So meistert eine Analphabetin ihren Alltag

Was für viele Betroffene ein Tabuthema darstellt, spricht sie offen an: Madeleine Volkmer ist Analphabetin. Doch damit, nicht richtig lesen und schreiben zu können, findet sie sich nicht einfach ab - auch wegen ihrer vier Kinder. Unterstützung findet sie bei einem Verein.

Annaberg-Buchholz.

Im Einkaufskörbchen auf dem Lehrertisch befinden sich geräucherte Sprotten in Rapsöl, Nudeln, Müsli und andere Lebensmittel. Die Lehrerin reicht die Fischpackung an Madeleine Volkmer und fragt: "Wie lange kann ich die noch aufheben?" Die 33-jährige studiert das Glas. Kurzes Zögern. "Da stehen ganz viele Zahlen." Dann verkündet sie das Mindesthaltbarkeitsdatum: Es ist der 1. Dezember 2021. Ein kleiner Erfolg, ob dessen ein Lächeln über ihr Gesicht huscht.

Madeleine Volkmer ist sogenannte funktionale Analphabetin. Das heißt, sie kann Schrift im Alltag nicht so gebrauchen, wie es im sozialen Umfeld als üblich angesehen wird. Das ist keine Seltenheit. Laut einer Studie der Universität Hamburg gibt es in Deutschland 7,5 Millionen funktionale Analphabeten. Doch die wenigsten suchen sich Hilfe und gehen erst recht nicht so offen damit um wie die Annabergerin.

Christoph Ulrich

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Sozialpädagoge Andreas Kleinitzke leitet in Annaberg-Buchholz das Projekt "Du schaffst das!" in Trägerschaft des Christlichen Jugenddorfwerks (CJD) Sachsen, bei dem auch Madeleine Volkmer mitmacht. "Der Kurs dient dazu, die Leute zu befähigen, normal am Alltag teilzunehmen", sagt Andreas Kleinitzke. Ein Jahr lang lernen die acht Teilnehmer - Alter Anfang 20 bis Mitte 40 - zu lesen und zu schreiben. Das geschieht, wie bei den Lebensmittelverpackungen, möglichst praxisnah, auch Exkursionen ins Museum oder Theater gehören dazu. "Der größte Teil ist aber blanker Deutschunterricht", so Andreas Kleinitzke. Fernziel ist es, dass die Menschen eines Tages ins Berufsleben einsteigen können. Zu dem Unterricht kommen Hilfsangebote und eine dreimonatige Nachbetreuung, etwa bei Problemen mit der Wohnung, beim Ausfüllen von Formularen, oder dem Kontakt mit Ämtern und Behörden.

Teilnehmer für die Kurse, die das CJD außer im Erzgebirge noch in Chemnitz, Regis-Breitingen und Freiberg anbietet, seien schwer zu finden, sagt Andreas Kleinitzke. Denn Analphabeten würden sich oft verbergen. "Jeder hat so seine Taktiken, wie er im Alltag klarkommt. Die Betroffenen sind kreativ", so der Sozialpädagoge. Ein Beispiel: Jemand soll bei einem Termin beim Jobcenter ein Formular durchlesen. Die Ausrede laute dann: "Ich habe meine Brille vergessen. Können Sie das bitte vorlesen?"

Madeleine Volkmer versteckt sich nicht. Zum Alphabetisierungskurs fand sie über ihren Bruder, der anderweitig mit dem CJD in Berührung kam. Was ist ihr Problem? "Ich schreibe, wie ich spreche", erklärt sie. Mit dem Lesen langer Worte und Sätze hat sie Schwierigkeiten. Whatsapp-Nachrichten müsse sie sich zwei, drei, vier Mal angucken und beim Zurückschreiben sind Fehler drin, erzählt die 33-Jährige. Im Kontakt mit Behörden und deren oft komplizierten Schreiben benötigt sie die Hilfe eines Betreuers. Beim Einkaufen behält sie den Überblick, indem sie die einzelnen Preise aufrundet und addiert. Unrunde Zahlen, sagt Madeleine Volkmer, mag sie nicht. Und wie ist das mit dem Lesen von Busfahrplänen? "Das geht schon", sagt sie und lächelt, "doch ich laufe lieber". Was im Alltag durchaus zur Herausforderung werden kann, denn Madeleine Volkmer ist alleinerziehende Mutter von vier Töchtern. Ob die Sonne scheint, es stürmt oder schneit: Jeden Morgen geht sie mehrere Kilometer, um ihre Kinder in Kindergarten oder Schule zu bringen. Den Großeinkauf für die fünfköpfige Familie ohne eigenes Auto ermöglicht ein Bekannter. Ein Glücksfall, dass der Kinderarzt um die Ecke ist.

Auch wenn Madeleine Volkmer ihre Wege gefunden hat, als Analphabetin durchzukommen: Zufrieden ist sie mit dem Status quo nicht. "Ich muss an meine Kinder denken", sagt sie. Bei den Hausaufgaben helfen oder ein Buch vorlesen, das soll für sie einmal zum Alltag gehören. Und da ist noch die Sache mit der Arbeit. Nach der Förderschule hatte die Erzgebirgerin eine Ausbildung als Baumetallmalerin begonnen, sie jedoch nicht abgeschlossen. "Das Malen", sagt Madeleine Volkmer und ihre Augen blitzen dabei, "ist noch immer meine Welt." Sie möchte ins Berufsleben - ohne Führerschein ein Ding der Unmöglichkeit.

Der Alphabetisierungskurs hilft ihr dabei, das angehen zu können. Jedoch gebe es eine Hürde, was die Kostenübernahme betrifft. "Vom Jobcenter heißt es, dass ich erst ein Jobangebot haben muss, wo ein Führerschein gefordert wird." Ein Teufelskreis, aus dem Madeleine Volkmer im Moment nicht so recht hinaus weiß.

Andreas Kleinitzke, der Sozialpädagoge vom CJD, unterstützt sie und die anderen Kursteilnehmer indes nach Kräften. Er hofft, dass Madeleine Volkmer ihre Fähigkeiten beim Lesen und Schreiben weiter verbessern kann und eine Arbeit findet, die sie glücklich macht. Als die Kursteilnehmer Weihnachtskarten gestalteten, berichtet er, hätten alle den Text von Madeleine Volkmer zu Papier bringen lassen. Nicht ohne Grund. "Sie hat eine wunderschöne Handschrift."

Kontakt zum Christlichen Jugenddorfwerk (CJD) Sachsen in Annaberg-Buchholz unter Telefon 03733 4269883 oder per E-Mail an andreas.kleinitzke@cjd-sachsen.de.

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