Patentzentrum muss sich neu erfinden

Seit 140 Jahren können in der Chemnitzer Auslegestelle innovative Produkte angemeldet werden. Doch der technische Fortschritt verlangt von der Einrichtung einen Wandel. Das Stichwort lautet Digitalisierung.

Chemnitz.

Mit einem "Verfahren zur Herstellung einer rothen Ultramarinfarbe" hat alles angefangen. Unter diesem Titel wurde am 22. Oktober 1878 zum ersten Mal in Chemnitz ein Patent ausgelegt. Tausende weitere sollten folgen - darunter auch solche für Produkte, die nachhaltig ihren Weg in den Alltag gefunden haben, wie zum Beispiel der Akten-Dulli, der eigentlich Heftstreifen heißt, oder die Thermoskanne. In diesem Jahr besteht die Patentauslegestelle, die inzwischen Patent-Informationszentrum (Piz) genannt wird, seit 140 Jahren.

Ungefähr 80 bis 100 Patentanträge gehen im Chemnitzer Piz - eines von insgesamt 20 solcher Zentren in Deutschland - inzwischen pro Jahr ein. Die meisten kamen in den vergangenen rund 20 Jahren aus den Bereichen Werkzeugmaschinen, Messtechnik sowie Textil- und Papiertechnik. Dies sei aber nur ein Bruchteil der Anmeldungen aus der gesamten Region, berichtet Silvio Heider, der als Rechercheur im Piz arbeitet. Einige Unternehmen gehen nach seiner Darstellung stattdessen den direkten Weg und reichen ihr Patent unmittelbar beim Deutschen Patent- und Markenamt in München ein.

Die notwendigen Formulare und Recherche-Datenbanken findet man im Internet - ein Umstand, der für das Piz nicht unproblematisch ist. Zur Gründungszeit der Auslegestelle sorgte allein die geografische Distanz zwischen Chemnitz und München für eine Daseinsberechtigung der Einrichtung. Spätestens in den vergangenen zehn bis 20 Jahren haben sich aber die Bedürfnisse der Piz-Kunden verändert, räumt Heider ein. Dass in Chemnitz eingereichte Patentanträge versandkostenfrei nach München weitergeleitet werden, reiche als Existenzgrund nicht aus. Die Patentstelle muss sich deshalb neu erfinden - und hat mit der Umstrukturierung längst begonnen. Regelmäßig finden Schulungen und Workshops statt, das Piz übernimmt das Management bestehender Patente und unterstützt bei der Abwehr von Produktpiraterie.

Heider und seine Kollegen versuchen, mit ihrem Angebot einen Mehrwert zu schaffen, den das Internet allein nicht bieten kann. So ließen sich beispielsweise zwar sämtliche weltweit eingereichte Patente in kostenlosen Online-Datenbanken recherchieren. Für eine anschauliche Visualisierung der Produkte, für statistische Analysen oder den Vergleich von Suchergebnissen seien aber kostenpflichtige Datenbanken notwendig. Auf diese kann das Piz zugreifen, und der Umgang mit diesen komplexeren elektronischen Karteikästen ist für Heider tägliche Praxis.

Unter den Kunden des Piz befinden sich unter anderem etablierte Unternehmen, Neugründungen aus dem Umfeld der Technischen Universität, aber auch Privatpersonen mit ausgeprägtem Erfindergeist. So erzählt Heider, dass ein Chemnitzer Hobby-Erfinder mit der Idee eines Gerätes, das besonders effektiv den Strunk aus Tomaten entfernen kann, auf ihn zukam. Heider habe ihm eine Reihe derartiger Geräte aus dem Internet bestellt - diese hätten aber im Praxistest des Erfinders versagt. "Also lötete er in seiner Garage sein eigenes Produkt zusammen", erzählt Heider. "Und ich muss zugeben: Es funktionierte deutlich besser als die online bestellten Geräte."

Ein anderer Chemnitzer habe ebenfalls nach einer Lösung für ein sehr alltagsnahes Problem gesucht: Wenn er sein Kleinkind mit dem Kinderwagen durch die Gegend fuhr, sei es oftmals von der Sonne geblendet worden. Also tüftelte er an der Idee eines Sonnenschirms für den Kinderwagen, der sich je nach Sonnenstand automatisch neu ausrichtet. Ob und wann die beiden Produkte auf dem Markt erscheinen, ist ungewiss. Aber die Reihe Chemnitzer Erfindungen könnte nach Akten-Dulli und Thermoskanne weitergehen.

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