Schellack gibt Anton Günther die Stimme

Wie haben die Erzgebirger einst gesungen, wie klingen Mundartbeiträge der Großvatergeneration? Dank Schallplatten ist heutigen Musikliebhabern nicht nur die Stimme des Volkssängers bekannt geworden.

Ehrenfriedersdorf.

Sein Liedgut ist im Erzgebirge nicht wegzudenken: Anton Günther. Nicht nur durch einzigartige Liedpostkarten erschließt sich Nachfolgegenerationen das Denken und Fühlen des aus Gottesgab stammenden Mundartsängers. Dank Tonaufnahmen weiß die Nachwelt, wie der Texter und Komponist selbst klang und seine eigenen Lieder interpretierte.

"Anton Günther gilt auch für Schellack-Plattensammler beim Thema Mundartaufnahmen als wichtigster Vertreter", sagt Dirk Gebhardt. Der gestaltete am Donnerstag zum Tag der audiovisuellen Medien in Ehrenfriedersdorf einen unterhaltsamen Themenabend. Die Phonofreunde der Bergstadt hatten dazu insbesondere Fans der Schallplatten eingeladen.

Die Nachforschungen des mit erzgebrigischen Wurzeln in München lebenden Referenten zeigen: Rund 300 Plattenseiten sind mit Beginn der ersten Aufnahme 1906 bis Anfang der 1960er-Jahre, als das Schellack-Aufnahmeverfahren eingestellt wurde, mit Mundartbeiträgen unterschiedlicher Künstler insgesamt bespielt worden. "Erhalten geblieben sind 95 Prozent dieser Aufnahmen, wobei auf Anton Günther 60 Prozent der Beiträge entfallen", erklärt der 46-Jährige, der als Mitglied der Gesellschaft für historische Tonträger Wien in diesen Scheiben ein wichtiges Stück Kulturgeschichte sieht.

Nach dem I. Weltkrieg war Anton Günther in den Blick diverser Schallplattenhersteller gerückt. Die hatten anfangs vor allem nicht zum Sprachraum des Erzgebirges gehörende Künstler gewonnen, Mundartlieder zu singen. "Dr arzgebärgsche Doktor" wird beispielsweise mit den Leipziger Kristallpalast-Sängern aufgenommen. Auch "Grüß Dich Gott mei Arzgebirg" wird bei der Kalliope-Plattenfirma Leipzig mit diesem Ensemble eingespielt. Bedeutete der I. Weltkrieg einen Abbruch, wussten die Produzenten mit Anton Günther dieses Interesse mit einem echten Mundartsprecher wieder anzukurbeln. Nachforschungen ergaben, dass in den 1920er-Jahren mit ihm 27 Titel aufgenommen worden, in unterschiedlichen Versionen und Besetzungen, bei verschiedenen Labels. Als ein erster Beitrag gilt 1921 "Mei Vaterhaus", welches der Sänger mit Lautenbegleitung schmettert, dabei vorab die Zuhörer mit einer kleinen Ansprache grüßend. Bislang insgesamt 117 Aufnahmen von Anton Günther hat Dirk Gebhardt gesammelt.

"Doch es gab eine Vielzahl weiterer Künstler, von denen Mundartbeiträge auf Schellack aufgenommen worden sind", stellte Dirk Gebhardt Akteure und deren Klangbeispiele vor. Zu ihnen zählt Hans Soph, im böhmischen Platten geboren. "Weil ich a Erzgeberger bie" zähle zu den bekanntesten Kompositionen. "Beginnend 1921 sind 20 Aufnahmen mit dem späteren Zwickauer hergestellt worden, davon liegen mir 18 vor." Zugegeben, textlich weniger geschulten Hörern dürfte nicht nur die Liedzeile "Nu saht här, wie schie heit da Sunn unner gieht" exotisch wie eine Fremdsprache vorgekommen sein. Doch die zünftigen Melodien kamen an.

Der Buchholzer Richard Wagner dirigiert 1932 das zum 11. Sängerfest von Electrola aufgenommene "Feierohmd"-Lied. Friedrich Emil Krauß gehörte zu den Initiatoren des Heimatwerks Sachsens, welches Tonaufnahmen mit Vertretern aller Landesteile förderte. Das Ziel: Die Mundart der jeweiligen Sprachräume aufzeichnen und erhalten helfen. So spielen die Zschorlauer Nachtigallen dafür 1937 zehn Titel ein, wissen unter anderem mit "De Ufenbank" den Hörer zu gewinnen. Und auch die Buchholzer Mäd intonieren seinerzeit Anton Günthers Lied "Deitsch is mei Liedel". Dank Schellackplatte finden Musikanten eine Fangemeinde. "Helmut Stapff und die Geschwister Pimpel zählen dazu", weiß der Fachmann zu erzählen. 1936 legen diese "Dr Kuckuck" und "Wenn de Vugelbeer blüht" auf schwarzer Scheibe vor.

Friedrich Emil Krauß, der Schwarzenberger Produzent, war eigentlich Klempner von Beruf. Er gilt auch als einer der ersten, die Tonaufnahmen für den Firmenzweck hergestellt haben. "Für die Leipziger Messe ließ er 1938 die Redebeiträge der Firmenvertreter auf Platte pressen, weil die durch das viele Sprechen heiser geworden waren. Und einmal im Studio finanziert der Unternehmer gleich noch die Aufnahme des Schwarzenberger und des Annaberger Bergmarsches."

Eine Hausaufgabe bewegt jetzt die Gastgeber: 1938 hat ein Bläsersextett der Bergkapelle Ehrenfriedersdorf mit den Rothe-Mäd und Sänger Gerhard Löser einen Titel aufgenommen. Dieses Tondokument fehlt dem Sammler bislang.


Mundart und Medien

1877 beginnt mit Edisons Phonograph die Geschichte der Tonträger.

1906 wird erstmals der Titel "Dr Vugelbärbaam" eingespielt.

1907 produzieren D' Elstertaler aus Plauen erste Schellack-Aufnahmen in Vogtländisch.

1929 nimmt der singende Kellner Friedrich Meier den Vugelbeerbaam auf, ein Auftragswerk seines Hammerwirtes.

Ab 1933 überträgt der Mitteldeutsche Rundfunk Live-Sendungen mit Künstlern, die in Mundart singen.

Anfang der 1930er Jahre startet das Projekt Lautdenkmal reichsdeutscher Mundarten. Dabei werden auch in Seiffen Szenen des Alltags bei Handwerkern aufgenommen.

1958 ist der vorgetragene Annaberger Bergmarsch die letzte Schellackaufnahme in der DDR.

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