ist nicht baufällig", so Schmidt. Ferner sei es mit einem Holzriegel verschlossen gewesen. Eine typische Sicherheitsmaßnahme, wie ihnen auch von anderer Stelle bestätigt wurde. Doch als die Schafe die Wölfe bemerkten, brach Panik aus, sodass sie sich mit unbändiger Gewalt einen Weg nach draußen bahnten. Kaum etwas hätte sie aufhalten können.


Aus Sicht des Landratsamtes gilt eine Stalltür aber erst als "hinreichend gesichert, wenn sie sich ohne menschliches Zutun weder von innen noch von außen öffnen lässt." Zudem weist Pechfelder darauf hin, dass ein Elektrozaun mit einer Höhe von 100 bis 120 Zentimeter fehlte. Dass die Tiere zum Zeitpunkt, als die Wölfe angriffen, gar nicht auf der Weide standen, sondern im Stall waren, spielt dabei offenbar keine Rolle. Die Oberwiesenthaler wollen sich den Schwarzen Peter nicht zuschieben lassen. Sie glauben, dass auf diese Weise nur versucht wird, andere Tierhalter in Sicherheit zu wiegen und das Wolfsproblem klein zu halten. Sie fordern vom Landkreis nun eine Richtigstellung. Haben sich auch schon wegen der Abläufe unmittelbar nach dem Wolfsangriff an höhere Stellen gewandt und sich beschwert.

Doch wie verhalten sich andere Tierhalter? Uwe Silze betreibt seine Schäferei in Neudorf seit 1993. Aktuell hat er die Verantwortung für 350 Schafe - Lämmer und Nachzucht noch nicht mitgerechnet. Auf der Weide werden die Tiere von einem Elektrozaun mit mehreren Tausend Volt umzäunt - und das schon seit Jahren. Jeden Tag steckt er den Schafen ein anderes Stück Land ab. Dabei versucht er, die Weide etwas großzügiger als notwendig zu halten, damit die Schafe bei Gefahr die Möglichkeit zur Flucht haben. Doch viel sicherer fühlt er sich dadurch nicht. Die Angst, eines Morgens auf die Weide zu kommen und tote Schafe vorzufinden, sei immer da und nun noch wahrscheinlicher.

Die präventiven Sicherheitsmaßnahmen können aus seiner Sicht den Wolf nicht fernhalten. Herdenschutzhunde kommen in seinem Fall auch nicht infrage. Immerhin weiden seine Schafe im Sommer auf den Wiesen Oberwiesenthals zwischen Hotels und Touristen. Bellende Hunde, auch des Nachts, stießen da sicher nicht auf viel Verständnis. Die einzige konsequente Lösung ist in seinen Augen die Bejagung von Wölfen, um die Bestände nicht zu hoch werden zu lassen. "Der Wolf stirbt deshalb nicht aus."

Ihr gesamtes Gelände mit Elektrozäunen zu sichern, ist aus Sicht von Romy Schmidt und Fritz-Jürgen Hieke nicht möglich. Doch gerade um ihre Alpakas zu schützen, knapp 100 leben aktuell auf dem Hof, rüsten sie nach. Eine Konsequenz ist zum Beispiel, die Alpakas nachts nicht mehr draußen zu lassen. Sie kommen in den Stall. Für die Durchlüftung braucht es allerdings Öffnungen, die nun mit Stahlmatten vergittert werden sollen. Sowohl Schmidt und Hieke als auch Schäfer Uwe Silze sind sich sicher, dass es nicht der letzte Wolfsriss war. Schutzmaßnahmen hin oder her.

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4Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    8
    franzudo2013
    05.05.2019

    Wenn die Schäfer verschwinden, gäbe es wieder eine Berufsgruppe weniger, die den Umgang mit unserer Kulturlandschaft beherrscht. Beim Foerster ist es ja schon "gelungen".
    Die Vorwürfe an die Tierhalter sind völlig daneben. Wer den Wolf will, muss die Halter entschädigen. Oder jedem eine Flinte geben.

  • 5
    3
    Tauchsieder
    05.05.2019

    Die "German Angst", alles geregelt von der Geburt bis zum Tod. Ausgerechnet Isegrim hält sich nicht an die Spielregeln, das geht doch nun gar nicht.
    Jeden Tag vor der Klotze sitzen und irgendwelche Tiersendungen reinziehen, heile Welt, Natur pur und wo, natürlich in Kanada, Norwegen oder Alaska, bloß nicht bei uns.
    Hier in Sachsen gibt es lediglich etwa 120 Berufsschäfer und für so eine "gigantische" Anzahl so ein Geschrei und Aufwand. Hier werden die Relationen auf den Kopf gestellt. Wenn die paar Wenigen es nicht schaffen ihre Herde zu schützen, dann sollen sie es einfach lassen.
    Ist der Deutsche weichgespült, fremd gesteuert, oder fern von jeder Risikobereitschaft?
    Da scheinen Russen, die Amis, Kanadier usw. aus einem anderen Holz geschnitzt zu sein. Ganz abgesehen von den Bulgaren, Rumänen, oder den Slowenen und Italienern. Die leben sogar mit Bären in freier Wildbahn nebeneinander. In D, undenkbar, Problembär "Bruno" lässt grüßen. Selbst die renommierte Zeitung "New York Times" hat sich erst kürzlich über die Deutschen und deren Umgang mit dem Wolf lustig gemacht. Äußerst blamabel!
    Wäre es nicht an der Zeit ein Wolfsministerium zu gründen, es kann doch nicht angehen das dies nicht geregelt wird. Vorschlag, Reaktivierung des ehemaligen Bundespräsident Ch. Wulff zum Beauftragten.

  • 10
    4
    jeverfanchemnitz
    04.05.2019

    Rotkäppchen lässt grüßen. Öffentliche Märchestunde für ängstliche uninformierte und leichtgläubige Mitbürger.????

  • 6
    8
    Tauchsieder
    04.05.2019

    Es reicht !!!



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