Natürliche Geburt: Klinikum eröffnet Hebammen-Kreißsaal

Bisher mussten sich Mütter in Annaberg-Buchholz entscheiden: Entweder bekamen sie ihr Kind im Krankenhaus unter ärztlicher Betreuung oder zu Hause beziehungsweise im Geburtshaus in Begleitung einer Hebamme. Nun gibt es eine weitere Alternative. Der kleine Henry wollte aber nicht so lange warten.

Annaberg-Buchholz.

Henry ist gerade einmal ein paar Tage alt und schon etwas Besonderes. Der Grund: Der kleine Junge ist das erste Kind, das im sogenannten Hebammen-Kreißsaal im Erzgebirgsklinikum Annaberg zur Welt kam. Offiziell startet das neue Betreuungsmodell in der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe erst im Februar, doch solange konnte er nicht warten. Er kam am 25. Januar zur Welt. Seine Mutter Carola Liebig aus Zwickau hatte sich für eine Geburt im Hebammen-Kreißsaal angemeldet. Und da im Prinzip alles vorbereitet war, konnte die Geburt gleich unter ausschließlicher Begleitung der Hebammen - ohne ärztlichen Geburtshelfer - erfolgen. Dass die 25-Jährige aus Zwickau extra ins Erzgebirge zur Entbindung kam, hatte noch einen anderen Grund. Ihre Schwester ist seit zehn Jahren Hebamme am EKA. Stefanie Mauersberger war es auch, die ihrer Schwester bei der Geburt zur Seite stand. Hunderten Kindern hat sie bereits auf die Welt geholfen. Die Geburt ihres Neffen im Hebammen-Kreißsaal sei aufregend und auch emotional gewesen.

Beim klassischen Modell einer Klinik-Geburt arbeiten Mediziner und Hebammen zusammen, erklärt Dr. Andreas Gerlach, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe. Die Mehrheit der werdenden Mütter entscheidet sich laut Statistik für eine Entbindung in einem Krankenhaus. Noch nicht einmal zwei Prozent wählen eine Haus- beziehungsweise Geburtshausgeburt. Dabei werde der Wunsch nach einer natürlichen Geburt immer stärker, so Gerlach. Das heißt, immer mehr Frauen wollen möglichst auf medizinische Eingriffe jeglicher Art verzichten. Aus diesem Grund kam der Chefarzt Mitte des vergangenen Jahres auf die Idee, beides - natürliche Geburt und Sicherheit einer Klinik - zusammenzubringen.

Wer sich für den Hebammen-Kreißsaal entscheidet, muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen. So muss die Schwangerschaft komplikationsfrei verlaufen und auch für die Geburt kein absehbares Risiko bestehen. Dieser Punkt werde im Vorfeld genau geprüft, so Andreas Gerlach. Ist es dann so weit, wird die Schwangere die gesamte Zeit von einer Hebamme betreut. Gerade diese 1-zu-1-Betreuung war es auch, die Carola Liebig von dem Modell überzeugt hat. Zur Geburt selbst kommt eine zweite Hebamme hinzu. Wehenmittel oder medikamentöse Geburtseinleitungen sollen vermieden werden, um nur einige Beispiele zu nennen. Ziel ist, so wenig wie möglich zu intervenieren und der Geburt ihren freien Lauf zu lassen. Sollten die Schmerzen doch zu groß werden oder es zu Komplikationen kommen, steht allerdings sofort ein Arzt zur Verfügung. So werde größtmögliche Sicherheit garantiert.

Andreas Gerlach betont allerdings, dass der Hebammen-Kreißsaal den klassischen nicht ersetzen soll und wird. Es handele sich um ein zusätzliches Angebot. Und auch wenn es klingt, als ob die Entbindungsstation nun angebaut werden müsste, dem ist nicht so. Die drei bestehenden Kreißsäle können sich bei Bedarf in einen Hebammen-Kreißsaal verwandeln. An der Tür wird dafür einfach ein Schild mit dem Aufdruck "Hebammengeführte Geburt - Bitte nicht stören" aufgehängt. Kommt es zu Komplikationen, muss die Frau den Raum nicht wechseln, der Hebammen-Kreißsaal verwandelt sich wieder in einen klassischen Kreißsaal.

Am EKA arbeiten elf Hebammen. Mit dem Team könne auch das zusätzliche Angebot abgedeckt werden, erklärte der Chefarzt. Bei den Hebammen kommt das neue Konzept gut an. Bei der offiziellen Vorstellung sagte die leitende Hebamme Evelyn Rehnert, dass sie und ihre Kolleginnen so ihrem Beruf wieder näherkommen. "Es ist wichtig, wie wir geboren werden", erklärte sie. Ziel sei es, so wenig wie möglich einzugreifen. Auch die U1, also die erste Vorsorgeuntersuchung nach der Geburt, werde von den Hebammen durchgeführt. "Wir wollen aber keine Konkurrenz zum Geburtshaus sein", betonte Andreas Gerlach. Das sei es auch nicht, sagt Tamar Küchler vom Geburtshaus "Glühwürmchen" in Annaberg-Buchholz. Vielmehr gebe es so noch mehr Entscheidungsfreiheit für die Frauen, was sehr positiv sei. "Wir unterstützen das."

Neu ist das Konzept der Hebammen-Kreißsäle nicht. Der Deutschem Hebammen-Verband listet mittlerweile rund zwei Dutzend Kliniken in Deutschland auf, wo dieses Betreuungsmodell bereits existiert. Es dürften aber sogar noch mehr sein. Denn nicht aufgeführt sind beispielsweise die Kliniken Erlabrunn. Bereits seit Anfang der 1990er-Jahre werde das Konzept dort gelebt. Nur laufe es nicht unter den Begriff Hebammen-Kreißsaal, erklärt Pressesprecherin Mandy Knoch.

Das Konzept des Hebammen-Kreißsaals wird am 6. Februar im Rahmen der Gesundheitsakademie im Konferenzraum des Erzgebirgsklinikums Annaberg Interessierten vorgestellt. Beginn: 18 Uhr.

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